Brexit: Die Flucht aus Großbritannien

, von  Melissa Schultz

Brexit: Die Flucht aus Großbritannien
Im Anschluss an die „Austritts“-Abstimmung müssen britische Fluggesellschaften ihre europäischen Strecken noch einmal überdenken. Es müssen auch Tarife neu berechnet werden, unter Berücksichtigung der Kosten der internationalen Gebühren und notwendiger Visa, die gelten, wenn das Vereinigte Königreich nicht mehr Mitglied der EU ist. © Sean MacEntee (CC BY-SA 2.0) Flickr

Schon bevor die britischen Bürger über den Brexit abstimmen konnten, warnten große Unternehmen vor den negativen Auswirkungen, die Artikel 50 innerhalb Großbritanniens auf ihr Geschäft haben würde. Der Handel innerhalb der EU-Beziehungen und die Freizügigkeit haben zu einer zeitgemäßen Ära für Unternehmen in EU-Mitgliedsstaaten beigetragen. Denkt man an die vielen Vorteile, die nach dem Brexit wegfallen, kann man schemenhaft erahnen, welch schwerwiegende und unvorhersehbare Folgen für Unternehmen und Belegschaften in ganz Europa eintreten werden.

In der unsicheren Zeit seit der Brexit-Abstimmung verlassen wichtige Branchenführer bereits jetzt die Inseln und verlagern ihre Standorte auf den Kontinent. Sollte das Vereinigte Königreich keinen günstigen Brexit-Plan aushandeln können, stünde dies für ein „Versagen“ und es könnte schwer werden, einen guten Boden für Handelsbeziehungen zu anderen EU-Mitgliedern zu etablieren, so derzeit der allgemeine Tenor. Im Folgenden werden einige Branchen genannt, die am stärksten vom Brexit betroffen sind - und einige der Unternehmen, die über kurz oder lang Großbritannien verlassen.

Deutschland ist der bedeutendste Handelspartner des Vereinigten Königreiches und das mit großem Abstand wichtigste Lieferland. Für viele deutsche Unternehmen ist Großbritannien ein Wachstumsmarkt: Die deutschen Exporte auf die Insel stiegen zuletzt um 13,4 Prozent. Das gilt besonders für Unternehmen aus dem Maschinenbau, speziell der Metallverarbeitung, sowie für die Automobilbranche.

Luftfahrtsektor

Im Anschluss an die „Austritts“-Abstimmung müssen britische Fluggesellschaften ihre europäischen Strecken noch einmal überdenken. Es müssen auch Tarife neu berechnet werden, unter Berücksichtigung der Kosten der internationalen Gebühren und notwendiger Visa, die gelten, wenn das Vereinigte Königreich nicht mehr Mitglied der EU ist.

Mehrere Aspekte der Luftfahrt, von Sicherheitsmaßnahmen bis hin zu Flugverkehrsmanagements, werden von internationalen Gremien aus offensichtlichen Gründen stark reguliert. Das Recht, Dienste zwischen zwei verschiedenen Ländern anzubieten, wird durch Vereinbarungen zwischen den jeweiligen Regierungen der Länder geregelt. Die EU hat eine Reihe von spezifischen Regeln in der Luftfahrt. Die Regeln für die Nicht-Mitgliedstaaten und jene für EU-Mitglieder, bei denen Sondervergünstigungen gelten. Britische Fluggesellschaften sind dann möglicherweise nach dem Brexit nicht mehr berechtigt, diese Leistungen in Anspruch zu nehmen.

Michael O’Leary, CEO von Ryanair und Gegner des Brexit, hat beteuert, die Ryanair-Strategie auf den Ausbau der EU-Flughäfen und auf die Priorisierung der EU-Routen konzentrieren zu wollen. „Das Vereinigte Königreich wird einige beträchtliche wirtschaftliche Schäden erleiden, wenn der Brexit über es herein bricht. Wir hoffen, dass Großbritannien eine gute Lösung findet, sind aber trotzdem sehr besorgt“, sagte er.

Inzwischen haben die Aktien der zweitgrößten Fluggesellschaft Großbritanniens easyJet seit der Abstimmung Rekordverluste erlitten und erwägen, den Hauptsitz aus dem Vereinigten Königreich weg zu verlagern.

Online-Gaming Industrie

Eine der lukrativsten Online-Gaming-Standorte sind die Isle of Man und Gibraltar - beide haben EU-Mitgliedsvorteile durch das Vereinigte Königreich und der Brexit ist auch für sie eine schlechte Nachricht. In Gibraltar fallen 20 bis 25% des BIP auf die iGaming-Industrie ab. „Die Regierung hat hier deutlich klar gemacht, dass der Brexit auch schwere Auswirkungen auf Gibraltar hat, sogar noch mehr als im Vereinigten Königreich“, sagt Gibraltar Gambling Commissioner Phill Brear. Viele Online-Gaming-Unternehmen haben ihren Sitz in Gibraltar und auf der Isle of Man, zum Teil wegen ihrer steuerlichen Vorteile und der günstigen Glücksspiel-Lizenz-Gesetze. Aber der Brexit könnte den EU-Marktzugang bedrohen, den diese Unternehmen bisher genossen: Keine separaten Lizenzen für jedes EU-Land beantragen zu müssen und stressfreien Einsatz multinationaler Arbeiternehmer gehörten zu den Vorteilen dieses Marktzugangs, da erscheint es verständlich, dass einige der großen Marken des iGamings einen Umzug erwägen. Inzwischen ist beispielsweise auch Pokerstars, einer der größten Online-Pokerräume der Welt, auf der Isle of Man ansässig und hat die Möglichkeit, sein Business in Großbritannien und anderen EU-Ländern über eine maltesische Lizenz zu betreiben. Die Gültigkeit dieser Lizenz und der Marktzugang sind bedroht vom Brexit und könnte für Pokerstars Grund genug sein, um sich gezwungenermaßen räumlich zu verlagern. Viele Menschen in Gibraltar arbeiten in der iGaming-Industrie, während sie in Spanien leben und jeden Tag zur Arbeit pendeln. Sie leben in einem Land und arbeiten in einem anderen ohne Schwierigkeiten – dank der EU. Aber dies wird bald nicht mehr der Fall sein.

Gesundheitssektor und häusliche Pflege

Rund 23% der Menschen in Großbritannien, die im häuslichen Pflegebereich beschäftigt sind, sind europäische Migranten. Von diesen rund 84.000 Pflegekräften haben nur 10% die britische Staatsbürgerschaft. Die Zukunft dieser Betreuerinnen und Betreuer bleibt ungewiss – aber eine Verweigerung des Rechts, im Vereinigten Königreich weiter zu arbeiten würde den häuslichen Pflegesektor zum Erlahmen bringen. Im NHS (National Health Service) sind fast 10.000 Ärzte und 19.000 Krankenschwestern mit der gleichen ungewissen Zukunft beschäftigt. Nach dem Brexit wird es nicht nur weniger ausländische Spezialisten im Gesundheitswesen geben, auch weniger Lehrer und Berater werden nach Großbritannien kommen, da die Ausbildung und Praxiserfahrung im Gesundheitswesen nicht mehr EU-standardisiert sind.

„Es ist unmöglich, die vollen Auswirkungen zu diesem Zeitpunkt vorherzusagen, aber klar ist es wichtig, dass unsere Regierung ein starkes, differenziertes Abkommen mit der Europäischen Union sucht, die erkennt, wie verflochten NHS und die EU-Politik geworden sind“, sagt Stephen Dalton, Geschäftsführer von die NHS-Bund.

Automobilindustrie

In den letzten zehn Jahren konnte man einen großen Schub in der Automobilindustrie in Großbritannien beobachten. Von den 1,6 Millionen Autos, die Großbritannien jährlich produziert, werden jährlich rund 77% ins Ausland exportiert, darunter 58% in EU-Länder. Unter Verwendung der gleichen EU-Verordnung und Qualitätsstandards in der Industrie hatte sich der Handel zwischen den EU-Ländern erheblich erleichtert. Fast jedes fünfte in Deutschland produzierte Auto geht ins Vereinigte Königreich. Der deutsche Marktanteil auf der Insel liegt aktuell bei ca. 50%. Mit dem Austritt aus der EU könnten wieder eingeführte Zölle die Exporte stark verteuern. Durch den schwächeren Pfund werden in Deutschland fabrizierte Fahrzeuge im Vereinigten Königreich teurer.

Zusammenfassend kann gesagt werden: die Konsequenzen der Brexit - Entscheidung sind heute bei weitem noch nicht absehbar. Inwieweit einzelne Sektoren und Branchen vom Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU betroffen sein werden, hängt wesentlich davon ab, auf welches künftige Kooperationsmodell man sich mit dem Vereinigten Königreich verständigen wird. Sicher ist jedoch, dass sich während der Fortdauer der Verhandlungen für die Unternehmen noch nichts ändert, denn das Vereinigte Königreich bleibt bis zum Austritt vollwertiges Mitglied der EU und Teil des europäischen Binnenmarktes.


Redigiert von: Elisabeth Müller

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