Was das European Youth Event 2018 mir über Europa beigebracht hat

, von  Sonja Barać, übersetzt von Patrick Geneit

Was das European Youth Event 2018 mir über Europa beigebracht hat
Foto: Jugendbeteiligung und -events haben viele Gesichter: Hier tauschen sich die Teilnehmer*innen einer Veranstaltung des Bundesjugendrings aus. Quelle: Flickr / Bundesjugendring / CC BY-NC 2.0

Vom 1. - 2. Juni 2018 fand in Straßburg das European Youth Event 2018 im Europaparlament dabei. Sonja Barać war dabei und berichtet von ihren Erlebnissen: Ein Kommentar über Entwicklungen in der Jugendbeteiligung.

„Das könnte deine einzige Chance sein, bei einer solchen Veranstaltung mitzumachen. Es könnte jetzt oder nie wieder sein“ – so ungefähr (und in leicht unterschiedlichen Varianten) habe ich es ein paar Mal gehört, als ich beim European Youth Event 2018 in Straßburg, vom 1. bis zum 2. Juni war. 8000 Leute im Europaparlament und beim Yo!Fest haben mir tatsächlich klargemacht, warum mir immer dieser Satz gesagt wurde. Manchmal ging es um eigene Möglichkeiten, manchmal aber auch um eigene Entscheidungen.

Dutzende Workshops fanden während der zwei Tage statt, sowohl im Europaparlament als auch beim Yo!Fest. Die Themen waren unterschiedlich – Gender, Einwanderung, Politik und Richtlinien, Nachhaltigkeit, viele Panels, Kunstdarbietungen und Ideenlabs. Viele von ihnen waren Werbung für Organisationen und Kampagnen. Alles in allem hat nichts im Programm gefehlt, was potentiell junge Leute in Diskussionen bringen und ihr Verständnis von heutigen Themen und davon, wie die Welt funktioniert, vertiefen könnte.

Oder wie sie eben nicht funktioniert?

Abseits der Organisation des Events selbst (welche alles, aber bloß nicht gut war: zwei Stunden in der Schlange stehen, um ins EP zu kommen, drei Essensstände draußen für 8000 Leute etc.) haben auch die Workshops, die stattgefunden haben, natürlich meine Meinung über das Event verändert. Ich bin persönlich interessiert an Sprachen, Einwanderung und biologischer Vielfalt. Seitdem ich mich vor einigen Monaten beworben hatte (man musste sich schnell über ein Online-Formular bewerben – es gilt „first come first serve“), hatte ich mich sehr auf eben diese Workshops gefreut.

Workshop „Biologische Vielfalt und Wilderei“

Was können die EU und ihre Mitgliedsstaaten dazu beitragen, Kriminelle zu stoppen und bedrohte Arten zu schützen? Parkaufseher*innen und lokale Gemeinschaften im Kampf gegen Wilderer unterstützen?

Nach Loïs Lelanchon und Francis Massé ist es absolut vertretbar, Tiere und Aufseher*innen mit mehr Gewalt zu schützen, das heißt, den Aufseher*innen das Recht zu geben, Wilderer*innen zu töten, sofern sie versuchen, in den Besitz einiger Tiere zu kommen. Für sie ist dies eine der Strategien, die eingesetzt werden sollten – und das war ihre Antwort, nachdem sie eine Frage von einem Teilnehmenden gestellt bekommen hatten, ob gewaltsame Maßnahmen und militärischere Ansätze in Betracht gezogen werden sollten, um konkret gegen Wilderei vorzugehen.

Die dritte Sprecherin, Catherine Bearder (Vizepräsidenten des Europaparlaments) blieb bei diesen Kommentaren stumm – was meiner Meinung nach es nur schlimmer macht.

Niemand versuchte, das Problem bei der Wurzel zu packen und sich zu fragen, warum es überhaupt Wilderer*innen gibt und ob sie denn eine andere Möglichkeit haben, um ihre Familien zu ernähren. Haben sie eine Alternative? Es ist eben so, dass dieses Geschäft funktioniert, da es immer noch Kund*innen in ganz Europa, Asien und auf anderen Kontinenten gibt: Das Problem ist sehr viel komplexer. Die Zeit war tatsächlich ein wenig knapp, aber ich bin besorgt darüber, dass wir diese Sachverhalte nicht detaillierter besprochen haben.

Das hat mich darüber nachdenken lassen: Warum lernen wir überhaupt etwas über gewaltfreie Konfliktlösungen und Friedensschaffung durch EU-finanzierte Projekte, wenn wir diese Art von Aussagen noch hören? Wenn wir Zeug*innen davon werden, wie Grenzzäune am Rand der EU errichtet werden, wenn wir Faschisten und Parteien, die sich gegen Immigrant*innen wenden, sehen, die Wahlen in Italien, Slowenien und sonst wo gewinnen, die bereit sind, jede Art von Gewalt für ihre Ziele zu nutzen?

Workshop „Sprachen: Eine gefährdete Art“

Sprachliche Vielfalt ist ein fundamentaler Teil der europäischen Vielfalt. Stärkt oder schwächt es Europas Zusammenhalt? Brauchen wir überhaupt Minderheitensprachen?

Ein interessanter Workshop, der von der Esperanto-Weltjugendorganisation organisiert wurde, der viele Fragen in kleinen Gruppendiskussionen aufgeworfen hat (ob Minderheiten noch ihre ursprüngliche Sprache neben der Mehrheitssprache lernen und wie das richtig durchzuführen ist, und macht sprachliche Vielfalt unser Leben leichter oder komplizierter, etc.). Aber einer der Sprecher war Katalane, da kam die politische Ebene schnell zutage und statt sprachliche Vielfalt zu diskutieren, haben wir die Lage der Katalan*innen diskutiert, mit einem vorbereitetem Teilnehmer, der Applaus für die Sachen erhielt, die er gesagt hatte.

Wenig Moderation und wenig faire Diskussionen – schnell verließ ich den Raum, obwohl ich sogar die Schwierigkeiten der Leute nachvollziehen kann und ich mir sicher bin, dass es hart ist. Aber dafür hab ich mich nicht beworben.

Unser eigener Workshop

Ich (Building Bridges Kampagnenfreiwillige) und Betty (Kommunikationsfreiwillige in IS) waren Teil einer SCI Jugendvertretung und organisierten einen Workshop namens „On the road from ‚apart‘ to ‚together‘: The first step" („Auf dem Weg von ‚auseinander‘ zu ‚zusammen‘“: Der erste Schritt).

Wie können wir Menschen aus verschiedenen Kulturen in einem Europa einschließen, das heute so vielfältig wie noch nie zuvor ist? Welche möglichen Vorurteile könnten europäische Gesellschaften gegen Flüchtlinge und Einwanderer haben?

Wir waren mit dem Ausgang des Workshops zufrieden, die Teilnehmenden haben ordentlich mitgemacht und sprachen sogar noch miteinander, nachdem der Workshop zu Ende ging. Es wäre aber schön gewesen, wenn einige noch etwas mehr (in den Diskussionen) gesagt hätten. Um richtig ehrlich zu sein, bin ich sicher, dass wir es hätten besser machen können, auch weil es immer Raum für Verbesserungen gibt. Aber ich denke auch, dass wir ein paar wichtige Fragen in die Runde geworfen haben und Leute dazu gebracht haben, in unterschiedliche Richtungen nachzudenken. Wir brachten auf den Punkt, dass Hindernisse gut durch Freiwilligkeit und Ehrenamt sowie durch interkulturellen Dialog beseitigt werden können.

Danach

Nach dem Event las ich viele Posts in der EYE2018-Facebook-Gruppe, die mehr als 6000 Mitglieder zählt. Einige fanden, dass das Event fantastisch war und es die Chance gegeben hat, dass sich junge Leute austauschen können. Einige hatten das Gefühl, dass sie nur gekommen waren, um „laute EU-Enthusiast*innen mit liberaler Agenda“ zu hören. Andere dafür, fingen (schließlich) an, europäische Werte zu hinterfragen. Und ich muss dazu sagen, dass alles wahr ist. All das ist passiert und all das vertritt heute Europa.

Was es meiner Meinung nach am besten zeigt, ist ein Moment bei der Abschlusszeremonie von der EYE2018, als ein junges polnisches Mädchen ihre Besorgnis über einen großen Zustrom an Flüchtlingen und Einwanderer*innen nach Europa zum Ausdruck brachte. Sie sagte, sie hinterfrage, inwiefern EU-Bürger*innen geschützt werden können. Der Podiumsgast schaltete fast sofort ihr Mikrofon aus und beantwortete die Frage nicht. Fast jeder im Raum buhte den Podiumsgast dafür aus, aber die Zeremonie ging weiter.

Seltsamerweise fand ich das Video nicht auf YouTube oder auf irgendeinem offiziellen Kanal von EYE2018. Aber wir haben immer wieder gehört: Es ist eine einzigartige Gelegenheit für junge Europäer, ihrer Stimme Ausdruck zu verleihen.

Wie die Mehrheit ticken

Ich hatte permanent das Gefühl, dass, wenn man nicht wie die Mehrheit tickt, man einfach nicht reinpasst. Nicht alles ist schwarz und weiß, links oder rechts. Es gibt verschiedene Facetten an Erfahrungen, Situationen, Lebensweisen und auch unsere eigenen persönlichen Überzeugungen. Beim nächsten Mal, wenn jemand sagt, dass diese Art von kontroversen Aussagen nicht zu Europa gehören, würde ich gerne jene Person bitten, einen Schritt zurückzugehen und sich klarzumachen, dass es Millionen von Europäer*innen gibt, Millionen Menschen gibt, die nach der Wahrheit suchen. Und zu sagen, dass etwas „nicht jemandes Europa“ ist, nur weil der Gedanke nicht in dessen kleine Blase passt, heißt nicht, dass es nicht woanders die Wahrheit für jemand anders sein könnte.

Wir werden Veränderungen spüren, sobald wir alle versuchen, sich in jemanden hineinzuversetzen ohne Vorurteile. Dieses Event gab nicht viel Raum dafür. Das sah ich während des EYE2018 ein: Wir sind noch nicht bereit, zu verstehen, wie sind noch nicht bereit, zu diskutieren - und schon gar nicht gut zu diskutieren. Wir müssen aus solchen Dingen lernen, um unsere Unterschiede anzuerkennen und von ihnen dann zu lernen.

Auch wenn ich nicht mit dem polnischen Mädchen übereinstimme, kann ich verstehen, von wo diese Meinung und vor allem Angst kommt. Ich bin mir sicher, dass es viele Menschen mit einer ähnlichen Perspektive gibt, aber es schien so, als wäre das nicht auf einer größeren Ebene erlaubt. Der Dialog war nicht möglich und ich bin mir sicher, es wird Eindruck auf viele Leute gehabt haben, die diese Situation bei der Abschlusszeremonie miterlebt haben.

Ich hatte auch das Gefühl, dass wir zu sehr an Begriffen hängen und allem Bezeichnungen geben müssen. Niemand hört mehr zu und beobachtet. Es ist nur noch wichtig, das wir einem „guten“, demokratischen und liberalen Standpunkt folgen.

Wen kümmert es, wenn die geforderten Dinge tatsächlich eingeführt werden? Wen kümmert es, dass zum Beispiel die EU-Agentur Frontex eine Budgeterhöhung in Milliardenhöhe erhalten hat, um die Außengrenzen von Einwanderung in den nächsten Jahren zu schützen? Ist es jemandem bewusst, dass das mehr Tote und mehr Leiden bedeutet? Aber das ist wohl nicht unsere Sorge. Wir könnten es ja sowieso nicht mit unseren eigenen Augen sehen – also ist es, als hätte es nie existiert. Unsere kleine Blase wird sicher sein und bleiben. Lang lebe Demokratie und Reisefreiheit.

Was das European Youth Event 2018 mir über Europa beigebracht hat?

Ich werde nun sagen, dass ich keine Absicht habe, an einem solchen Event noch einmal teilzunehmen. Die Sache mit dem polnischen Mädchen, die Tatsache, dass eine Freundin, die an einem Workshop zu „Westlichen Werten“ teilnahm, sich nur an zwei Kameras erinnerte, die automatisch zur Person geschwenkt wurden, die gerade sprach (und ihr auch nicht wirklich klar wurde, worüber der Workshop eigentlich war – ich glaube ihrer Einschätzung sehr) und viele andere Dinge, die ich in diesem Artikel erwähnt habe, motivieren mich nicht dazu, noch einmal teilzunehmen.

Ich muss sagen, dass ich auch selbstkritisch bin: Ich kritisiere, dass ich ers jetzt diesen Artikel schreibe und nicht in der Lage war, das alles auf der Stelle während der Workshops anzusprechen. Das hat mich auch dazu gebracht, zu hinterfragen, inwiefern ich zu einer solchen Entwicklung beitrage. Wir müssen alle unsere Positionen überdenken und vielleicht auch Dinge aus einer anderen Perspektive sehen wollen.

Andererseits waren da sehr viele kluge, talentierte und herausragende junge individuelle Menschen, die eigenständig gedacht haben und die etwas in dieser Welt verändern könnten.

Und das ist unsere Kraft – nicht die der Institutionen, aber der Menschen.

Ich bin dankbar dafür, dass es Bewegungen wie SCI immer noch auf der Welt gibt, weil diese Art von Basisbewegungen und –projekten Veränderungen bewirken und Platz für Austausche auf verschiedenen Ebenen liefern. Und nach diesem Event bin ich noch überzeugter davon, dass das eine absolute Notwendigkeit in unserer heutigen Welt ist – Dinge, die wirklich auf gewaltfreie Konfliktlösung abzielen, Dinge außerdem wieder zu vermenschlichen, die entmenschlicht wurden, und dafür zu sorgen, dass immer ein fairer Umgang und Gerechtigkeit auf jeder einzelnen Ebene vorherrscht.

Ich glaube wahrlich, dass wir immer noch vereint zusammen leben können, und das mit unserem eigenen Herz und Verstand. Wenn das zutrifft, dann gibt es keine Dinge wie Angst, Hass, kein „Wir gegen sie“, kein Denken nur an die eigenen Privilegien, kein Missachten davon, dass wenn eine Person dort draußen unfrei ist, wir alle nicht frei sind.

Meine Forderungen

Wir müssen direkt beteiligt sein und leidenschaftlich einen Wandel anstreben, uns aus unserer Komfortzone unserer Überzeugungen herausbewegen und uns dazu herausfordern nachzuvollziehen, wie vielleicht der, der nicht so ist wie wir, tickt. Manchmal neige ich dazu, selber in meiner eigenen Blase zu leben und das ist etwas, was ich wieder neu realisiert habe. Ich habe viel Ungerechtigkeit und Unangenehmes in Straßburg gespürt und dieses „etwas einfach nicht hier passt“-Gefühl bekommen. Aber es scheint mir, dass ich es noch nicht komplett in Worten beschreiben kann, jedenfalls nicht in diesem Moment.

Schlussendlich würde ich die Organisator*innen des EYE höflich dazu bitten, bestimmte Formulierungen auf ihrer Webseite zu überdenken und, sofern sie wieder beim nächsten Mal einfach Mikrofone abschalten lassen, den folgenden Satz von ihren Online-Plattformen zu entfernen, um Verwirrung zukünftig auszuschließen: „Es ist eine einzigartige Möglichkeit für junge Europäer, ihren Stimmen Ausdruck zu verleihen.“

Sie könnten stattdessen Menschen ihre Meinung ausdrücken lassen und lernen, wie man einen Dialog daraus formt.

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