Was Schottland erlaubt wurde, wurde Katalonien verwehrt: eine Volksabstimmung über seine Unabhängigkeit. Als Reaktion erklärten die katalanischen Separatisten die Regionalwahl zum Quasi-Referendum, mit unklarem Ausgang. Doch ist der katalanische Wunsch nach Unabhängigkeit nur ein weiteres Symptom einer Renationalisierung Europas, oder könnten der Europäische Gedanke und der Wunsch nach mehr Regionalität positive Synergien entwickeln? Eine alternative Perspektive.

Die Regionalwahl veränderte alles. Die Regionalwahl veränderte nichts. Das ist das Fazit nach der Wahl des Regionalparlaments der Autonomen Gemeinschaft Katalonien vom 27. September. Für Artur Mas, den Spitzenkandidat des separatistischen Wahlbündnisses „Junts pel Sí“, ist das Wahlergebnis ein Mandat, sein Land bis 2017 in die Unabhängigkeit von Spanien zu führen. Das Wahlbündnis besteht größtenteils aus seiner liberalkonservativen CDC und der linksrepublikanischen ERC sowie kleineren Parteien. Das Bündnis formte sich zu einem einzigen Zweck, der thematisch zum Kern des Wahlkampfes gemacht wurde: die Unabhängigkeit von Spanien. Für die politischen Akteure Spaniens ist dies lediglich eine Regionalwahl, die keinerlei Einfluss auf die spanische Verfassung hat, in der die „unauflösliche Einheit der spanischen Nation“ festgeschrieben steht. Auch die spanische Justiz lässt daran keinen Zweifel und lässt keine Gelegenheit aus, dies den katalanischen Separatisten deutlich mitzuteilen.

Separatistische Grabenkämpfe

Im November letzten Jahres hatte Artur Mas als damaliger Ministerpräsident Kataloniens ein Referendum über Kataloniens Unabhähgigkeit abhalten lassen. Das spanische Verfassungsgericht hatte die Abstimmung im Vorfeld für ungültig erklärt, weshalb sie von den Separatisten zu einer unverbindlichen Volksbefragung umdeklariert wurde. Trotz dieser Unverbindlichkeit untersagte das Verfassungsgericht auch diese Befragung, die aber dennoch stattfand, weswegen Mas sich nun wegen missbräuchlicher Verwendung von Steuergeldern vor Gericht verantworten muss.

Katalonien sagt Jain

Die Wahlbeteiligung bei der Regionalwahl diesen September lag bei über 77 Prozent. Mit knapp unter vierzig Prozent erhielt Mas’ Wahlbündnis zwar die meisten Stimmen, verfehlte jedoch klar die absolute Mehrheit. Die teils linksextreme CUP wollte sich im Wahlkampf nicht an Mas’ Bündnis beteiligen, spricht sich aber klar für die Unabhängigkeit von Spanien aus. Zusammen mit den Sitzen der CUP hätten die Unabhängigkeitsbefürworter im katalanischen Parlament eine Mehrheit von 72 von 135 Sitzen. Wenn man das Wahlergebnis als Referendum deuten würde, müsste man es wie folgt interpretieren: Die Unabhängigkeit von Spanien ist ein kontroverses Thema, das die Bürger Kataloniens bewegt, was sich in einer hohen Wahlbeteilugung äussert. Die Hälfte der Wähler befürwortet diese Unabhängigkeit, die andere Hälfte tut dies nicht. Wobei auch viele aus wirtschaftlichen Gründen zugezogene ethnische Spanier einen Einfluß auf die Wahl hatten.

Auf der Autobahn zur Unabhängigkeit?

Eine Sezession Kataloniens als Folge der knappen Mehrheit der Befürworter im Parlament ist keine Selbstverständlichkeit. Sofern es den Separatisten des Bündisses und der CUP gelingt, ideologische Unterschiede zu überwinden und eine stabile Regierung zu formen, bleibt es weiterhin ungewiss, ob eine solche Regionalregierung eine Unabhängigkeit vorantreiben könnte. Alle Organe des spanischen Zentralstaates zeigen sich in der Frage konfrontativ und verweigern sich jedweder Auseinandersetzung mit dem Thema der Unabhängigkeit Katalonoiens - anders als zum Beispiel die britische Regierung in der Schottlandfrage. Was die Zukunft für Katalonien bringt ist gänzlich ungewiss. Wenn die Akteure auf beiden Seiten sich weiterhin unnachgiebig zeigen, ist eine Eskalation des Konflikts, die letzlich Gewalt nach sich ziehen könnte, nicht auszuschließen. Das Baskenland sollte hier als mahnendes Besipiel dienen.

Separatismus - Warum?

Oft fällt es Außenstehenden schwer, die Motivation hinter dem Separatismus zu verstehen. Es wird verkannt, dass im Separatismus allgemein und im katalanischen Separatismus im Speziellen ein Kampf um das Überlebn einer Kultur seinen Ausdruck findet. Einer Kultur, die durch eine Assimilation in eine nationalzentralistische Kultur in Gefahr steht, ihre Individualität zu verlieren. Sprache stellt dabei ein Medium dar, dass Kultur transportiert und ihr Ausdruck verleiht. Nicht umsonst ist eines der Ziele der Europäischen Union der Erhalt der vielfältigen europäischen Sprachen, auch der Sprachen nationaler Minderheiten.

Die Geschichte einer bedrohten Sprache

Katalanisch ist kein spanischer Dialekt, wie einige vermuten. Für einen Sprecher des Kastilischen, das oft schlicht als Spanisch bezeichnet wird, stellt es eine Fremdsprache dar, die seiner eigenen Sprache verwandt ist, wie zum Beispiel Portugiesisch oder Italienisch. Dabei ist die katalanische Sprache im westlichen Mittelmeer weit verbreitet. Sie wird in Teilen Südfrankreichs, in weiten Teilen Nordostspaniens, auf den Balearen und sogar in einer Gegend von Sardinien gesprochen. Im Fürstentum Andorra ist Katalanisch sogar die offizielle exklusive Amtssprache. Dabei handelt es sich um eine Sprache, die über weite Teile der Geschichte einen Kampf ums überleben führen mußte. Von der Zeit nach dem spanischen Erbfolgekrieg bis in die Zeit der faschistischen Franco-Diktatur, wurde die katalanische Sprache unterdrückt. Und auch heute noch findet eine Verdrängung der katalanischen Sprache statt, die teilweise auch ein politisches Ziel der Separatismusgegner darstellt.

Separatismus in Europa

Viele aussenstehende Beobachter sehen den regionalen Separatismus als Form des wiedererstarkenden Nationalismus oder antiglobalen oder antieuropäischen Provinzialismus. Zwar gibt es durchaus fremdenfeindliche und auch antieuropäische regionale Bewegungen, wie die Lega Nord in Italien oder der Vlaams Belang in Belgien, aber dies ist nur ein Teil des Gesamtbildes. Sowohl die Beispiele Katalonien als auch Schottland zeigen, dass diese Wahrnehmung einem genauen Blick oft nicht standhält. Die schottische SNP, die die Unabhängigkeit Schottlands vom Vereinigten Königreich als erklärtes Ziel hat, ist gleichzeitig die proeuropäischte Partei ganz Großbritanniens, die zeitweise sogar die Einführung des Euros in Schottland befürwortete. Auch Artur Mas liberale CDC und sein Bündispartner ERC gelten als klar proeuropäisch. Für proeuropäische separatistische Bewegungen, stellt der europäische Verbund im besten Fall sogar einen Ersatz für den nationalen Verbund dar, der durchaus auch Vorteile zum Beispiel im Bereich der Aussen- und Verteidigungspolitik mit sich bringt, in denen keine Region oder kleine Nation in Europa wirklich souverän agieren kann.

Das Europa der Regionen

Es fällt leicht, den Separatismus mit Kleinstaaterei zu verwechseln, den die Europäische Union eigentlich überwinden wollte. Aber der Separatismus von Artur Mas aus Katalonien oder Alex Salmond aus Schottland, innerhalb eines europäischen Kontext, hat nichts mit Kleinstaaterei zu tun. Vielleicht lässt sich in einem Europa der Regionen ein europäischer Föderalismus sogar besser verwirklichen als im heutigen Europa der großen Nationen? Wobei Region auch gleichzeitig Nation bedeuten kann im Falle von kleinen Staaten wie Bulgarien oder der Slowakei. Was bedeutet denn staatliche Unabhängigkeit einer Region innerhalb eines Europas, in dem wir eine gemeinsame Währung haben, überall ohne Grenzkontrollen reisen, wohnen und arbeiten dürfen? Es bedeutet auf jeden Fall, dass wir uns mehr Gedanken machen müssen über Subsidarität, über die Macht, Zuständigkeiten und Bedeutung des Nationalstaates im Europa des 21. Jahrhunderts und nicht zuletzt auch über eine gemeinsame europäische Identität. Insofern stellen die Separatisten keine Gegner des Europäischen Gedankens, sondern vielmehr Verbündete dar, die dabei helfen können den nationalstaatlich dominierten Status quo kritisch zu hinterfragen. So könnte man Lösungen finden, die sowohl gesamteuropäische als auch bürgernahe, regionale Politik miteinander vereinen.