Eine Militärintervention des Westens in Libyen wäre nicht nur kontraproduktiv, sondern auch gefährlich. Für die Demokratie, für Europa und für die arabische Welt.

Ja zur humanitären Intervention

Klar ist, dass die Europäer nicht ohne Reaktion bleiben könne, wenn Menschen auf der anderen Seite ihrer Grenze sterben, weil Diktatoren auf sie schießen. Klar ist auch, dass Hilfe benötigt wird, vor allem im medizinischen Bereich. Einige Länder haben bereits darauf reagiert und humanitäre Mitteln geschickt [1]. Diese humanitäre Intervention ist völlig legitim, denn wir haben es mit einem Konflikt zu tun, der vor unseren Türen stattfindet, und den wir beenden müssen. Zudem haben wir eine moralische Verantwortung, weil wir diese Despoten unterstützt haben (Ein Umstand, der aufgearbeitet werden sollte).

Nein zum militärischen Eingreifen


Die Möglichkeit einer no fly zone wird momentan diskutiert [2]. Dies würde heißen, dass die Vereinten Nationen eine Flugverbotszone im libyschen Luftraum einrichten. Höchstwahrscheinlich würde Gaddafi dies allerdings nicht respektieren, und seine Luftwaffe trotzdem auf seine eigene Bevölkerung schicken. Wer glaubt ehrlich, dass etwas gegen Gaddafis Willen ohne Gewalt durchgesetzt werden kann? In der Konsequenz hieße das: Libyen aus der Luft und vom Wasser aus zu bombardieren, also anzugreifen.

Die EU würde das Risiko eingehen, dass – wie immer – Zivilisten als Kollateralschäden ums Leben kommen. Gaddafi wartet aber genau nur darauf, vom Westen angegriffen zu werden, um seine eigene Legitimität stärken zu können. Er wartet nur darauf, dass tote Zivilisten im Fernsehen gezeigt werden. Eine Revolution, eine Demokratie, lässt sich nicht von außen durchsetzen, und vor allem nicht mit Waffen. Eine Intervention in Libyen ist gefährlich, weil sie den Libyern das Gefühl geben kann, dass ihr Land von Ausländern angegriffen wird. Es sterben Menschen in Libyen – und es werden noch mehr Menschen sterben, wenn der Westen eingreift.

Dabei soll auch nicht vergessen werden, dass Libyen ein sehr reiches Land ist, weil es über viele natürliche Ressourcen verfügt. Wenn der Westen in einigen Jahren weiter ein gutes Geschäft mit den neuen Behörden macht, wird gesagt werden, dass es nur um Rohstoff ging, und der klassischer Vorwurf des Imperialismus wird aufflammen. Das Ansehen des Westens in der Region ist schon schlecht genug, und sollte nicht durch einen Krieg weiter verschlechtert werden. Wäre eine Militärintervention ein geeignetes Mittel, den Widerstand zu unterstützen? Nein, das haben wir schon in der Vergangenheit in der Region gesehen.

Gaddafi haben wir schon Jahrzehnte lang isoliert und bombardiert

Seit mehr als 40 Jahren ist Gaddafi an der Macht. Seine Beziehungen zum Westen haben sich in dieser Zeit verändert. In den 80er Jahren, nachdem mehrere Anschläge durch seine Geheimdienste oder mir deren Unterstützung verübt wurden, hatten die USA sein Palast bombardiert und versucht, ihn zu töten. Ohne Erfolg [3]. Jedoch mit dem Ergebnis, dass Gaddafi sich daraufhin als Gegner des westlichen Imperialismus profilieren könnte.

Später wurde Gaddafi rehabilitiert, ein Fehler den Schröder, Berlusconi und Sarkozy gemacht haben. Auch hat Europa ihm Waffen verkauft, die heute gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt werden. Die Sanktionen hätten wir nie aufheben dürfen.

Außerdem muss die Völkergemeinschaft langfristig sicherstellen, dass das Volk sein Geld wiederbekommt, welches ihm jahrzehntelang vom Despoten gestohlen wurde, ein symbolisch bedeutsamer Schritt. Die diplomatische Unterstützung der Demokratiebewegung ist ebenfalls wichtig. Aber der Westen kann nicht seine Demokratie exportieren. Diese kann nur von den Menschen Vorort errungen werden, damit sie legitim und stabil bleibt.

Aus den Präzedenzfällen etwas lernen

Demokratie lässt sich in eine Region nicht mit Gewalt oder Krieg bringen. Das war uns klar in Europa, als die Bush-Regierung ihre katastrophale Idee durchsetzte, in den Irak einzumarschieren. Die Konsequenzen kennen wir alle: mehr als 100.000 Tote, die Mehrheit davon unschuldige Zivilisten, und keine stabile Demokratie in einem Land, wo ein bürgerkriegsähnlicher Zustand herrscht. Wollen wir das nachmachen? Wollen wir, dass Libyen zu einem zweiten Irak wird?

Die Demokratiewelle in der arabischen Welt muss unterstützt werden. Diplomatisch. Durch Aufrufe an die Diktatoren, die Macht aufzugeben. Durch Sanktionen gegen sie und gegen ihre Leute. Durch eine Anerkennung und Zusammenarbeit mit den neuen Regierungen, um die Menschenrechtsverletzungen aufzuarbeiten. Durch finanzielle und wenn nötig und erbeten, logistische Hilfe im Bereich des demokratischen Wiederaufbaus. Aber auf keinen Fall durch eine Militärintervention. Diese wurde die Lage nur verschlimmern.