Falsches Erinnern, falsches Vergessen

Treffpunkt Europa Essay Wettberwerb - 2. Platz

, von  Marco Bitschnau

Falsches Erinnern, falsches Vergessen

treffpunkteuropa.de hat im Februar einen transnationalen Essay-Contest ausgerufen. Besonders viele Einsendungen erreichten uns zu Thema Drei mit der Frage: „Hin zu einer Kultur des “anything goes” in Europäischer Geschichte und Erinnerungskultur?“ Autoren sollen in ihrem Essay über Phänomene wie „alternative Fakten“ und „post-truth“ im Kontext geschichtlicher Argumentationen nachdenken, sowie über die Fallstricke historischer Analogien und das damit verbundene Potential für politische Manipulation. In den folgenden Wochen werden wir jeweils samstags eines der Essays veröffentlichen. Den Anfang macht der Text „Falsches Erinnern, falsches Vergessen“ von Marco Bitschnau, der sich gemeinsam mit Beninio McDonough Tranza den 2. Platz teilt.

Denkt man über Geschichte nach, so wird einem bald klar, dass man es bei diesem Begriff nicht selten mit zwei völlig disparaten Phänomenen zu tun hat, die aber auf eine eigentümliche Art dennoch fest ineinandergreifen. Auf der einen Seite ist da zunächst das klassische Verständnis von Geschichte als Sammlung mehr oder weniger gesicherter Informationen über die Vergangenheit. Dieses Verständnis ist im besten Sinne akademisch; es bemüht sich um die - wenn auch notgedrungen imperfekte - Rekonstruktion von Gewesenem und versucht, den Wust an Zahlen, Daten, und Ursache-Wirkungs-Relationen zu bändigen und ihm eine Ordnung zu geben. Auf der anderen Seite existiert aber auch noch ein viel pragmatischeres Verständnis, ein Verständnis von Geschichte als selektiver Erinnerung. Nicht das Fachurteil der Historiker oder die Stringenz der Fakten, sondern in erster Linie unsere gesellschaftliche Wahrnehmung und Interpretation ist es, die hier die gesellschaftlichen Referenzmöglichkeiten bestimmt.

Mémoire collective, kollektives Gedächtnis, nannte der französische Soziologe Maurice Halbwachs in seiner gleichnamigen Schrift jene Form von gemeinsamer Erinnerungspraxis, die es Völkern, Nationen und vergleichbaren Großeinheiten gestattet, der Rekonstruktion von Vergangenheit ihre viel offenere Imagination gegenüberzustellen. Wirtschaftswunder, Zweiter Weltkrieg, Mauerfall, ja, selbst Altes Rom: All diese Begriffe erwecken Emotionen, verbinden sich gedanklich mit zumeist medial vorselektierten Bildern, Personen oder Ereignissen und werden auch im Diskurs in einer ganz bestimmten Art und Weise referenziert.

Besonders gerne nutzen die verbalradikalisierten Elemente der politischen Rechten explizite Reisen in diese erinnerte Vergangenheit. Politiker der deutschen AfD sprechen etwa wenig zimperlich von „tausend Jahren deutscher Geschichte“ und changieren dabei zwischen bemüht überspielter NS-Referenz und Anrufung eines national-christlichen Mittelalterbildes; ihre Kollegen von der britischen UKIP gefallen sich in ganz ähnlicher Manier darin, im Kampf um den Brexit die Heldenschlachten von Agincourt oder Trafalgar noch einmal aufleben zu lassen; und die transnational agierende rechtsextreme Identitäre Bewegung jongliert gar nach Belieben mit einer Vielzahl an Verweisen auf die Blütezeit des antimuslimischen Abwehrkampfes. Dem gegenüber stehen vergleichsweise statische Erinnerungskulturen von offizieller Seite, die sich vielfach auf die reine Klassikerpflege beschränken und der Inanspruchnahme von Rechtsaußen nur in Ausnahmefällen Paroli bieten. Die wenig überraschende Folge ist die zunehmende mnemonische Prävalenz von historischen Trug- und Mythenbildern, die häufig mit einem erheblichem Gefahrenpotential für jede plurale und egalitäre Ordnung einhergehen. Im Europa des 21. Jahrhunderts finden sich zwei dieser Bilder recht häufig: Der Mythos von der reinen Nation, der bisweilen auch in den Mythos von einem reinen Europa umschlagen kann. Und der Mythos von der unschuldigen Nation oder respektive auch dem unschuldigen Kontinent. Was ist damit konkret gemeint? Beim Reinheitsmythos vor allen Dingen die Annahme, dass die europäischen Nationalstaaten oder auch Europa als Ganzes eine überzeitliche, quasi ewige Essenz besitzen und dass die europäischen Völker die Träger dieser Essenz sind. Nationalstaaten die das Produkt der politischen Wirren der letzten Jahrhunderte sind, werden dabei als antik erinnert; Völker, die im Lauf ihrer Ethnogenese einem bunten Gemisch aus Einflüssen aus allen Himmelsrichtungen ausgesetzt waren, als authentisch und rein. Die der Geschichte eigene Komplexität wird geleugnet. An ihre Stelle tritt vordergründige Einfachheit, die aber bei aller Linearität von einem tiefen mythischen Flimmern erfüllt ist.

Besonders deutlich wird diese Form der Erinnerung dann, wenn grauschattierte Männer (und deutlich seltener auch: Frauen) der Weltgeschichte zu Nationalhelden und sinnstiftenden Identifikationsfiguren umfunktioniert werden. Ganz nach Thomas Carlyles bekanntem Diktum, dass die Geschichte der Welt letztlich nichts weiter sei als „the biography of great men“, wird somit aus dem lothringischen Bauernmädchen Johanna, das durch die Wirren des Hundertjährigen Krieges in eine Kommandoposition aufstieg und dort für ein französisches Herrschergeschlecht Krieg gegen ein anderes führte, im französischen Bewusstsein die strahlende Jungfrau von Orleans. Aus dem weitgehend romanisierten Heerführer Arminius wird im deutschen Bewusstsein analog der wackere Germanenrecke und Freiheitskämpfer Hermann der Cherusker. Und aus dem kleinadeligen Söldnerführer und Warlord Rodrigo Diaz de Vivar im spanischen Bewusstsein schließlich die ritterliche und galante Balladenfigur El Cid. Man könnte diese Beispiele ewig weiterspinnen und auch auf die weniger ahistorisch aber ebenso einseitig erinnerten Orientierungsfiguren der letzten Jahrhunderte ausdehnen: Etwas auf Martin Luther, der eben nicht nur ein großer Reformator, sondern auch ein glühender Antisemit war; oder auf den überzeugten Nationalisten und Hitler-Attentäter Stauffenberg, in dessen antidemokratischen Phantasma eines „heiligen Deutschlands“ man gemeinhin nun wirklich nicht leben wollen würde. Diese Art von Mythenbildung ist bis zu einem gewissen Grad wohl nicht zu vermeiden. Schwierig wird es indes dann, wenn sie politisch für rechte Identitätsnarrative nutzbar gemacht wird. Das in Europa gerade schwer in Mode stehende Gerede von einer angeblichen Islamisierung des Kontinents tut etwa genau das: Es nutzt den Kern realer, historisch überprüfbarer Ereignisse (etwa der Belagerung Wiens durch die Osmanen), formt daraus eine ausgesprochen einseitige und falsche Kollektiverinnerung (der osmanische Angriff wird nicht als Ausfluss banaler Machtpolitik, sondern als Teil eines ewigen Ringens zwischen Islam und Christentum begriffen) und bindet schließlich auch die Gegenwart in kruder Form in den Erinnerungszusammenhang ein (in Europa lebende Muslime werden als Nachfolger der damaligen Aggressoren gedeutet). Nicht das geschichtliche Ereignis als solches ist hier problematisch, sondern seine forcierte Einbettung in einen politisch manipulierten Sinnzusammenhang, der im schlimmsten Fall dauerhaft unsere Wahrnehmung prägt.

Dieser Figur des Falsch-Erinnerns steht beinahe diametral die des Nicht-Erinnerns, des Vergessens gegenüber. Sie tritt häufig nach traumatischen Erlebnissen auf; so etwa im Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit, als man versuchte, die Gedanken an Holocaust, und Vernichtungskrieg mit einer Mischung aus miefigem Heile-Welt-Autoritarismus und ostentativem Wirtschaftswunder-Konsum zu unterdrücken. Erst durch die befreienden und fruchtbringenden Gegenimpulse der 1968er-Bewegung wurde hier eine Konfrontation mit der eigenen Schuld vorgenommen und letztlich auch eine umfassende und wertschätzende Form staatlichen Gedenkens etabliert. Nicht ganz so schnell war man dagegen bei der Aufarbeitung des deutschen Völkermords an den Herero und Nama, der erst 2015 vom Auswärtigen Amt auch als solcher bezeichnet wurde; oder gar in Frankreich, wo sich in solchen Fällen auch heute noch erhebliche Widerstände zur Verteidigung der historischen Ehre der Nation einstellen. Als etwa Emmanuel Macron im Rahmen seiner Präsidentschaftskampagne die von Frantz Fanon so eindringlich beschriebene Grausamkeiten seiner Landsleute im Algerienkrieg öffentlich als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (crime contre l’humanité) brandmarkte, da schallte ihm ein Widerspruch entgegen, der viel mehr war als nur bloßes Wahlkampfgetöse. Macron hatte es gewagt, den brutalen historischen Kern der französischen Algerienerinnerung nach außen zu kehren und damit die Erinnerung schmerzhaft als das bloßzustellen, was sie war und ist: Eine Mythenlandschaft, in der das Leid der Unterdrückten mit einer Lage republikanischer Heldenerzählungen zugekleistert, am liebsten aber ganz vergessen werden soll.

An diesem Punkt können wir getrost den Sprung auf die europäische Ebene wagen, denn viele der historischen Negativfragmente, die in den nationalen Erinnerungen verdrängt und überspielt werden sollen, sind ihrem eigenen Wesen nach gesamteuropäisch angelegt. Am Sklavenhandel der frühen Neuzeit beteiligten sich neben den damaligen Großmächten England, Frankreich und Spanien etwa auch das Königreich Dänemark und das Kurfürstentum Brandenburg; am mitleidslosen Abschöpfen der Profite ohnehin der gesamte Kontinent. Die weitgehende Verdrängung, Relativierung und Bagatellisierung europäischer Schuld in der hiesigen Erinnerungspraxis korrespondiert natürlich mit dem kritisch zu etrachtenden Selbstbild als historische success story. Europa als Erfolgsgeschichte, als Kontinent der Vielfalt, der Kultur und des Wohlstandes, als Heimstatt der Aufklärung; Europa, das der Welt mit römischem Recht, griechischer Philosophie und dem revolutionären Dreisatz liberté, égalité, fraternité universale kulturelle Determinanten an die Hand gegeben hat. In einem solchen Europa ist für die Schattenseiten allenfalls ein Nischenplatz in den Köpfen vorgesehen; eine Sachlage, die umso dramatischer ist, wenn man bedenkt, dass jede historische Erinnerung von Ausbeutung ja immer auch eine Gegenerinnerung des Ausgebeutet-Seins einschließt. Für viele Menschen aus dem Globalen Süden ist die Erinnerung an das Wirken Europas und seine Nationen genau das. Vorbei ziehen hier in ihren Köpfen Bilder von Jahrhunderten der Kolonialisierung und Dehumanisierung, von ungesühnten Verbrechen und weggeleugneter Gewalt, Bilder von einem Ort, an dem auch heute noch eine unbestimmte Arroganz hinter dem immer mehr anschwellenden Dickicht aus Mauern, Zäunen, Grenzen und Barrieren lauert.

Dabei spielt es – wie schon eingangs festgestellt – kaum eine Rolle, dass die historische Fachwelt gerade dem wichtigen Thema Kolonialismus in den letzten Jahren mehr und mehr Platz einräumt. Derartige Entwicklungen sind allenfalls mittelbar relevant für unser kollektives Bild des Vergangenen, das noch immer von einer seltsamen Ambivalenz aus falscher (weil nach Exklusion strebender) Erinnerung und falschem (weil Schuld ignorierendes) Vergessen beherrscht wird; eine Ambivalenz die in einem bestimmten Sinne viel trügerische „alternative Fakten“ und einseitige Weltsichten produziert, als es offensichtlichen Geschichtsklittereien und fachliche Minderheitenpositionen je könnten. Der einzige Ausweg hieraus bestünde wohl in einer Dekonstruktion europäischer Gedächtnismythologien, um die Erinnerung in den Köpfen vom Ballast der einseitigen und nicht selten falschen Zugänge zu befreien. Ohne Glanz und ohne Gloria, ohne klebriges Früher-war-alles-besser-Getöne und ohne quasi-faschistische Reverenz an falsches Heldentum und wahnhaften Opfermut. Stattdessen wäre gerade in diesen politisch schwierigen Zeiten ein ernster und nüchterner Umgang mit unserer Geschichte angeraten, der die europäische Vergangenheit und Gegenwart gerade auch in ihrem ungemein komplexen Verhältnis zum Rest der Welt nicht länger idealisiert, sondern einen holistischen Blick auf Gutes und Schlechtes, auf Verdienstvolles und Verantwortlichkeiten wagt. Europa und seine Staaten weder als historisch geschlossenes Totalitätsprojekt noch als losgelöst von den Fehlern der eigenen Vergangenheit begreifen, rechte Erinnerungsmythen unterminieren und versuchen, entsprechende Gegenerinnerungen mutig in der öffentlichen Debatte zu platzieren – so könnte eine passende Geschichtspolitik für unsere Zeit aussehen.

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