Wenn sich zwei streiten freut sich der dritte. Die alten Mitgliedsstaaten wollen die Körperschaftssteuer harmonisieren, die neuen nicht und seit Jahren gibt es Streit. Die Gewinner sind die Großunternehmen, die ihre Gewinne dort versteuern, wo sie am wenigsten bezahlen müssen. Dabei geht es nicht um die Steuererklärung von einzelnen Firmen, es geht um die große Frage der sozialen Gerechtigkeit in Europa. Denn Steuergelder finanzieren unsere Gesellschaft.

Niemand mag Steuern und doch sind sie wichtig. Ohne Steuern keine Armee, keine Autobahn, kein Park und keine Ampel – ohne Steuern kein Staat. Darum geht es nicht nur den Steuerberater etwas an, wer wie viele Steuern bezahlen muss. Dies spiegelt sich auch in demokratischen Debatten wider: die Parteien haben ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, wie hoch der Steuersatz sein sollte und wofür die Erträge ausgegeben werden sollen. Auf nationaler Ebene ist das bekannt: Traditionell befürworten linke Parteien hohe Steuern (und hohe Staatsausgaben) und die marktliberalen Parteien fordern einen schlanken Staat.

Kaum Schlagzeilen macht hingegen der Streit auf europäischer Ebene. Seit Jahren stehen sich zwei Lager gegenüber: auf der einen Seite die älteren Mitgliedsstaaten, die Steuerharmonisierung fordern, und auf der anderen Seite die jüngeren, sowie Irland und Großbritannien, die für Steuerwettkampf werben.

Körperschaftssteuer und Wettbewerbsdruck

Was ist die Körperschaftssteuer und wieso führt ihre Höhe zu Konkurrenzkampf? Die Körperschaftssteuer wird auf Einkommen von Unternehmen erhoben, daneben gibt es noch die Gewerbe- und die Einkommenssteuer. Zusammen mit anderen Faktoren, wie der Infrastruktur, dem Lohnniveau oder Bildungsstand, beeinflusst die Höhe der Körperschaftssteuer ob sich ein Unternehmen in einem Land ansiedelt, beziehungsweise in das Land investiert. Das bedeutet, je niedriger die Steuer desto attraktiver wird ein Land. Diesen Umstand nutzen die neueren EU-Mitgliedsstaaten und locken Unternehmen mit niedrigeren Steuern.

Die Folge ist ein Wettkampf um die niedrigsten Steuern: von 35,3 auf 23,3 Prozent sank der durchschnittliche Unternehmenssteuersatz in den vergangenen 15 Jahren. Die älteren Mitgliedsstaaten (EU-15) wollen diesen Unterbietungswettkampf stoppen, doch die neueren sehen in niedrigen Steuern eine Chance, Unternehmen bei sich anzusiedeln und damit andere Standortnachteile auszugleichen.

Warum wir Steuerharmonisierung brauchen

Dass Staaten über ihre Steuern selber entscheiden, ist im Grunde nicht schlecht: sie können damit ihre Attraktivität erhöhen und auf Veränderungen der wirtschaftlichen Lage reagieren. Man könnte diesem Wettbewerb auch aus deutscher Perspektive wohlwollend sehen, falls unsere europäische Mitbürger in ärmeren Länder profitieren würden. Doch die Realität sieht anders aus.

Multinationale Konzerne spielen die europäischen Staaten gegeneinander aus: Mit Hilfe von internen Verrechnungstricks lassen sie ihre Gewinne in den Niedrigsteuerländern verrechnen, während ihre Verluste in Hochsteuerländern verbucht werden. Dies ist eine gängige Praxis: Gewinne im Wert von 20 bis 100 Milliarden Euro verlagern deutsche Unternehmen jährlich.

Oft kommt es gar nicht zu einem Produktionsaufbau und damit zur Schaffung von Arbeitsplätzen in den neueren Mitgliedsländern – die Unternehmen gründen einfach Scheinfirmen, die nur dazu dienen, Konzerngewinne niedrig besteuern zu lassen (Im Fachjargon „Verlagerung von Buchungsgewinnen“ – man könnte es auch Betrug nennen). Dies ist nur möglich, da der jeweilige Fiskus lediglich die Vorgänge im eigenen Land prüfen kann, die Unternehmen dagegen grenzüberschreitend agieren.

Interessanterweise sind die Staatseinnahmen durch die Körperschaftssteuer in den letzten zehn Jahren etwa konstant geblieben (ungefähr vier Prozent des Bruttosozialproduktes in EU-27). Wie ist das möglich? Bei stark sinkendem Steuersatz bedeutet das, dass die Staaten das Geld von anderen Quellen erhielten: sie vergrößerten die Bemessungsgrundlage, besteuern also mehr Einkommensarten als vorher mit einem niedrigeren Steuersatz. Diese Entwicklung hat alle jene getroffen, die national begrenzt arbeiten. Thomas Rixen und Susanne Uhl von der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung fassen das so zusammen: „Der real existierende Steuerwettbewerb bevorzugt international mobile Unternehmen und wohlhabende Individuen auf Kosten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, der Konsumentinnen und Konsumenten und des weniger mobilen Kapitals.“

Die gesamte Situation ist ungerecht und hilft keinem weiter: Die Hochsteuerstaaten verlieren Steuereinnahmen, ihre Bürger und Kleinunternehmer müssen höhere Steuern bezahlen, und selbst die Niedrigsteuerländer verlieren: denn anstatt echten Investitionen in die Wirtschaft und Infrastruktur erhalten sie nur Briefkastenfirmen. Diese führen zwar zu Steuereinnahmen, helfen aber der Entwicklung des Landes nicht. Und die multinationalen Unternehmen? Wer die besten Steuerberater hat, gewinnt, könnte man sagen. Doch auch Großkonzerne leiden unter dem Steuerchaos von 27 verschiedenen Systemen, denn die Bürokratie verursacht Verwaltungskosten in Milliardenhöhe.

Wie harmonisieren?

Die Europäische Union braucht ein einheitliches Steuersystem und einen Mindeststeuersatz. Dieses Steuersystem müsste eine gemeinsame Bemessungsgrundlage haben und dafür sorgen, dass alle europaweiten Gewinne und Verluste eines Unternehmens in einer europäischen Steuererklärung zusammengefasst werden. Auf Grundlage dieser können die Nationalstaaten dann ihre Steuern erheben. Verdankt eine Konzernfamilie beispielsweise 30 Prozent ihres Gewinns den Geschäften in Deutschland, so kann Deutschland 30 Prozent des europaweiten Gewinns besteuern, nach dem eigenen Wunschsteuersatz. Der europaweite Mindeststeuersatz muss sein, damit sich der Steuerwettbewerb nicht zu einer Abwärtsspirale entwickelt.

Die Europäische Kommission hat im März diesen Jahres einen Vorschlag unterbreitet, der in eine ähnliche Richtung geht: die "Gemeinsame Konsolidierte Körperschaftsteuer-Bemessungsgrundlage" (GKKB). Sollte sich die GKKB durchsetzen, so könnten sich Unternehmen in Zukunft entscheiden, ob sie ihre Steuern in allen Ländern einzeln berechnen lassen wollen, oder das europäische Modell wählen. Die Kommission geht von Einsparungen in Höhe von mehr als 1,3 Milliarden Euro für Unternehmen aus. Das Problem mit der GKKB ist, dass jene Unternehmen, die am meisten von der aktuellen Situation profitieren, sich nicht für das EU-System entscheiden werden.

Fazit

Aus den Ausführungen folgen zwei Punkte: Erstens brauchen wir ein einheitliches Steuersystem, um Gewinnverschiebungen zu verhindern. Damit könnten Staaten die Souveränität in Steuerfragen wiedererlangen, die sie durch die Globalisierung, bzw. Europäisierung verloren haben. Denn aktuell haben die Konzerne eindeutig zu viel Einfluss darauf, wie viel Steuern sie bereit sind, zu zahlen.

Zweitens zeigt sich am Beispiel der Steuerdebatte ein grundlegendes Problem der Europäischen Union: Während große Unternehmen durch den gemeinsamen Markt sehr profitiert haben, verlieren Bürger und kleine Firmen. Aus moralischer Sicht sind die Steuertricks der multinationalen Unternehmen nichts anderes als Betrug – durch die Mitgliedsstaaten der EU tolerierter Betrug. Wenn die Europäische Union nicht nur von den Unternehmern getragen, sondern von den Bürgern angenommen werden will, dann muss sie sich auch um diese kümmern.