Mit neuen Vorschlägen zur Ausgestaltung einer tiefergehenden Koordination der Wirtschaftspolitiken scheint Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Kurswechsel anzustreben. Rückendeckung erhält sie von Nicolas Sarkozy zusammen wollten sie den Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union bei einem Mittagessen am vergangenen Freitag in Brüssel ihre Pläne schmackhaft machen. Das Problem: Der Koordinierten Wirtschaftspolitik würde die Kontrolle fehlen.

Die drei Krisenwellen haben es schonungslos offenbart: Nach der Finanz-, Wirtschafts- und jetzt Eurokrise war niemals klarer sichtbar, wie gefährlich die Heterogenität der Volkswirtschaften in Europa ist. Die Maastrichter Kriterien reichten nicht aus, um auch nur annähernd stabile Konvergenz in der Eurozone herzustellen, wie die Entwicklung der letzten Dekade zeigte.

Merkel und Sarkozy wollen mehr Koordinierung

Nun scheint auch Angela Merkel endlich die Notwendigkeit von vertiefter Koordination erkannt zu haben. Mit dem von ihr geforderten Pakt für Wettbewerbsfähigkeit scheint es so, als ob eine Art europäische Wirtschaftsregierung konkretere Formen annehmen könnte. Die Bundeskanzlerin stellt sich damit „an die Spitze in Europas“ und wird von der Kommission gelobt [1] , dennoch darf nicht vergessen werden, dass Frankreich diese Idee schon lange fordert. Nichtsdestotrotz ist dieser Schritt eine begrüßenswerte Neuorientierung Merkels, die bisher eher zögerlich agierte – nun ist Deutschland wieder vorne dabei auf dem europäischen Spielfeld.

Der Pakt soll eine Annäherung der verschiedenen Politiken im Bereich Wirtschaft, Finanzen und Soziales ermöglichen, um den Euro zu stabilisieren und die europäischen Volkswirtschaften wettbewerbsfähiger zu machen. Merkel und Sarkozy planen rasche Maßnahmen, wie das europaweite Anpassen des Renteneintrittsalters an die demographische Entwicklung oder auch gemeinsame Höchst- und Untergrenzen der Mehrwertsteuer. Diese müssten auf Ebene der Staats- und Regierungschefs beschlossen werden.

Keine Koordinierung ohne Kontrolle!

Und hier ist auch die Krux: Um eine langwierige Vertragsänderung zu umgehen, soll der Pakt auf persönlicher Basis zwischen den Spitzen der Mitgliedsstaaten ausgemacht werden; das allerdings ist gleich doppelt fragwürdig: Einerseits könnte der einzelne Regierungschef, trotz Zusage, vor dem eigenen nationalen Parlament scheitern, das ließe die Koordination schnell zur Farce werden. Andererseits ist bislang ungeklärt, was passiert, wenn sich ein Mitglied von den Beschlüssen abweicht. Aus Berlin hört man [2], dass auf Basis des durch den Lissabon-Vertrag modifizierten Artikels 136 eine Verordnung geschmiedet werden könnte, die Sanktionen ermöglicht. Außerdem könne die Kommission mit ihren jährlichen Wirtschaftsberichten deutlich machen, wer an welcher Stelle hinterherhinkt und so öffentlichen Druck auf Nachzügler ausüben.

Während die Kommission in einem solchen Szenario die Rolle des Aufpassers bekommt, würde das Europäische Parlament leer ausgehen und geschwächt. Europa würde somit ein Stück weit undemokratischer auf die Bevölkerung wirken. Der mutige Vorschlag [3] des SPD-Fraktionsvize Axel Schäfer dagegen würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Er fordert, die Kommission zu einer Wirtschaftsregierung zu erweitern bei gleichzeitiger Demokratisierung ihrer Strukturen. So ist vorstellbar, dass die Kommissare von nationalen Parlamenten ernannt werden und der Kommissionspräsident von dem Europäischen Parlament aus seinen Mitgliedern gewählt wird.

Diese mutigere Variante ist zwar schwieriger durchzusetzen, wäre aber langfristig sinnvoller und hätte Hand und Fuß. Die Pläne aus Berlin und Paris dagegen sind zwar als Fortschritt zu werten, aber gerade bei der Sanktionierung ist fraglich, ob informeller Gruppendruck ausreicht oder ob ein derartiges Übereinkommen einfach wirkungslos verpufft.