Jugendbegegnungen im Sport

Ein Plädoyer

, von  Behzad Borhani, Peter Brinks

Jugendbegegnungen im Sport
Sport verbindet über Nationen und Ländergrenzen hinweg © Magdiel V. Crisan (CC BY-SA 2.0) flickr

„Gemeinsame Erinnerungen sind manchmal die besten Friedensstifter“ Der französische Feuilletonist und Autor Marcel Proust, von dem das Zitat stammt, hat sich zeitlebens in seinen Werken mit dem Erinnern sowie der subjektiven Wahrnehmung und somit einer subjektiven Wahrheit beschäftigt.

Fragen über Fragen

Was ist die subjektive Wahrnehmung, was die subjektive Wahrheit von jungen Menschen, die weder den Prozess, noch den Systemwechsel selbst in Europa 1989 miterlebt haben? Wie sehen diese jungen Menschen ein Europa, das zwar keine Grenzen mehr zwischen seinen Mitgliedsstaaten kennt, keine Mauer, die Systeme trennt, aber Außengrenzen, an denen jeden Tag Menschen sterben beim Versuch hereinzukommen? Und letztendlich die Frage: Wie sehen sich diese jungen Menschen selbst? Welche geografische Identität nehmen sie an? Wiener? Hessin? Spanier? Europäerinnen? Die Europäische Union steht vor der Herausforderung, Demokratie und soziales Gleichgewicht innerhalb der Staaten und auch untereinander zu schaffen. Doch in den letzten Jahren sind europafeindliche und pronationale Stimmen zu hören. Wir hören sie laut und wir hören sie in vielen Sprachen. Die deutsche Variante „Wir sind das Volk“ stellt genau diese Frage nach der Identität. Wer ist „Wir“ und wer sind die anderen, von denen „Wir“ uns abgrenzen? Die Frage nach der Identität stellt sich jedem jungen Menschen zwangsläufig irgendwann im Laufe seiner Entwicklung, und im besten Falle wird ihn diese Frage das ganze Leben begleiten. Umso wichtiger ist es, dass diese Findung durch möglichst viele Erfahrungen, Erlebnisse und Erinnerungen beeinflusst wird und weitestgehend frei von Vorurteilen, Fehlinformation und Angst ist.

Das Europa der Regionen im Sport

Die sportiven Treffs in Europa, kurz Eurocamps, die die Sportjugend Hessen mit ihren Partner/innen aus dem Netzwerk „Europa der Regionen im Sport“ alljährlich in ganz Europa veranstaltet, können solch eine Plattform, ein Ort und eine Institution zugleich sein, in dem internationale Begegnungen geschaffen werden. Begegnungsorte, die die Dynamik und Vielfalt von Identitäten aufzeigen. Die Zusammensetzungen der Gruppen, das persönliche Miteinander, die Bewegungskulturen, die Kunst und das Kennenlernen der anderen Moden, Ess- und Partykulturen stellen die eigene nationale Identität hintenan. Man ist Jugendlicher, Tänzer, Fußballspieler, Sportmuffel, Vegetarier, Rocker etc. Dies bietet Raum, sich selbst zu entdecken und zu entwickeln. Um dem Bedürfnis einer geografischen Identität nachzukommen, tritt hier das Regionale an Stelle des Nationalen. So werden Gruppen aus unterschiedlichen Regionen eines Landes sich ihrer Unterschiede bewusst, finden aber gleichzeitig ganz viele Gemeinsamkeiten. Die eventuell vorkonstruierte nationale Gemeinsamkeit wird im regionalen Kontext kritisch hinterfragt und reflektiert.

Politische Bildung ganz nebenbei

Nach wie vor sollten die Teilnehmer/innen der Eurocamps in mittlerweile 14 europäischen Regionen in erster Linie positive Sporterlebnisse mitnehmen und die Begegnung mit dem Fremden als eine Bereicherung erfahren. So werden sie zurück in ihren Heimatregionen das Fremde nicht als Bedrohung wahrnehmen oder Menschen anderer kultureller Herkunft für sämtliche gesellschaftlichen Missstände verantwortlich machen. Neben diesem eher emotionalen Lernen muss aus Sicht der Sportjugend Hessen auch das Kognitive treten. Dazu gehören kurze politische Vorträge, auch durch die Teilnehmer/innen selbst, Rollenspiele, Erstellung von Videosequenzen und kleine Radiosendungen, Besuche von Gedenkstätten und Museen sowie Diskussionen mit Politikern.

Internationale Gäste sind in Hessen willkommen

Politische Situationen ändern sich. Die Auswirkungen spüren wir seit einigen Jahren auch innerhalb unseres Netzwerkes. Eine politische Jugendbildung, ja selbst das Ansprechen politischer Themen im internationalen Jugendaustausch ist in einigen Regionen durch Regierungswechsel auf nationaler Ebene nicht mehr erwünscht. Auch wenn dadurch keine hessischen Gruppen mehr in bestimmte Regionen reisen, stehen unsere Türen immer offen für unsere internationalen Partner/innen. Der polnische Soziologe Zygmunt Baumann schreibt in seinem Essay „Die Angst vor dem Anderen“, dass Verweigerung des Dialogs das erste Hindernis auf dem Weg zum Abbau der wechselseitigen Entfremdung sei. Wir wollen den Dialog gerade in schwierigen Zeiten aufrechterhalten. Für ein Europa, das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch demokratisch und sozial geeint ist. Der Weg dahin ist Frieden. Und Frieden kann man am besten durch gemeinsame (positive) Erinnerungen stiften.

Der Artikel von Behzad Borhani und Peter Brinks erschien erstmalig im Magazin „Sport in Hessen“ in der Ausgabe vom März 2017 und wurde uns als Gastbeitrag zur Verfügung gestellt.

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