Zivilgesellschaft – was ist das?

Zivilgesellschaft bezeichnet einen Bereich in der Gesellschaft zwischen staatlicher, wirtschaftlicher und privater Sphäre. Diese Sphäre nennt man auch den öffentlichen Raum, der von diversen sozialen Bewegungen ausgefüllt wird.

In der Forschung gibt es mehrere Ansätze und Perspektiven: Während ein enger Ansatz nur Nichtregierungsorganisationen (NGO) als Zivilgesellschaft anerkennt, schließt ein breiterer Ansatz alle zivilgesellschaftlichen Organisationen (ZGO), also auch Lobby und Gewerkschaften, mit ein. Ein dritter Ansatz umfasst alle gesellschaftlich-sozialen Kräfte, mitunter Kirchen, apolitische Vereine und Terroristen. Letzterer wird hier jedoch vernachlässigt.

Zivilgesellschaft – und Demokratie

Eines ist völlig klar: Zivilgesellschaftliche Aktivität ist nur im Rahmen eines demokratischen Rechtsstaats garantiert. Ohne Versammlungs- und Vereinigungsrechte ist Zivilgesellschaft schlicht nicht möglich. Als Bestandteil eines demokratischen Systems muss sich Zivilgesellschaft jedoch an normativ demokratischen Maßstäben messen lassen, insbesondere dann, wenn sie politisch aktiv wird. Nimmt man Demokratie ernst, so heißt das, dass alle in einem Gesellschaftssystem zusammengefassten Individuen gleichberechtigt am politischen Entscheidungsprozess teilnehmen dürfen.

Augenscheinlich ist das bei Zivilgesellschaft nicht der Fall. Den einzelnen NGOs, Lobbys und Gewerkschaften mangelt es ganz erheblich an demokratischer Legitimität, zumal dann, wenn sie nur Einzelinteressen vertreten und nicht im Namen des Volkes sprechen. Doch selbst gemeinwohlorientierten NGOs mangelt es an einer Legitimation durch das Volk. Selbst wenn ihre Ziele uneigennützig demokratischen Charakter besitzen, bleiben die Bewegungen selbst undemokratisch, da sie nur auf ihren Mitgliedern, nicht aber auf der Gesamtheit der Bürger fußen.

Problematisch ist weiterhin, dass Demokratie den gleichrangigen Einfluss der Bürger auf die Politik sichern soll. Zivilgesellschaft untergräbt diesen Ansatz jedoch in aller Regel. Zum einen hängt das politische Gewicht einer Organisation erheblich von ihren Ressourcen und der Mobilisierbarkeit der Mitglieder ab. Des weiteren gewinnen gut organisierte und vernetzte Bürger durch geschicktes Lobbying an Einfluss, während jener der wenig organisierten und vernetzten Wahlbürger schwindet. Hier sei besonders hervorgehoben, dass insbesondere arme und bildungsferne Schichten meist apolitisch sind, durch den zivilgesellschaftlichen Prozess also enorm aus dem politischen Prozess ausgeschlossen werden. Hinzu kommt, dass gebildete, rhetorisch versierte Bürger leichter an einflussreiche Positionen innerhalb der NGOs kommen und sich in thematischen Debatten – nicht zuletzt aufgrund ihres breiteren Bildungshintergrunds – öfter durchsetzen.

Zivilgesellschaft forciert also in erheblichem Maße politische Ungleichheit, was in einer Demokratie nicht unproblematisch ist. Weiterhin mangelt es zivilgesellschaftlichen Bewegungen an adäquater Öffentlichkeitsarbeit und demokratischer Verantwortlichkeit. Sie sind mit ihren Handlungen niemandem Rechenschaft schuldig und können nur unzureichend von der Öffentlichkeit im Auge behalten werden. Beides mindert ihre „demokratische“ Qualität erheblich.

Zivilgesellschaft – instrumentelle und institutionelle Schwächen

Ein Problem von zivilgesellschaftlichen Organisationen (ZGO) ist, dass technologische und ökonomische Entwicklungen äußerst rapide verlaufen und sogar an Geschwindigkeit zunehmen. Insbesondere lose vernetzte und ressourcenschwache Organisationen sind zu träge für die Ansprüche unserer Zeit. Statt proaktiv zu handeln, reagieren sie oft nur auf Gegebenheiten. Auch fehlt es ihnen an Vollzugs- und Aquirierungsinstrumenten. Sie sind also einerseits auf Institutionen, die ihre Ziele konkret umsetzen (Staat), andererseits auf freiwillige Geldzuwendungen und somit die jeweiligen Geldgeber angewiesen.

Gerade wenn ZGO auf nationaler oder internationaler Ebene Einfluss ausüben wollen, werden immense Ressourcen benötigt, weshalb ihre Finanzierung fast nie ausschließlich auf Mitgliedsbeiträgen beruht. Sie sind erheblich dem Einfluss ihrer Förderer ausgesetzt. Dies kann soweit reichen, dass ZGO von Institutionen (z.B. EU oder UN), seltener auch Privatpersonen, die sie finanzieren, als Instrument genutzt werden, um auf andere Entscheidungsträger (z.B. Nationalstaaten) Druck auszuüben.

So finanzierte die EU-Kommission schon früh und in großem Maße feministische Bewegungen, um auf die nationalstaatliche Gleichstellungspolitik einzuwirken. Auch nutzt sie ZGO als Wissensquelle, um ihre eigene Verhandlungsposition gegenüber den Nationalstaaten mit „Expertenwissen“ zu stärken. Dieses Machtinstrument wird durch die Kommission ausgebaut, indem sie die Herausbildung von EU Dachverbänden forciert und finanziell unterstützt. Die demokratische Qualität leidet durch Instrumentalisierung und den zivilgesellschaftlichen Aufbau von oben nach unten („top-down“) enorm.

Die Unabhängigkeit von ZGO ist oftmals mehr als fraglich. Hinzu kommt, dass sie oft multiple Organisationsebenen besitzen, also zum Beispiel lokale, regionale und nationale Ebenen. Umso mehr Ebenen sie besitzen, desto geringer ist normalerweise die Rückbindung an die Basis und es droht die Gefahr einer „Satellitentätigkeit“. Zwar werden die Verbandseliten in aller Regel in einem hierarchischen Stufenmodell gewählt, auch findet meist informative Kommunikation von oben nach unten statt, doch der verbandsinterne Diskurs mit der Basis ist selten effektiv möglich.

Hier liegt eines der größten Dilemmata von ZGO. Soll ein Vorgehen bezüglich einer Politik mit der Basis abgesprochen werden, benötigt das viel Zeit und macht die Organisation behäbig. Soll die Organisation hingegen aktiv und zeitnah im politischen Prozess teilnehmen, geht der Kontakt zur Basis häufig verloren und selbst die interne Struktur von ZGO kann dann kaum mehr als demokratisch bezeichnet werden.

Zivilgesellschaft – in der EU?

Die EU ist ganz besonders auf Legitimität angewiesen, weil sie nicht nur zwischen dem Entscheidungsträger und dem Bürger, sondern auch transnational zwischen den Bürgern Verbindungen schaffen muss. Hinzu kommt, dass es ihr im Vergleich mit dem Nationalstaat an historischem Legitimitätskredit mangelt. Die EU muss also an einer größtmöglichen Integration aller Bürger interessiert sein – das funktioniert nur mit einer konsequenten Demokratisierung. Die Frage ist also, ob Zivilgesellschaft trotz ihrer undemokratischen Natur zur Demokratisierung der EU beitragen kann.

Nach Korruptionsvorwürfen und dem Rücktritt der EU-Kommission unter Santer 1999, erhob Romano Prodi als neuer Kommissionspräsident Zivilgesellschaft zum Königsweg, um die Bürgerferne der EU zu überwinden. Dazu sollte die organisierte Zivilgesellschaft in den EU-Gesetzgebungsprozess eingebunden werden und helfen, das Legitimationsdefizit zu verringern. Konsequent baute die Kommission seither ihr Konsultationsregime aus und tatsächlich stehen rund 85% aller Konsultationen (Grünbücher, etc.) grundsätzlich allen ZGO (auch Individuen) offen.

Problematisch ist jedoch, dass die Kommission die Finanzierung der ZGO an ihr Engagement auf EU-Ebene knüpft, was durch Aktivitätsdruck den Kontakt zur Basis erschwert. Weiterhin sind ressourcenstarke Verbände aus Wirtschaft und Politik, die bereits die engeren Experten- und Stakeholder Beratungszirkel der Kommission dominieren, auch in den offenen Konsultationen vorherrschend. Diese verfügen zudem über mehr persönliche Kontakte zu einflussreichen Politikern auf nationaler und europäischer Ebene. Die eigentliche Einflussverzerrung durch ressourcenstarke Akteure findet also dahingehend statt, dass sie in der Lage sind sowohl durchschlagender, als auch großflächiger und direkter zu agieren. Der Einfluss der Zivilgesellschaft im engeren Sinne muss also eher niedrig eingeschätzt werden. Interessant ist weiterhin, dass Großbritannien das größte Kontingent an ZGO stellt, die an Kommissions-Konsultationen teilnehmen.

Die Forschung bestätigt das Klischee zum Teil. Zwar haben NGOs gerade in jüngeren Generaldirektionen (z.B. GD Gesundheit) an Einfluss gewinnen können, doch insbesondere in älteren Generaldirektionen, wie der GD Binnenmarkt, sind die sogenannten „issue communities“, also Lobbyisten- und Gewerkschaftszirkel, ungebrochen. Von Demokratisierung des europäischen Politikbetriebes kann keine Rede sein. Eine tendenzielle Pluralisierung der Interessen auf EU-Ebene ist hingegen unbestritten und als ein gewisses Gegengewicht zu Lobby, nationalen Regierungen und Gewerkschaften wohl auch wünschenswert.

Zivilgesellschaft – Konsequenzen

Zivilgesellschaft ist in meinen Augen kein Instrument, das – wie manchmal behauptet – die Lücken schließen kann, welche der Rückzug des Staates hinterlassen hat. Gerade die institutionellen Schwächen, die Unmöglichkeit der Politikimplementation und ihre demokratische Minderwertigkeit machen Zivilgesellschaft absolut inadäquat gegenüber den Herausforderungen unserer Zeit.

Politische Gleichheit ist für den weiteren Integrationsprozess der Bürger, aber auch die Stabilität der EU unerlässlich! ZGO verstärken aber politische Ungleichheiten und befördern eine von demokratischer Responsibilität abgekoppelte europäische Funktionselite, auch da ihre Tätigkeiten in den öffentlichen Medien nicht besprochen werden. Die Einbindung breiter Gesellschaftsschichten kann nur durch eine konsequente Ausweitung der Kompetenzen des EU-Parlaments sowie durch eine verstärkte europäische Öffentlichkeitsarbeit erreicht werden. Zivilgesellschaft sollte lediglich als eine Art Übergangsinstrument angesehen werden. Die langfristige Verankerung von ZGO im derzeitigen Institutionengefüge der EU muss zum Wohle der Demokratie und im Sinne einer Einbindung aller Bürger in den politischen Prozess, unbedingt vermieden werden. Dies gilt vor allem im Lichte der fragwürdigen demokratischen Legitimität von Rat und Kommission.