Startseite > Wirtschaft & Finanzen > Litauen auf dem Weg zur Energieunabhängigkeit

Litauen auf dem Weg zur Energieunabhängigkeit

, von  Hannah Schmitz

Alle Fassungen dieses Artikels: [Deutsch] [italiano]

Konkurrenz für Gazprom: Litauens erster und einziger Flüssiggas-Terminal des Baltikums ist seit Ende 2014 in Betrieb.17 Prozent des litauischen Gasbedarfs sollen bereits in diesem Jahr gedeckt werden. Gleichzeitig endet 2015 die Vertragslaufzeit mit dem russischen Energieriesen Gazprom. Den alternativen Gaszugang feiert der baltische Staat nun als politischen Befreiungsschlag. Dient Litauen damit als Vorbild für andere EU-Länder?

Vor dem Bau des Flüssiggas-Terminals „Indepedence“ bezog Litauen sein Erdgas zu 100 Prozent von Russlands. Das soll sich jetzt ändern. – Foto: „pulse“ © Flavijus / Flickr (https://www.flickr.com/photos/flavijus/8169681631) / CC BY 2.0-Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Autoren

  • studierte in Erfurt und Essen im Master Medien- und Literaturpraxis und Geschichte. Hannah hat unter anderem während eines Praktikums beim Greenpeace Magazin das Schreiben gelernt. Interessiert ist sie vor allem an nachhaltigen, umweltpolitischen und sozialen Themen.

Als der Gastanker mit dem symbolträchtigen Namen „Independence“ im Oktober 2014 in den Ostsee-Hafen von Klaipeda, Litauen einlief, feierte die Bevölkerung dies wie ein Volksfest. Menschen winkten der Schiffs-Crew von weitem zu und auch die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite ließ es sich nicht nehmen, den Einzug des neuen Liquified Natural Gas (LNG) –Terminals mit eigenen Augen zu sehen. „Es bedeutet nicht nur Energieunabhängigkeit, sondern auch politische Freiheit", sagte die Staatschefin bei der Einweihungszeremonie. Bisher bezog das baltische Land sein Erdgas vollständig aus Russland.

LNG: flexibler als Erdgas, aber teurer

Das speziell ausgerüstete Schiff ist so groß wie drei Fußballfelder und kann bis zu 170.000 Kubikmetern Flüssiggas lagern und aufbereiten. Flüssiggas entsteht durch das Herunterkühlen von Erdgas auf 162°C. Sein Volumen ist geringer als das von Erdgas und vor allem flexibel transportfähig. Gas-Tanker können ihre Routen je nach Weltmarktlage verändern und anpassen, was bei den Pipelines nicht möglich ist. Litauen hat mit dem norwegischen Konzern Statoil einen Vertrag abgeschlossen, der dem Land Flüssiggas-Lieferungen für die nächsten zehn Jahre garantiert.

Theoretisch kann das mobile Terminal von jedem anderen Anbieter auf dem Weltmarkt beliefert werden, zum Beispiel von den USA oder Katar. LNG-Terminals können auch selbst Flüssiggas oder aufbereitetes Erdgas ausliefern. So wäre Litauen in der Lage, die baltischen Nachbarländer mit Erdgas zu versorgen, etwa im Fall eines Versorgungsengpasses mit russischem Erdgas. Allerdings ist die benötigte Infrastruktur zur Lagerung und Regasifizierung des Flüssiggases kostspielig. Die litauische Regierung investierte in dieses Projekt bereits 350 Mio. Euro, allein die Anlage kostete 145 Mio. Euro.

Litauen ist politisch klar nach Europa ausgerichtet. Seit 2004 ist das Land EU-Mitglied sowie NATO-Mitglied. 2007 ist es dem Schengener Abkommen beigetreten und seit Beginn dieses Jahres gilt der Euro als neue Währung. Für den russischen Präsidenten bleibt Litauen jedoch Teil eines verloren gegangenen Imperiums. Zuletzt kochten die politischen Auseinandersetzungen zwischen dem Kreml und der litauischen Regierung in der Ukraine-Krise hoch. Seit der Annektierung der Krim fühlen sich auch die Balten von dem russischen Machtwillen bedroht.

Gasversorgung als politisches Druckmittel

Litauens Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite attestierte der russischen Führung „terroristische Elemente“. Dennoch sind Litauen und Russland Handels- und Wirtschaftspartner. Dass sich diese Beziehungen nun in einem Ost-West-Gerangel aufreiben, zeigte schon das russische Importverbot für litauische Milchprodukte. Als offiziellen Grund nannte die russische Seite Qualitätsmängel der Waren, inoffiziell war das Ausfuhrverbot wohl die Reaktion des Kremls auf die Ausrichtung des EU-Gipfels in Litauens Hautstadt Vilnius. So lässt sich auch das Bestreben Litauens erklären, vom russischen Gas unabhängig zu werden. Zu groß ist die Angst des EU-Staates davor, dass Russland sein Gasmonopol als politische Waffe nutzt.

Mit dem LNG-Terminal macht sich Litauen im wichtigen Energiesektor unabhängig von Russland und kann sich so der politischen Einflusszone Moskaus entziehen. „Keiner kann uns irgendwann noch einmal mit Gaspreisen erpressen oder über Energie auf unser politisches und ökonomisches Leben Einfluss nehmen“, betonte Grybauskaite bei der Einweihungszeremonie. Bisher zahlte Litauen den höchsten Gaspreis aller EU-Staaten, immerhin 36 Prozent mehr als Deutschland. Seit Jahren lautete der Vorwurf aus Litauen, der Preis sei vor allem politisch motiviert und wirtschaftlich nicht begründbar. Mit dem LNG-Terminal ist der Preis für das Gas aus den Gazprom-Pipelines für Litauen bereits um 23 Prozent gesunken.

Ein kurzzeitiger Sieg

Raimondas Kuodis, der Vizepräsident der litauischen Zentralbank, sieht das litauische Flüssiggas-Terminal jedoch nur als „kurzzeitigen politischen Sieg“, der wirtschaftlich wenig Sinn mache. Der Aufwand in der Herstellung von Flüssiggas ist hoch und die Regasifizierung sehr teuer. Flüssiggas kostet etwa ein Fünftel mehr als normales Erdgas. Zugleich bleibt Litauen mit dem LNG-Terminal weiterhin abhängig von fossilen Energieträgern und investiert Unsummen in eine konventionelle Energiegewinnung, anstatt in eine zukunftsorientiert ökologische Energiegewinnung zu investieren.

Braucht Europa eine Entziehungskur von russischem Gas?

Auch Deutschland und viele weitere europäische Staaten sind abhängig von russischen Energielieferungen, sowohl beim Gas als auch beim Öl. Die EU-Staaten importieren rund ein Drittel ihres Verbrauchs aus Russland, Deutschland ist dabei der größte Abnehmer von Erdgas. Hierzulande stellt sich, mit Blick auf die Ukraine-Krise, Krim-Annektierung und westliche Sanktionen, die Frage nach der Zuverlässigkeit der Energieversorgung. Ed Crooks und Guy Chazan von der Financial Times sehen den europäischen Energiemarkt in einer „gefährlichen Abhängigkeit“ von Russland und empfehlen Europa sogar einen „cold turkey“, also eine „radikale Entziehungskur“, wie sie nur Drogensüchtige machen.

In Wirtschaft und Politik besteht inzwischen allgemeiner Konsens darüber, dass die europäische Energiepolitik unabhängiger werden muss. Ob hierfür jedoch LNG-Terminals die Lösung sind, ist fraglich. Zwar sind europaweit, laut Neuer Zürcher Zeitung, bereits 22 LNG-Terminals mit einer jährlichen Gesamtkapazität von 196 Mrd. Kubikmetern in Betrieb und weitere sieben befinden sich im Bau, doch das russische Erdgas ist immer noch weit günstiger als aufbereitetes Flüssiggas.

Hinzu kommt, dass die europäischen LNG-Terminals kaum ausgelastet sind und sich der Markt nach Asien und Lateinamerika verlagert, wo die Nachfrage größer ist. Sollte sich Europa über LNG-Terminals aus der Abhängigkeit Russlands lösen wollen, würde das langfristig zwar den weltweiten Erdgasmarkt einheitlicher gestalten, doch ein Verzicht auf russisches Erdgas ist dadurch nicht möglich. Allein in Deutschland beziehen wir 36 Prozent unseres Gases aus russischen Rohren. Die millionenfachen Investitionen in LNG-Terminals fehlen dann an anderer Stelle, etwa bei Investitionen in die ökologische Energiegewinnung.

Onlineansicht : Treffpunkteuropa auf Facebook - Daumen hoch!

Diesen Artikel weiterempfehlen

Auf diesen Artikel antworten

Vorgeschaltete Moderation

Achtung, Ihre Nachricht wird erst nach vorheriger Prüfung freigegeben.

Wer sind Sie?

Um Ihren Avatar hier anzeigen zu lassen, registrieren Sie sich erst hier gravatar.com (kostenlos und einfach). Vergessen Sie nicht, hier Ihre E-Mail-Adresse einzutragen.

Hinterlassen Sie Ihren Kommentar hier.
  • Dieses Feld akzeptiert SPIP-Abkürzungen [->urls] {{bold}} {italics} <quotes> <code> und HTML-Codes <q> <del> <ins>. Um einen Absatz zu erzeugen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Kommentare verfolgen: RSS 2.0 | Atom