Die große Sprachenvielfalt und Diversität der Kulturen wird oft als Argument gegen ein gemeinsames europäisches Medienprojekt angeführt. Eine mediale Informationsplattform für ganz Europa erscheint als ein ambitioniertes Projekt. Vor einem Jahr startete Politico Europe einen Versuch in diese Richtung. Zeit, sich in der europäischen Medienlandschaft umzuschauen.

Einige Indizien sprechen für den Willen, einen europäischen Journalismus aufzubauen: es gibt ein Europäisches Zentrum für Presse- und Medienfreiheit, ein European Journalism Center, einen europäischen Journalistenpreis, sowie Masterprogramme und Vereine. Dennoch hat sich bisher kein europäisches Medium für eine breite Öffentlichkeit etablieren können. Damit sind weder die europabezogene Berichterstattung in den nationalen Medien noch die offiziellen Medienkanäle der EU-Institutionen gemeint. Vielmehr geht es um auf Europathemen spezialisierte Medien, die sich mit den EU-Institutionen sowie der aktuellen Nachrichtenlage in den Mitgliedsstaaten auseinandersetzen - und dies über Grenzen hinweg. Einige Projekte gehen in diese Richtung wie z.B. Europolitique und die Webseiten EurActiv, EU Observer oder Euronews. Dennoch bleiben EU-Themen oft Nischenbereiche in der Berichterstattung. Teilweise sprechen die Publikationen nur ein bestimmtes zahlungskräftiges Publikum an (ein Abonnement des Bulletin Quotidien Europe kostet 1860€ pro Jahr), oder beschränken sich auf einen Vertrieb in Brüssel, Straßburg und Luxemburg. Dass alle Artikel auf Englisch verfasst werden, schließt zudem nicht wenige Leser aus.

Eine elitäre Leserschaft?

Es scheint, als habe sich bisher kein paneuropäisches Presseorgan, das es vielen Lesern ermöglichen würde, sich über EU-Politik und Nachrichten zu informieren, dauerhaft etablieren können. So wurde aus der 1990 gegründeten mehrsprachigen Tageszeitung „The European“ rasch eine britische Zeitung über Europa. In Frankreich wurde 1998 „L’Européen“ gegründet, das Projekt zu europäischer Verständigung dauerte jedoch keine fünf Monate. Euronews, 1993 gestartet, vermittelt Inhalte in 13 Sprachen und beschäftigt 400 Journalisten und muss dennoch mit finanzieller Knappheit kämpfen. So hat das Nachrichtenportal weder eigene Kameras noch genug Mitarbeiter zur Verfügung und muss sich darauf beschränken, Bilder der Agenturen und nationalen Medien zu verarbeiten. Eine objektive Berichterstattung ist so nur schwer möglich, zudem werden nicht alle geographischen Bereiche abgedeckt. Auch der Publikumsdurchschnitt ist männlich, 47 Jahre alt, in Leitungsfunktionen und somit ist Euronews auch ein relativ elitäres Medium.

Ein herausforderndes Projekt

Der europäische Journalismus sieht sich mit mehreren Schwierigkeiten konfrontiert. Es steht zur Debatte, ob es eine europäische Öffentlichkeit aufgrund der Diversität der Kulturen und Alltagsrealitäten überhaupt geben kann. Bei der redaktionellen Arbeit sielt jedoch ein relativ homogenes Publikum, dessen Erwartungen und Interessensgebiete einschätzbar sind, eine große Rolle für die Orientierung der Berichterstattung. Auch die sozio-kulturellen Referenzen sind in Europa sehr verschieden. Das einzige Publikum, das gemeinsame europäische Referenzen teilt, ist meist ein Akademikerpublikum.

Hinzu kommt, dass das Gewinnen von Sponsoren und Anzeigenkunden für ein diffuses europaweites Publikum schwierig werden könnte. Außerdem sind die Gewohnheiten, was den Konsum von Medien betrifft, von Land zu Land verschieden. Im angelsächsichen Raum sind Tabloids weit verbreitet und in Deutschland entspricht rein faktenbasierter Journalismus den Erwartungen der Leser eher als in Frankreich.

Auf Seiten der Redaktionen sind auch die Journalisten unterschiedlich ausgebildet und an verschiedenste Arbeits- und Schreibweisen gewöhnt, wobei es jedoch keine spezielle ortsbezogene Zielgruppe gäbe und alle für das gleiche Publikum arbeiten würden. Hier zu empfehlen ist die Arbeit von Olivier Baisnée. Der Brüsseler Journalist Jean-Paul Marthoz beklagt, dass bereits existierende europäische Medien nicht investigativ genug arbeiten würden.

Eine neue europäische Öffentlichkeit

Die junge Generation könnte eine neue europäische Öffentlichkeit bilden. Mobil und im Netz aktiv, empfinden sich viele als schlecht über Europa informiert. Eine Nachfrage, der die Fernsehjournale kaum engegenkommen, dominiert nationale Berichterstattung doch die Schlagzeilen. Jedoch ist eine transnationale Sichtweise bei gemeinsamen Herausforderungen wie der Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit oder Flüchtlingsbewegungen von großem Interesse.

Einige junge Projekte bewegen sich in diese Richtung: die Seiten von treffpunkteuropa.de, Le Taurillon & Co, oder auch „Café Babel“ sind das beste Beispiel dafür. Partizipativer Journalismus und Übersetzungen bilden die Basis der internationalen Medienprojekte. Auch wird grenzüberschreitende Kooperation zwischen Journalisten immer häufiger. Im letzten Jahr unterzeichneten Redaktionen aus sieben Ländern die „Leading European Newspaper Alliance“, eine Vereinbarung, die den Ausstausch von Artikeln sowie gemeinsame EU-weite Recherchen ermöglicht.

Seit 2015 mischt nun auch eine US-amerikanische Webseite mit. Ursprünglich widmete sich Politico der US-amerikanischen Politik. Mit sieben Millionen monatlichen Aufrufen ein großer Erfolg. Seit April 2015 berichten nun amerikanische und europäische Journalisten auf Politico.eu auf Englisch über europäische Nachrichten. Obwohl die meisten Artikel eher pro-europäisch geprägt sind, hält das Blatt an seiner neutralen Stellung zur EU fest und erklärt, „weder für noch gegen“ die EU zu sein. Eine originelle Position, die das Publikum auch für Europakritiker öffnet. Das Businessmodell der Seite ist interessant. Politico Europe arbeitet mit dem deutschen Mediengroßkonzern Axel Springer zusammen. Mit dem Kauf von „The European Voice“ hat die Redaktion Zugang zu Archiv- und Datenmaterial erhalten können. Regelmäßige Veranstaltungen ermöglichen den Journalisten Networking und Kontakte. „Politico Pro“ bietet weitere kostenpflichtige Inhalte zu den Bereichen Energie, Telekommunikation und Industrie an, die vor allem die europäischen Entscheidungsträger interessieren dürften. Die Webseite finanziert sich größtenteils über diesen Newsletter und findet in der jungen Leserschaft ein interessiertes Publikum. Wenn sich junge neue Medien etablieren, bildet sich vielleicht auch bald ein europäische Öffentlichkeit.