Martin Schulz sollte Kanzlerkandidat der SPD werden. Nur er hat eine Chance, die Kanzlerin zu besiegen, weil er etwas hat, was weder Merkel noch Gabriel vorweisen können: eine klare Vision von Europa.

Lieber Martin Schulz,

was für ein Glück, dass Sie sich entschieden haben, in die deutsche Politik zu wechseln. Sicherlich, Sie hätten Europa und der EU weiterhin einen guten Dienst in Brüssel und Straßburg erwiesen. Doch Ihrem Wunsch, dem Europäischen Parlament für weitere zweieinhalb Jahre vorstehen zu dürfen, hätte die konservative EVP-Fraktion nicht entsprochen. Sie pocht mit ihrer Mehrheit auf die Verabredung mit den Sozialdemokraten zu Beginn der Legislaturperiode, im Januar den Parlamentsvorsitz übernehmen zu dürfen.

Nun also Bundespolitiker und Außenminister bis zur kommenden Bundestagswahl im Herbst 2017 – zumindest scheint alles darauf hinauszulaufen . Der Job passt einfach zu Ihnen: Sie kennen sich in der internationalen Diplomatie aus, wissen Ihren Standpunkt zu vertreten und Kompromisse einzugehen. Ohne diese Erfahrungen hätten Sie nicht fünf Jahre Präsident eines supranationalen Parlaments bleiben können. Unter den Sozialdemokraten findet sich keiner, der den Platz Frank-Walter Steinmeiers, der höchstwahrscheinlich im Februar ins Schloss Bellevue wechselt , besser ausfüllen könnte.

Außenminister - und dann Kanzlerkandidat der SPD zur kommenden Bundestagswahl? Von vielen Seiten tönt es da „Bitte nicht“. Ihre Stellung zu nationalen Themen wie Rente oder Vermögenssteuer seien unkonkret oder gar nicht bekannt, die Verwurzelung innerhalb der SPD zu gering und ihr Auftreten zum Teil rabaukenhaft. Es drohe die „Steinbrück-Falle“ und damit der Abstieg vom Hoffnungsträger zum Hinterbänkler. Mögen es auch berechtigte Bedenken sein, sie täuschen nicht darüber hinweg, dass Sie der bessere und vor allem aussichtsreichere Kandidat wären.

Eigentlich stünde dem SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel qua Amt die Kandidatur zu. Doch sein innenpolitisches Profil bleibt verschwommen und wenig greifbar, obwohl er seit mehr als zehn Jahren in der Bundespolitik aktiv ist. Flüchtlingspolitik oder Freihandel - seine Sprunghaftigkeit steht ihm im Wege. Ihn kennen die Deutschen nicht, weswegen es unwahrscheinlich ist, dass er im Herbst die Kanzlerin ablösen wird. Sie hingegen haben etwas in petto, was weder Gabriel noch Merkel sichtbar und glaubhaft vorweisen können: eine klare Visionen für die EU und damit für Deutschland als zentrale Macht in der Staatengemeinschaft.

Sie wollen auf lange Sicht eine strikte Aufgabenteilung zwischen EU und den Mitgliedsstaaten, bei der die Kommission die Stellung einer europäischen Regierung inne hat, kontrolliert vom Europäischen Parlament. Nicht weniger, sondern mehr Europa mit klaren Verantwortlichkeiten ist Ihre Losung gegen den aufkeimenden Populismus. Wenn auch etwas unausgegoren, geht es hierbei nicht um das Lösen von Ad hoc-Problemen, was Merkels Politik auszeichnet. Es ist ein Wegweiser in die Zukunft, weg von Abschottung, hin zu einer offenen, mutigen und friedlichen Gesellschaft in einer fortschreitend globalisierten Welt.

Die Themen müssen zum Kandidaten passen. Das ist die Lehre aus Steinbrücks Kandidatur: Soziale Gerechtigkeit kann keiner vertreten, der tausende Euro für Vorträge erhält und teuren Wein öffentlich anpreist . Mehr Demokratie, Solidarität und Weltoffenheit, weniger Kleinstaaterei und Eigennutz sind Kernpunkte Ihrer Vision, für die Sie als Parlamentspräsident regelmäßig eintreten und damit glaubhaft repräsentieren. Es sind Themen, die nicht nur auf EU-Ebene, sondern vor allem mit dem aufkeimenden Rechtspopulismus auf nationaler Ebene an Bedeutung gewinnen. Nicht weniger stehen sie für eine klare Abgrenzung zur CDU/CSU und ihren Abschottungstendenzen sowie den Markenkern der SPD. Schaffen Sie es, den Menschen die Vorteile einer stärkeren Integration Deutschlands innerhalb der EU zu vermitteln und wie Sie dies erreichen wollen, haben Sie eine reale Chance gegen Merkel.

Klar ist auch, dass Sie eine Kandidatur nicht öffentlich forcieren sollten. Nur wenn Gabriel freiwillig verzichtet, haben Sie eine Chance, die Wahl zu gewinnen. Personalquerelen lähmen die Partei, verhindern einen effektiven Wahlkampf und verschrecken die Wählerschaft. Auch für die SPD gilt der Leitspruch des ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten Erwin Teufels: Erst das Land, dann die Partei und dann die Person.

Herzliche Grüße

Julius Leichsenring