Blick übers Meer, in Ausschnitten

, von  Sophie Rebmann

Blick übers Meer, in Ausschnitten
Die Kolumne „Wir in Europa“ erscheint jeden Sonntag auf treffpunkteuropa.de. Autoren berichten im Wechsel über ihre persönlichen Erlebnisse mit der EU, was es bedeutet, Europäer zu sein und welche Ängste und Hoffnungen sie mit der Gemeinschaft verbinden. Foto: © European Commission / 2004

Je nach Blickwinkel, scheint sich ein anderes Bild für Europa zu ergeben. Aus der Ferne betrachtet präsentiert es sich als eine Einheit, dem großen Ganzen. Einzelne Details bleiben dem Beobachter jedoch verborgen. Erst bei näherer Betrachtung werden Einzelheiten deutlich. Doch diese Ausschnitte scheinen nicht immer zusammenzupassen; ergeben nicht immer einen Sinn. Warum müssen wir Europa noch loben, darüber schreiben? Europa muss in unseren Köpfen als Realität ankommen.

Blaues, glitzerndes Meer. Am Horizont ein Streifen Festland. Zum Greifen nah, aber nicht erreichbar. Mit dem bloßen Auge sind nur die Umrisse erkennbar. Gegen eine kleine Münze gibt es für ein paar Minuten einen klaren Blick darauf. Wenn die Menschen, die diese Münze bezahlt haben, scharf stellen, sehen sie aber immer nur kleine Ausschnitte des großen Ganzen.

So stelle ich mir das vor, wenn man aus Marokko auf Europa schaut. So ähnlich habe ich es in Jellouns Buch „Verlassen“ gelesen. Darin steht, die Menschen dort würden von Europa denken, es sei der pure Reichtum, sei Freiheit – und das Glück würde auf die warten, die dort ankommen. Auch wir Europäer assoziieren mit diesem Stückchen Erde Freiheit. Wir denken an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, wenn wir an Europa denken.

Wer etwas großes, nicht gut greifbares erkennen will, muss scharf stellen – und sieht im Gegenzug nur einen kleinen Ausschnitt davon: Es geht um Europa als Kontinent. Ein Kontinent, den wir irgendwann, irgendwie mit positiven Vorstellungen und Idealen gefüllt haben.

Ein anderer Ausschnitt von Europa zeigt die Europäische Union. Auch sie setzen wir mit diesen Werten gleich – und darüber hinaus mit der Möglichkeit, grenzüberschreitend und problemlos zu Reisen, sich auszutauschen und Güter zu transportieren.

Ein Fernglas-Ausschnitt von Europa würde unsere Kolumne zeigen, in der wir uns alle gefragt haben, was es denn über Europa zu schreiben gäbe. In ihnen haben wir alle gelobt. Und schließlich Fehler, Komplikationen und Probleme gesehen. Ich glaube, dass dieser Ausschnitt an den Außengrenzen der EU – dort, wo Menschen nicht die offeneren Grenzen erleben, sondern Grenzen, die sich immer weiter verschließen – nicht gut sichtbar ist.

Ein Ausschnitt hätte mich gezeigt, mit dreizehn: 25 gelbe Sternchen schnitt ich aus und klebte sie auf einen blauen Pappkarton. Zusammen mit Zeitungsartikeln, die zur EU-Osterweiterung gedruckt wurden. Im Hintergrund spielte die EU-Hymne. Das mag kitschig und surreal klingen. Aber es verhielt sich wirklich genau so: Ich war euphorisch und jung. Als Kind einer deutsch-polnischen Familie konnte ich nun endlich einen Ort nennen, aus dem ich herkomme („Europa“). Jetzt bin ich älter und frage mich (nicht nur deshalb), was auf dieser Kolumne und in unserem Leben mit dem Ausschnitt geworden ist, der zeigt, dass Europa Realität ist. Nicht mehr. Nicht weniger.

Ich wollte nicht über mich in Europa schreiben. Schreibe ich stattdessen über mich in Deutschland? Oder was es bedeutet, Deutsch zu sein? Nein! Weil das normal ist – weil das nicht in Frage gestellt wird. Warum schreiben wir über Europa? Ist das nicht auch schon längst in unseren Köpfen und in unserem alltäglichen Leben angekommen? Keiner von uns hätte doch wieder Lust, auf dem Landweg nach Italien vier verschiedene Währungen zu brauchen, an den Grenzen in der Schlange zu stehen und an die Reisepässe zu denken. Keiner von uns würde gern wieder mehr für Waren ausgeben, die aus anderen europäischen Ländern kommen. Und ich bin mir sicher dass es nur ein paar Jahre dauern wird, bis wir uns nicht mehr vorstellen können, für Telefonate in europäische Länder extra zahlen zu müssen.

Ich will aufhören, die Vorstellungen des Europa-Ideals weiter zu loben. Es ist Zeit, dass diese in der Realität ankommen. Ein bisschen sind sie das schon, als es für die Politiker darum ging, in mühevollen Diskussionen die Rettung des Euro zu diskutieren. Aber was zeigen die einzelnen Fernglaseinstellungen – und wie lässt sich das alles zu einem Bild Europas zusammenfügen? Oder ist das alles nur konstruierte Fiktion, und die Menschen am Strand schauen gar nicht durch ein Fernglas, sondern sie schauen einen Film, in dem wir alle mitspielen? Wie ist es sonst zu erklären, dass wir für ein Konstrukt, von dem wir nicht sicher sind was es ist und welchen Nutzen es hat, demokratische Rechte aufgeben?

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