Zypern: Chronik eines Konflikts

Varoscha – Kapitel 1. Eine Insel, (k)eine Grenze

, von  Marie Menke

Varoscha – Kapitel 1. Eine Insel, (k)eine Grenze
An der Ostküste der Insel wehen nebeneinander die griechische, die zyprische und die europäische Flagge. Foto: Marie Menke

Im Rahmen der EU-Erweiterung 2004 trat die Republik Zypern der Europäischen Union bei. Seit 1974 übt ihre Regierung jedoch keine Kontrolle über die nördlichen Regionen der Mittelmeerinsel aus: 1983 wurde dort die Türkische Republik Nordzypern ausgerufen, ein de-facto-Regime, das international ausschließlich von der Türkei anerkennt wird. treffpunkteuropa.de-Redakteurin Marie Menke schreibt in einer zweiteiligen Reihe über den Zypernkonflikt. Heute: aus der an der Ostküste gelegenen Geisterstadt Varoscha.

Zerfallende Hochhäuser so weit das Auge reicht: An der Ostküste Zyperns versperrt hoher Stacheldraht den Zugang zur ehemaligen Tourist*innenhochburg Varoscha. Aus der Ferne sind zertrümmerte Fensterscheiben und eingestürzte Hausdächer zu erkennen. Tiefschwarze Schilder kennzeichnen den Strandabschnitt als Militärgebiet.

Gerüchten zufolge liegen in Varoscha noch Gehaltschecks auf Küchentischen, Wäsche hängt noch an den Leinen. Nachdem die türkische Armee die zyprische Küstenstadt 1974 einnahm, flohen ihre Bewohner*innen, in erster Linie griechische Zyprer*innen, in die südlichen Gebiete der Insel. Heute ist Varoscha ein Faustpfand, der zum Einsatz kommt, wenn die de-facto-Regierung, die den Norden der Insel kontrolliert, der Republik Zypern etwas zum Tausch anbieten möchte. In der Vergangenheit hat sie u.a. versucht, die Rückgabe Varoschas an die Erlaubnis zu knüpfen, internationale Flüge auch auf dem einzigen Flughafen im Norden der Insel landen zu lassen – wenn auch vergeblich.

Die Anfänge: Zypern im Wandel der Jahrhunderte

Nur 18 Kilometer südlich von Varoscha ist von der gespenstischen Leere des Küstenstreifens nichts mehr zu spüren. Dort liegt Nissi Beach, Partymusik tönt aus Lautsprechern und Strandliegen stehen nah beieinander. Im Vergleich zu anderen Gegenden Zyperns ist der Tourismus in der Region um Ayia Napa herum laut und feierwütig. Dass zwischen Varoscha und Nissi Beach faktisch nur 18 Kilometer, gefühlt jedoch Welten liegen, macht einen Konflikt möglich, der sich seit Jahrzehnten wie eingefroren vor einer Lösung verschließt. Um sich dem zu nähern, lohnt es sich, in der zyprischen Geschichte möglichst früh nach Antworten zu suchen.

In der Bronzezeit erlebte die Mittelmeerinsel zwei Wellen griechischer Einwanderer*innen. Assyrien, Alexander der Große, das ptolemäische Königreich Ägyptens, das Römische Reich und die Republik Venedig – sie alle herrschten nacheinander über Zypern, bis das Osmanische Reich die Insel 1570 unter seine Kontrolle brachte. Die Osman*innen brachten den demografischen Wandel mit sich: Muslim*innen kamen nach Zypern und führten das Millet-System ein, nach dem Nicht-Muslim*innen von ihren eigenen religiösen Autoritäten regiert wurden. Das brachte der Insel religiösen Pluralismus, unterteilte jedoch zugleich die Bevölkerung.

Nach dem Ende des russisch-türkischen Kriegs 1878 verlor das Osmanische Reich die Insel an das Britische Weltreich. Dieses erkannte bald, dass Zypern als eine entscheidende Militärbasis im östlichen Mittelmeer fungieren konnte: 1925 wurde Zypern Kronkolonie. Die Präsenz der Brit*innen warf eine Frage auf, die die Kolonialmacht sich selbst damals noch nicht stellte: Wer sollte eine Insel mit einer inzwischen so komplexen Bevölkerung wie der zyprischen regieren, würden die Brit*innen es eines Tages nicht mehr tun?

1954 - 1956: Ein Konflikt spitzt sich zu

Es folgten Jahrzehnte der Identitätsbildung für die beiden größten Volksgruppen der Insel: So erhielten griechisch-zyprische Schulen Lehrbücher vom griechischen Festland, die die Türkei als Feind porträtierten. Das dazu konträre Bild boten die Schulbücher der türkischen Zyprer*innen. Im Jahr 1954 bat ein Vertreter Griechenlands öffentlich vor den Vereinten Nationen (UN) um ein Selbstbestimmungsrecht für Zypern. Zu einem Schluss kam die internationale Staatengemeinschaft damals nicht.

Das Vertagen der Angelegenheit sorgte dafür, dass sich die Spannungen auf der Insel zuspitzten. 1955 gründete sich EOKA, eine paramilitärische Organisation griechischer Zyprer*innen, die die Angliederung Zyperns an Griechenland mit Gewalt erzwingen wollten. Ihre Morde versetzten die Insel in Angst und Schrecken.

Die von der britischen Regierung geführte Polizei stellte eine aus türkischen Zyprer*innen bestehende Einheit auf, die EOKA bekämpfen sollte. Später gründete sich außerdem ein türkisch-zyprisches Pendant mit ähnlich gewaltsamen Mitteln. Letzteres wurde von der britischen Regierung in der Hoffnung, EOKA einzuschüchtern, teils geduldet. Divide and rule - teile das Volk, bringe Volksgruppen gegeneinander auf und herrsche so über sie - diese Strategie beherrschte die britische Kolonialmacht.

1957: Der Weg nach der Unabhängigkeit

1960 wurde Zypern unabhängig. Posten in der Regierung und im öffentlichen Sektor wurden nach einer Quote verteilt. Ihr zufolge erhielten die türkischen Zyprer*innen ein permanentes Vetorecht in allen Fragen und dreißig Prozent der Sitze im Parlament und in der Verwaltung. Griechenland, die Türkei und das Vereinigte Königreich wurden zu Garantiemächten: Sollte etwas an der etablierten Ordnung rütteln, behielten sie das Recht zur Intervention.

Die griechischen Zyprer*innen gaben sich Mühe, die Unabhängigkeit als Sieg zu verkaufen. Dass die türkischen Zyprer*innen weit weniger waren als die 30% der Bevölkerung, die die ihnen zugeteilte Quote vermuten ließ, schmerzte. Nur drei Jahre später setzte Erzbischof und Präsident Makarios daher dreizehn Änderungen an der Verfassung durch: Präsident*in und Vizepräsident*in verloren ihre Vetorechte und der türkisch-zyprischen Bevölkerung wurden nur die Prozentzahl an Posten im Staatsdienst zugesprochen, die sie auch tatsächlich in der Bevölkerung ausmachten. Damit verlor die Minderheit jedoch ihre Rolle in Verwaltung und Regierung.

1963: Blutiges Weihnachten

Der Dezember 1963 ging als „bloody Christmas“ in die zyprische Geschichte ein: Die Gewalt zwischen den beiden größten Volksgruppen endete am 21. Dezember in einem Massaker mit unzähligen Toten. Nur vier Tage später stationierten das Vereinigte Königreich, Griechenland und die Türkei 2700 britische Soldat*innen auf Zypern, um einen Waffenstillstand durchzusetzen. Auf einer Karte Nikosias zog ein britischer Offizier mit einem grünen Stift eine Linie, um eine Teilung der Hauptstadt zu gewährleisten. Die Kämpfe gingen dennoch wochenlang auf beiden Seiten der Linie weiter. Zugleich tauchten türkische Kampfjets über Nikosia auf, trauten sich aber nicht anzugreifen. Makarios kreierte währenddessen eine auf Wehrpflicht basierende Armee.

Die türkischen Zyprer*innen wussten, dass sowohl das Fortbestehen eines einzigen Nationalstaats als auch wie die Angliederung Zyperns an Griechenland für sie Unterdrückung bedeutet hätte. In Fotos ab den 1950ern, die Proteste der türkischen Zyprer*innen zeigen, tauchen zunehmend Poster und Plakate auf, die eine Teilung der Insel in zwei Nationalstaaten fordern. Türkische Zyprer*innen lebten jedoch nicht in einzelnen Regionen, sondern über die gesamte Insel verteilt. Damit konnten sich alle Beteiligten sicher sein: Eine endgültige und die gesamte Insel umfassende Teilung würde ohne systematische und schwerwiegende ethnische Säuberung nicht möglich sein.

Geisterstadt auf der einen, Partymeile auf der anderen Seite

Eine solche Säuberung hat Zypern inzwischen hinter sich. Zwischen Varoscha und Nissi Beach liegt heute die Pufferzone der Vereinten Nationen, die sich quer über die gesamte Insel zieht. Eine Grenze zwischen Nationalstaaten im klassischen Sinne ist sie nicht: Stattdessen liegt im Süden von ihr die Republik Zypern, deren EU-Beitritt dafür sorgte, dass die gesamte Insel als Teil der Europäischen Union gilt. Nördlich der Pufferzone liegt aber ein Gebiet, das sich der Kontrolle jener Republik Zypern entzieht.

Sich selbst bezeichnet der de-facto-Staat als Türkische Republik Nordzypern (TRNZ): Einige erkennen dies an, in der internationalen Staatengemeinschaft allerdings einzig und allein die Türkei. Andere bezeichnen den nördlichen Teil der Insel lieber als „besetztes Gebiet“. Die UN-Pufferzone sollte jener Gewalt und ethnischen Säuberung ein Ende setzen, welche man in den 1950er noch nicht erlebte hatte, aber bereits fürchtete. Heute garantiert sie den Waffenstillstand.

Wer von Varoscha nach Nissi Beach fährt, kann keinen beliebigen Weg wählen, sondern muss einen der sieben Checkpoints auf der Insel passieren. Dort angekommen wartet je eine Passkontrolle auf jeder Seite. Für Tourist*innen sind es vor allem praktische Gründe, die sie vom Überqueren abhalten: Eine in der Republik Zypern abgeschlossene Autoversicherung gilt beispielsweise nicht in den Gebieten nördlich der UN-Pufferzone. Einige griechische Zyprer*innen weigern sich jedoch ebenso bewusst wie vehement die Übergänge zu nutzen: Für sie ist die Republik Zypern die einzige legitime Regierung auf der Insel, die Volksgruppenführer*innen im Norden hingegen nur Besetzer*innen und deren Verbündeten. Das faktische Gewaltmonopol der Regierung, die Kontrolle über den Norden Zyperns ausübt, möchten sie ebenso wenig anerkennen wie die Existenz der Checkpoints.

Von den Ereignissen haben beide Volksgruppen Traumata mit sich getragen: Die zyprische Geschichte zu erzählen, ohne jemals parteiisch zu wirken, erscheint nahezu unmöglich. Varoscha ist nur eine Geschichte von vielen. Wer die Geisterstadt aber nicht gesehen hat, der versteht Zypern nicht.

Im zweiten Teil dieser Beitragsreihe geht es um Europas letzte geteilte Hauptstadt und die Geschehnisse auf Zypern nach 1967.

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