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Litauens Erbe der Vergangenheit

Serie: 10 Jahre EU-Osterweiterung

, von  Franziska Pudelko

Iveta Kazlauskaitė kommt aus Litauen und studiert im Master „European and global studies“ an der KU Leuven in Belgien. Ein Gespräch über Litauen nach dem EU-Beitritt, illegale Exporte nach Russland und ihre Befürchtungen gegenüber der Einführung des Euros in ihrem Land.

Ein Blick auf Vilnius, Litauens Hauptstadt. – Foto: „Vilnius“ / © David Kosmos Smith / Flickr (https://www.flickr.com/photos/davidkosmos/4898433846/) / / CC BY 2.0-Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode)

Autoren

  • studiert an der KU Leuven im Master European/Global studies. Journalistische Erfahrungen sammelte sie unter anderem bei dem Onlinemagazin Utrikesperspektiv.se, bei der Süddeutschen Zeitung und beim ZDF. Bis Mai 2015 war sie Chefredakteurin von treffpunkteuropa.de.

Iveta, dein Studium hat dich zuerst nach England und später nach Belgien geführt. Wäre das vor dem EU-Beitritt Litauens überhaupt so einfach möglich gewesen?

Nein, sicher nicht. Die Aufnahmegebühren wären für mich und viele andere Litauer unbezahlbar gewesen. Selbst die Raten für einen Kredit, den viele für ihr Studium aufnehmen, wären dann viel zu hoch. Ich bin froh, dass es für mich so einfach ist, in anderen EU-Ländern zu studieren. In Litauen ist der Unterricht ganz anders aufgebaut.

Nämlich?

Statt Seminare und Diskussionsrunden wird an litauischen Universitäten hauptsächlich frontal unterricht. So lernen die Studenten kaum, Theorien und Denkweisen kritisch zu hinterfragen. Außerdem gibt es im Studium wenige Optionen, praktische Erfahrungen zu sammeln. In England wurden wir von Anfang an gewarnt, dass wir ohne genügend Praktika später keinen Job finden würden, während in Litauen nur gute Noten zählen.

Nur vier Jahre nachdem Litauen 1990 seine Unabhängigkeit von der ehemaligen Sowjetunion erklärt hat, begannen die Verhandlungen zum EU-Beitritt.

Das war ein großer Schritt und Erfolg für Litauen. Schon vor dem EU-Beitritt wurde die Entwicklung des Landes zwischen 1997 und 2002 danach ausgerichtet, um sich den EU-Staaten und den von ihnen vertretenen Grundwerten weiter anzunähern. Auch die Beitritte zur WTO, 2000, und vier Jahre später zur NATO trugen zur internationalen Anerkennung des Landes bei. Als ex-Sowjetrepublik hat sich Litauen so klar europäisch definiert und seinen Wille zur Transformation zurück zu einem westeuropäischen Land demonstriert.

Seit 2004 ist Litauen Mitglied der EU. Wie macht sich das im Alltag bemerkbar?

Ich habe das Gefühl, dass die Korruption zumindest bei den jüngeren Leuten nachgelassen hat. Wir orientieren uns mehr an den Standards anderer europäischer Ländern. Wohingegen ältere Litauer immer noch dem Arzt Pralinen und Geldgeschenke überreichen, weil sie sich davon eine bessere Behandlung erwarten. Ich denke eher, dass das sein Job ist und sein Einkommen bereits recht hoch ist. Die Korruption ist ein Erbe der Sowjetunion.

Zudem werden viele Infrastrukturprojekte in Litauen von der EU co-finanziert und die Landwirtschaft stark unterstützt. Die macht immerhin ein Viertel der litauischen Wirtschaft aus. Deshalb treffen uns die Sanktionen gegen Russland besonders hart. Das Land ist nach der EU der zweitwichtigste Abnehmer unserer landwirtschaftlichen Produkte. Das russische Embargo für Lebensmittel wird unseren landwirtschaftlichen Sektor bis Ende 2014 voraussichtlich rund 87 Millionen Euro kosten.

Wohin wird jetzt exportiert?

Hauptsächlich wird der Handel im Land angekurbelt. Wir exportieren aber auch in andere baltische Staaten. Zusätzlich haben Verhandlung mit arabischen Ländern und Israel begonnen. Litauen muss seinen Export neu orientieren – keiner weiß, wie lange die Sanktionen noch andauern werden. Angeblich exportieren aber einige Unternehmen immer noch nach Russland: Sie ändern einfach die Nummernschilder ihrer LKWs und fahren so über die Grenze.

Jedenfalls nimmt die litauische Regierung eine harte Position gegenüber Russland ein. Die Staatschefin Dalia Grybauskaite warnte vor kurzem, dass Russland praktisch „im Krieg gegen Europa“ steht.

Seit der Ukraine-Krise und der Annexion der Krim durch Russland berichten die litauischen Medien sehr kritisch über Russland. Zum einen wird davor gewarnt, dass sich die russische Minderheit in Litauen ebenfalls abspalten möchte. Diese Gefahr sehe ich allerdings nicht. Der Anteil der russischen Bevölkerung in Litauen beträgt nur etwa fünf Prozent. Zum anderen ist die harte Rhetorik der Regierung gegenüber Russland ebenfalls ein Erbe der Vergangenheit. Litauen hat sich für die EU entschieden und will nicht mehr von Russland unterdrückt werden. Deshalb war die Kandidatur der neuen EU-Außenbeauftragten, Federica Mogherini, unter anderem in Litauen stark umstritten, weil sie als zu russlandfreundlich gilt.

Im Mai 2003 hatte sich dein Land in einem Volksentscheid mit über 90 Prozent Zustimmung für die Mitgliedschaft in der EU ausgesprochen. Anfang des nächsten Jahres tritt Litauen als 19. Mitgliedsland der Eurozone bei. Sind die Bürger demgegenüber wieder so positiv gestimmt?

Dass Litauen den Euro erhalten wird, war schon seit dem Beitritt klar. Dieses Mal gab es deshalb kein weiteres Referendum. Doch viele im Land bleiben gegenüber dem Euro skeptisch. Sie haben den Eindruck, dass die Regierung diese Entscheidung einfach über ihre Köpfe hinweg beschlossen hat. Vor allem der psychologische Aspekt darf dabei nicht unterschätzt werden: 1.050 Litas entsprechen ungefähr 300 Euro - das klingt für Viele nach einer erheblich geringeren Summe und erinnert an die hohen Verluste durch den Währungswechsel nach der Unabhängigkeit 1990. Wichtig wäre es, wenn die Regierung uns klar vermittelt welche Vorteile - zum Beispiel Währungssicherheit - aber auch welche Nachteile - zum Beispiel eine stagnierende Wirtschaft in den ersten Jahren nach der Einführung - wir von der europäischen Währung erwarten können.

2004 nahm die Europäische Union zehn Länder als neue Mitglieder auf. Die EU wurde größer, bevölkerungsreicher und östlicher. treffpunkteuropa.de stellt in einer Serie die jungen Mitgliedsstaaten zehn Jahre nach der Erweiterung vor.

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