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Deutsch-griechische Beziehungen: Wir müssen reden

, von  Stylia Kampani, übersetzt von Ilona Vichnevskaia

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Die Schuldenkrise hat Klischees, Spaltungen, Populismus und Vorurteile wieder aufleben lassen, an deren Überwindung Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges und Gründung der EU gearbeitet hatte. Wir müssen mit allen gesellschaftlichen Akteuren in den Dialog treten. Es ist unsere zivilgesellschaftliche Verantwortung, uns an breiteren politischen Debatten zu beteiligen.

Hellas und Deutschland - mehr als Tourismus? – Foto: privat

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Als eine junge europäische Griechin, die in Griechenland gelebt hat und seit 2010 in Deutschland wohnt, habe ich ein paar Schlussfolgerungen über die deutsch-griechischen Beziehungen gezogen. Erstens, höre ich auf beiden Seiten, dass die Leute nichts gegen Deutsche oder Griechen haben, sondern sich einfach der Politik entgegensetzen, die auf beiden Seiten ausgeübt wird. Zweitens, mangelt es an ausreichender Kommunikation - nicht nur auf politischer, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. Drittens, werden nicht ausreichend Maßnahmen unternommen, um diese Lücke zu schließen.

Verwirrung durch die Medien

Während den ersten Phase der Krise haben die Medien einen großen Beitrag zum Anstieg des Populismus und der Verbreitung von Stereotypen, falscher Informationen und Missverständnissen beigetragen – die Griechen seien faul, nicht vertrauenswürdig und gierig. Die Kreativ-Kampagnen der deutschen Bild-Zeitung sind ein Beispiel für solche Informationsströme. Selbstverständlich nicht jeder – und glücklicherweise niemand, den ich kenne - liest die Bild-Zeitung, jedoch ist sie immer noch die auflagenstärkste Zeitung in Europa und kann die allgemeine öffentliche Meinung sehr beeinflussen. Jedoch sind die Boulevardmedien nicht die einzig Schuldigen. Auch seriöse Nachrichtensender und renommierte Journalisten sind in die „Populismusfalle“ getappt, sei es aufgrund schlechter Informationsquellen, Nachlässigkeit oder um höhere Verkaufszahlen zu erreichen.

Auf der anderen Seite tragen die griechischen Medien auch selber Schuld. Frau Merkel als SS-Soldatin und die Deutschen als Nazis darzustellen ist gelinde gesagt inakzeptabel. Die privaten Medien liegen in den Händen von einigen Geschäftsleuten, was die Nachrichtenqualität beeinflusst und Objektivität verhindert. Einige Nachrichtensender gehören Geschäftsleuten, die auch Beziehungen zu politischen Parteien haben. Sie verfolgen eigene Interessen und werden problematische Angelegenheiten im Zweifel unter den Tisch kehren.

Es ist ein gefährliches Dreieck aus Politikern, Medien und Geschäftsleuten entstanden – und das ist genauso problematisch wie das stumpfe Programm öffentlicher Sender, die daran scheitern Zuschauern eine tragfähigen Alternative zu bieten. Kurze Videoschnipsel beabsichtigen uns einen Eindruck darüber zu geben, welche Politiker die besseren sind, folglich geht auch die breitere Perspektive verloren. Wir kritisieren politische Entscheidungsträger, aufgrund aus dem Kontext gerissener Statements oder Übersetzungsfehlern. Solche Übersetzungsfehler, zum Beispiel auf Pressekonferenzen, können „Statement Kriege“ in den Medien und sozialen Netzwerke verursachen und führen schließlich zur Intensivierung und Polarisierung der öffentlichen Meinung. Die gleiche Information wird von verschiedenen Nachrichtensendern reproduziert, was es kritischen oder alternative Stimmen erschwert, gehört zu werden. Man könnte annehmen, dass bis zum heutigen Zeitpunkt die meisten Griechen oder Deutschen gut Bescheid wissen solllten, was in den letzten zwei Jahren passiert ist. Dies trifft nicht zu. Selbst nach so vielen Jahren der Häufung von Nachrichten über Schulden, Sicherheitsabschläge, Reformen und der Troika, bleibt das Bild sehr unklar. Aber eines ist klar: Menschen brauchen ehrliche und eindeutige Antworten. Sie müssen die Wahrheit kennen und wissen, welche Alternativen existieren. Das klingt einfach, ist aber in der Praxis schwierig zu erreichen.

Make It, Don’t Break It – Wir brauchen mehr transnationale Zusammenarbeit

Wie kann es wieder zur Aussöhnung zwischen diesen beiden Ländern kommen? Es muss daran erinnert werden, dass Deutschland es nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft hat hervorragende Beziehungen, sogar Freundschaften zu Polen und Frankreich aufzubauen. Dies kam durch wirtschaftliche Abkommen aber auch durch transnationale Zusammenarbeit zustande; Besuche zwischen Politikern und studentische sowie professionelle Austausche haben die Beziehungen in einem Umfang gestärkt, der vor ein paar Jahrzehnten noch unvorstellbar gewesen wäre. Welche ähnlichen Programme gibt es für deutsch-griechische Beziehungen?

Es gibt ein paar Initiativen, die primär von und für griechische Migranten, die in Deutschland leben, organisiert werden. Weitere Programme müssen noch für ein breiteres Spektrum an Teilnehmern aufgebaut werden. Vor allem sollte die Errichtung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks, für das im November 2014 abgestimmt wurde, bald realisiert werden. Austauschprogramme, gemeinsame Aktivitäten, und Projekte mit Studierenden oder jungen Experten sind eine bewärte Möglichkeit, um die Grundlagen für reibungslosere Beziehungen in den kommenden Jahren zu legen. Darüber hinaus können Bildungs- und Kulturzentren wie das Goethe Institut oder lokale Schulen auch zur besseren Kommunikation zwischen den zwei Ländern beitragen. Geschichtsvorträge können uns zum Beispiel helfen unsere Vergangenheit zu verstehen und daraus zu lernen, um an einer Zukunft in Demokratie und Frieden zu arbeiten. Einen besonderen Bezug zur Geschichte herzustellen ist nicht unbeabsichtigt. Es ist entscheidend, dass wir uns mit unserer gemeinsamen europäischen Geschichte beschäftigen. Es gibt Traumata, die 70 Jahre nach dem Krieg immernoch überwunden werden müssen. Und ich meine nicht finanzielle Wiedergutmachung, sondern moralische Entschädigung für die Opfer und ihre Familien. Austauschinitiativen und Zusammenarbeiten in der Zivilgesellschaft sind lebensnotwendig, um diese Wunden zu heilen.

Das fehlende Element

Zurzeit sind nicht genügend Menschen in die Debatte über die deutsch-griechischen Beziehungen eingebunden. Die Diskussion dreht sich immer darum, was einzelne Institutionen sagen, welche weiteren Reformen gebraucht werden, wie die Verhandlungen voranschreiten und was das Resultat nach jedem Gipfeltreffen gewesen ist. Die Bürger stehen einfach daneben, informieren sich über die Entwicklungen, ohne viel Engagement aufzubringen oder sich selbst in den Prozess einzubringen und ihn voranzutreiben. Wir müssen die Dinge aus einer weiteren europäischen Perspektive betrachten. Nationale Blickwinkel gehören der Vergangenheit an.

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