Nelken in den Gewehren: Der 25. April in Portugal

, von  Knut Kiesow

Nelken in den Gewehren: Der 25. April in Portugal
Die Brücke des 25. April in Lissabon als Symbol der Nelkenrevolution.
Foto: Pixabay / Walkerssk / Pixabay License

Der 25. April gilt als unantastbarer Feiertag in Portugal. Dieser „Dia da Liberdade“ („Tag der Freiheit“) erinnert an die von einer aufständischen Armeegruppe angeführte Nelkenrevolution, die am 25.04.1974 begann und die 41 Jahre andauernde Diktatur, den „Estado Novo“ beendete und damit Portugals Öffnung hin zur Europäischen Gemeinschaft ebnete.

Mit Beginn der 1960er-Jahre wuchs der Unmut vieler Portugies*innen gegenüber dem seit Anfang der 1930er-Jahre bestehenden rechtsautoritären Estado Novo unter Ministerpräsident António Salazar, der bis zu seinem Tod 1968 das Land regierte. Währenddessen verfolgten die afrikanische Kolonien Portugals, wie Mosambik und Angola, zunehmend ihr Bestreben, sich ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen. Diesen Bestrebungen entgegnete die portugiesische Regierung mit militärischen Eingriffen. Portugal begab sich ab Mitte der 1960er-Jahre in mehrere Kolonialkriege, die die Auflösung der Kolonien verhindern sollten und etwa die Hälfte ihres Staatsbudgets beanspruchten.

Salazars Nachfolger Marcelo Caetano zeigte sich dabei offener für gesellschaftliche Reformen als sein Vorgänger. Dennoch hielt Caetano an den Kolonien fest und führte die begonnenen Kriege weiter, in denen zeitweise etwa 80 % der portugiesischen Streitkräfte kämpften und die neben dem Staatshaushalt auch die portugiesische Gesellschaft zunehmend belasteten. Das im Vergleich zu anderen Kolonialstaaten lange Beharren Portugals gegen die Entkolonialisierung und die starke militärische Unterdrückung der Unabhängigkeitsbestrebungen ließ sich dabei weder strategisch noch wirtschaftlich begründen, da auch die heimische portugiesische Bevölkerung zunehmend verarmte.

Widerstand aus den eigenen Reihen

Innerhalb der portugiesischen Armee nahmen Zweifel zu, den Krieg gegen die Kolonien überhaupt gewinnen zu können. Für Aufsehen sorgte dabei ein viel beachtetes Buch namens Portugal e o Futuro (Portugal und die Zukunft), das Anfang 1974 erschien. Der Autor António Spínola und stellvertretende Generalstabschef der portugiesischen Armee, behauptete, der Krieg sei militärisch nicht zu gewinnen und schlug die Bildung einer Föderation mit den Kolonien vor, da er ihre vollständige Unabhängigkeit ablehnte. Bis heute ist ungeklärt, warum Staatschef Caetano die Veröffentlichung dieses Werkes zuließ und ob er es zuvor überhaupt gelesen hat.

Zugleich schlossen sich zunächst etwa 150 Offiziere zur linksorientierten Bewegung der Streitkräfte (MFA) zusammen, die den Umsturz des Caetano-Regimes vorbereiteten und zunehmend breite Teile des Militärs für sich und ihr Ziel eines neuen, demokratischen Portugals gewinnen konnten. Sie bereiteten einen Militärputsch vor, dessen Ausführung sie auf die vorletzte Woche des Aprils 1974 legten.

Die Nacht der Entscheidung

In der Nacht vom 24. auf den 25. April 1974 war es dann so weit: Zwei zuvor vereinbarte geheime Signale setzten den Staatsstreich in Bewegung. Das erste Geheimsignal, das Lied E depois do Adeus (Und nach dem Abschied), welches gegen 22:30 Uhr im Rundfunk lief, ist dabei deutlich weniger bekannt geworden als das Zweite. Als portugiesischer ESC-Beitrag von 1974 hatte es auch nicht den revolutionären Charakter des während der Diktatur aufgrund kommunistischer Tendenzen verbotenen Liedes Grândola, Vila Morena (Grandola, braungebrannte Stadt). Dieses war gegen 00:30 Uhr im Rundfunk zu hören und gab das endgültige Startsignal an die aufständischen Truppen, dass die Operation begonnen hatte, denn so wussten diese, dass die Rundfunkanstalten bereits in der Gewalt der MFA waren. Gegen vier Uhr in der Nacht wurden dann der Flughafen Lissabons und einige Ministerien von den Aufständischen besetzt. Die Mehrheit der angerückten Militäreinheiten, die von der Regierung geschickt wurden, liefen zu den Aufständischen über, weshalb der Putsch letztlich sehr friedlich verlief. Am Mittag stellten die Putschisten Caetano dann das Ultimatum, sich zu ergeben. Zuvor hatte er sich mit einigen Ministern seines Regimes in einer Kaserne verschanzt. Bevor er sich tatsächlich ergab, stellte er eine Bedingung: Die Regierungsgewalt wollte er statt an ihm unbekannte Offiziere nur an António Spínola übergeben, der Caetano kurz zuvor mit seinem Buch noch so blamierte.

Der aufgrund seiner freiwilligen Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg in den 1930er-Jahren auf Seiten des Diktators Francisco Franco als sehr konservativ geltende Spínola war nicht Teil der MFA und erfuhr wohl erst wenige Stunden vorher von dem geplanten Umsturz. Dennoch akzeptierte die MFA Caetanos Forderung und machte Spínola zum Führer einer Übergangsregierung. Der Aufforderung der MFA an die Bevölkerung, den 25. April 1974 über zuhause zu bleiben, kamen nur die Wenigsten nach. Die anrückenden Panzer der Putschisten wurden in Lissabon frenetisch empfangen. Einige Frauen steckten den Soldaten in Anlehnung an das Symbol der sozialistischen Arbeiterbewegung rote Nelken in die Gewehrläufe, weshalb man heute von der Nelkenrevolution spricht.

Gleichwohl ging der Tag des 25. April leider nicht vollends friedlich zu Ende: Als sich einige Demonstrant*innen am Abend, nachdem Caetanos Niederlage bereits besiegelt war, auf den Weg zum Hauptsitz der verhassten Geheimpolizei machten, eröffneten Anhänger*innen dieser das Feuer, wodurch vier Demonstrant*innen starben. Die Wut der Demonstrant*innen auf die Geheimpolizei basierte auf deren Bekämpfung von Oppositionellen während der Diktatur.

Die Zeit danach

Da die einzigen Gemeinsamkeiten der Aufständischen die Ablehnung der Kolonialkriege sowie die Öffnung zur Demokratie waren, gestalteten sich die ersten Jahre nach der Revolution als politisch schwierig. Die Oppositionellen Militärs, die sich aus Konservativen, sozialistischen und linken Gruppen zusammensetzten, hatten sehr unterschiedliche Vorstellungen von Portugals Zukunft, auch in Bezug auf die Form und den Weg in die Unabhängigkeit der Kolonien. Es begann ein zweijähriges politisches Chaos mit mehreren provisorischen Regierungen, gescheiterten sozialistischen Utopien sowie einem Putschversuch konservativer Militärs im März 1975, an dem sich sogar der frühere Staatschef Spínola beteiligte.

Die Sozialistische Partei Portugals, die als sozialdemokratisch gilt, wurde bereits ab 1973 finanziell von der deutschen SPD unterstützt, um sie für einen Beitritt Portugals in die Europäische Gemeinschaft (EG) vorzubereiten, welcher 1986 erfolgte. Der in Portugal Anfangs versuchte Dritte Weg zum Sozialismus, gegen den sich auch der oben erwähnte Putschversuch von 1975 wendete, wurde schnell durch die Eingliederung in den westeuropäischen Konsens und der Entwicklung zur parlamentarischen Demokratie beendet. Dieser sogenannte Dritte Weg nahm etwa Gestalt in umfassenden Verstaatlichungen, einer Landreform sowie dem in der neuen Verfassung von 1976 ausgegebenen Staatsziel des Übergangs in den Sozialismus.

Auch der Weg, der in die Unabhängigkeit entlassenen Kolonien, brachte drastische Folgen mit sich. Zwar bezeichneten die Protagonisten der Revolution diesen Weg als exemplarisch, doch tatsächlich verlief die Entlassung der Kolonien in ihre Unabhängigkeit völlig planlos. In Angola, wo drei Freiheitsbewegungen gegeneinander kämpften, führte dies zu einem Stellvertreterkrieg der USA und der Sowjetunion mit etwa einer Million Tote und im Osttimor zu einem Völkermord durch Indonesien, dem etwa 800.000 Menschen zum Opfer fielen und einem 24 Jahre andauernden Krieg. Als Ursache für diese negativen Entwicklungen kann die Haltung der neuen portugiesische Führung angesehen werden, die die Kolonien nur noch loswerden wollte und sich für ihre weitere Entwicklung nicht sonderlich interessierte und diese auch nicht beim Aufbau neuer Strukturen unterstützte.

Der 25. April heute: Wenn die Nacht zum Tag gemacht wird

Der 25. April spielt als Feiertag weiterhin eine besondere Rolle für die portugiesische Gesellschaft. So ist auch die drittlängste Hängebrücke weltweit über dem Fluss Tejo in Lissabon nach dem 25. April benannt. Das Lied Grândola, Vila Morena wurde in der Folge nicht nur zur Hymne der Revolution, sondern auch zur inoffiziellen Hymne des gesamten Landes. In der Nacht auf den 25. April wird heute vielerorts, vor allem in Lissabon, mit Konzerten und weiteren kulturellen Veranstaltungen die Nacht zum Tag gemacht. Am Tag des 25. April werden die Straßen in vielen Städten und Dörfern mit Nelken geschmückt und es finden Demonstrationen zum Andenken an die Revolution statt. Die Freiheit wird ausgelassen gefeiert, nicht ohne auf heutige Missstände aufmerksam zu machen. So empfinden einige Portugies*innen die Werte der Revolution, allen voran die Demokratie und Volkssouveränität, im Zuge der Weltwirtschaftskrise 2009, die Portugal besonders stark traf, als verletzt.

Was bleibt von der Nelkenrevolution?

Auch über Portugals Grenzen hinaus ist der 25. April 1974 ein bedeutender Tag für Europa. Er gilt als Auftakt der südeuropäischen Demokratisierungswelle, die im selben Jahr in Griechenland und Ende 1975 auch in Spanien die faschistische Diktatur beendete. Damit eröffneten sich für drei Staaten Wege in die Europäischen Gemeinschaft. Die Corona-Pandemie macht natürlich auch nicht vor Portugal und dessen Feiertag Halt. Aktuell gelten weitreichende Ausgangsbeschränkungen, die verhindern, dass der 25. April in diesem Jahr wie gewohnt stattfinden kann. Alle Veranstaltungen sind bereits abgesagt. Die Associação 25 de Abril (Verein des 25. April), deren Zweck die Erinnerung an die Werte der Nelkenrevolution ist, möchte jedoch nicht vollends auf die Feierlichkeiten verzichten. Sie rufen dazu auf, am 25. April um 15 Uhr an den Fenstern das Lied Grândola, Vila Morena gemeinsam anzustimmen und fordern weiterhin, dass das Lied zu dieser Zeit auch im Fernsehen und im Radio abgespielt werden soll. Wie damals als die Revolution anfing, in der Nacht zum 25. April 1974.

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