Ende Januar gingen in insgesamt 36 polnischen Städten Zehntausende Menschen gegen die Politik der PiS-Regierung auf die Straße. Für Polen zeichnet sich ein protestreicher Sommer und die härteste Probe der noch jungen Demokratie ab. Ein Standpunkt.

Nein, damit hatte die polnische Regierungschefin Beata Szydło nicht gerechnet. Ganz Europa schaute live dabei zu, wie sie bei der Siegerehrung für die Gewinnerteams der Handball-EM, die letztes Wochenende in Krakau stattfand, mit lauten Buhrufen empfangen wurde. Die Verunsicherung war Szydłos Gesicht deutlich abzulesen. So direkt bekam die neugewählte Premierministerin den Protest gegen die Politik ihrer konservativen PIS-Regierung (Recht und Gerechtigkeit) noch nicht zu spüren. Bis jetzt hat sie diesen ignoriert und klein geredet. Der polnischen Politik ginge es gut, verkündete sie neulich in Brüssel, als eine Sondersitzung des EU-Parlaments abgehalten wurde, weil es Anzeichen dafür gibt, dass die neue Regierung in Polen mit ihren Gesetzen gegen das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit verstößt. Vor allem geht es um Neuregelungen, die das Verfassungsgericht und die öffentlichen Medien betreffen.

Laut Szydłos rechtskonservativer Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) ist die Aufregung um die Reformen nur Propaganda der Opposition. Die ausländischen Politiker seien falsch informiert, behauptet das PiS-Lager. Stattdessen sollten sie lieber selbst nach Polen reisen, um sich ein Bild zu machen. Das ist ziemlich hoch gepokert von der neuen polnischen Regierung, denn das Bild, welches die Interessierten vor Ort vorfinden würden, ist noch dramatischer als es nach außen hin scheint.

Natürlich ist keine Demokratie perfekt, auch nicht in der EU, aber in Polen läuft es ganz deutlich in Richtung Autokratie. Vor der Wahl gab sich die PiS gemäßigt und sozial. Direkt nach der Wahl begann sie, den ganzen Staat nach ihrer eigenen Vorstellung umzukrempeln. Zuerst hat die Partei einen Konflikt um das Verfassungsgericht geschaffen, es geschwächt und gelähmt. Als nächstes wurden die öffentlichen Medien von der Regierung übernommen. Fast allen Journalisten wurde gekündigt und regierungskritische Stimmen sind schon wenige Wochen später im neuen „National-TV“ kaum noch zu finden.

Auch die Staatsanwaltschaft verliert ihre Unabhängigkeitsstatus und untersteht von nun an dem Justizminister. Der öffentliche Dienst wird in Zukunft ebenfalls von regierungstreuen Beamten besetzt sein; die alten müssen gehen. Mit dem neuen Überwachungs- und Polizeigesetz, welches ohnehin schon zu den strengsten Europas gehörte, wird die Überwachung der Bürger on- und offline ausgeweitet und mit ihr die Befugnisse der Geheimdienste. Nebenbei wird das Schulwesen reformiert und zu liberale LehrInhalte werden gestrichen - um nur ein paar der neuen Maßnamen zu nennen.

Mit derart radikalen Eingriffen haben die meisten Polen vor der Wahl nicht gerechnet. Viele sind nun schockiert und können nicht glauben, was gerade passiert. Deshalb formierte sich schnell die Protestbewegung namens „KOD“ (Komitee zur Verteidigung der Demokratie). Mit ihr gehen seit Wochen im ganzen Land, trotz klirrender Kälte, Zehntausende auf die Straßen, um gegen die neuen Gesetze zu protestieren. Für die PiS sind diese Protestler nur entmachtete Eliten und Bürger „der schlimmeren Sorte“, wie sie Jarosław Kaczyński, der Parteichef und eigentlicher Strippenzieher hinter der Regierung von Szydło und dem Präsidenten Andrzej Duda, nannte.

Aber nicht nur Bürger protestieren gegen die PiS. Die wichtigsten Institutionen des öffentlichen Lebens in Polen sind sich fast alle darüber einig, dass die neue Regierung ihre Macht missbraucht, gegen die Verfassung handelt und die Gewaltenteilung nicht respektiert. Die angesehensten Instanzen mit langer Tradition sowie externe Gutachten zählen für die PiS jedoch nicht, denn sie schafft sich ihre eigene Realität.

So wie beim Finale der Handball-EM. Nicht die polnischen Fans hätten Szydło ausgebuht, sondern die deutschen, berichteten im Anschluss konservative Medien. Das Buhen gegen die Realität der neuen Machthaber Polens wird wahrscheinlich so schnell nicht verstummen.