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Weit weg von allen Problemen

Ein distanzierte Blick aus der polnischen Provinz.

, von  Niklas Kramer

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Sprachkurse verbinden. – © Niklas Kramer

Autoren

  • Mitglied im Federal Committee der JEF Europa | MA European Studies an der Viadrina-Universität Frankfurt Oder

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Europa hat Schlagzeilen gemacht! Die Zeitungen waren voll davon in den letzten beiden Jahren. Europäische Länder an der Peripherie unter der Attacke der Finanzmärkte. Nächtliche Treffen der Finanzminister, eine dargebotene Dramatik, die dem Journalismus in die Hände spielt und täglich bedient werden muss. Die Politik erscheint als Getriebene der Finanzmärkte und verspielt das Vertrauen ihrer Bürger. Die Menschen gehen in Madrid und Athen auf die Straßen. Die Schuldenkrise wird zu einer Demokratiekrise und die Eurozone für tot erklärt.

Ich habe genug davon und entscheide mich, Berlin zu verlassen. Also genau das Herz jener Europapolitik, die den Kontinent nach Meinung der Kritiker angeblich spaltet und auseinandertreibt. Den Sommer verbringe ich mit einem Sprachkurs in Polen. Organisiert wird dieser von GFPS e.V. - einem studentischen Verein für den deutsch-polnisch-tschechischen Austausch. Mitten in der polnischen Provinz, eine Stunde von Toruń entfernt, kommen deutsche und polnische Studenten zusammen, um sich in einem Tandem gegenseitig die Muttersprache beizubringen. Die Berührungsängste legt man schnell ab. Wodka spielt freilich eine Rolle. Aber auch bei Workshops und gemeinsamen Kulturprogramm lernen wir, dass uns mehr verbindet als trennt.

Polen geht es gut

Die Zeit vergeht in den polnischen Wäldern langsamer: die vom amerikanischen Schuldenstreit ausgehenden dramatischen Kurseinbrüche an den Börsen scheinen in der ländlichen Ruhe unwichtig. Die Gefahr, dass eine erneute Finanzkrise sich auf die Erholung der Realwirtschaft auswirkt, ist irgendwie fern und nicht wirklich. Die Krise der Eurozone könnte hier auch ein schlechter Traum sein.

Dies liegt auch daran, dass es Polen derzeit sehr gut geht. Die Wirtschaft boomt. Bereits kurz nach dem Grenzübergang hinter Frankfurt/Oder sieht man, dass sich das Land aufbaut. Im Bus berichten mir die Polen stolz über die erste „polski autostrada“ und fragen mich nach meiner Meinung. Auch kritische Stimmen sind zu hören: über Fehlinvestitionen und Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Infrastrukturmaßnahmen. Gleichwohl spürt man eine breite Aufbruchstimmung im Land. Bei den angehenden Wahlen im November wird es voraussichtlich zu der ersten Wiederwahl einer osteuropäischen Regierung überhaupt kommen. Die Regierung unter Donald Tusk und seiner liberalkonservativen „platforma obywatelska“ (Bürgerplatform) geben den Menschen den Glauben an den eigenen wirtschaftlichen Aufstieg. Die Demokratie stabilisiert sich mehr und mehr und Polen ist längst in der EU angekommen. Ja manche sagen gar, die Polen seien derzeit das proeuropäischste Land in der EU.

Weitere Integration ist undenkbar für viele

Nicht viele, aber manche von meinen neuen polnischen Freunden sind politisch. Sie nehmen die Krise der Eurozone wahr, aber verstehen sie nicht ganz oder halten sie nicht für ihr Problem. Dass Polen derzeit noch über den ZŁoty verfügt, empfinden sie als gute Sache. Diffuse Bilder haben Sie im Kopf. „Deutschland und Frankreich bestimmen doch ohnehin alles“, ist der einhellig negative Ton. Michał, ein offener und herzlicher Jurastudent aus Warschau, denkt gar, dass Deutschland derzeit Griechenland aufkaufen und übernehmen würde. Ich versuche die deutsche Position zu erklären und sage ihnen, dass es nicht so einfach sei. Deutschland würde zwar versuchen, die südlichen Länder zu einem Sparkurs zu bringen, die Kontrolle der Gelder sei aber bestimmt nicht so einfach. Die südlichen Länder haben ihre Souveränität längst noch nicht abgegeben. „Und selbst wenn?“, frage ich dann rhetorisch. „Vielleicht ist es ja im Sinne der Menschen, dass die Wirtschaftspolitik in diesen Ländern ´europäischer´ und damit auch ´deutscher´ wird?“ Darauf nicken einige zustimmend. Aber dass Polen selber auch Teil der Eurozone werden sollte, ganz zu schweigen von der Abgabe weiterer Souveränitätsrechte in wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen, ist für sie derzeit undenkbar.

Geschichte ist wichtig

Und ehrlich gesagt: Wer will dies solchen Ländern wie Polen vor dem Hintergrund ihrer Geschichte verdenken. Seit Jahrhunderten fremdbestimmt, haben diese Nationen erst 1989 ihre Eigenständigkeit erlangt. Ihr nationales Bewusstsein lässt sich nicht einfach wegwischen mit einem Schwamm an rationalen Argumenten. Eine föderale Vision, einer im Europaparlament kontrollierten echten europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitik, kann daher der Realität derzeit nicht Stand halten. Dass Merkel und Sarkozy mit halbleeren Phrasen wie einer „Wirtschaftsregierung“ oder einem „Euro plus Pakt“ vorangehen wollen, muss man daher wohl auch anerkennen. Das heißt nicht, dass wir den Wert der Institutionen nicht hoch halten können. Es ist schlimm genug, dass zunehmend außerhalb der Verträge agiert wird. Allerdings müssen wir darüber diskutieren, wie man den Spagat zwischen einem Europa der zwei Geschwindigkeiten am besten halten kann.

Die Wochen in der polnischen Provinz vergehen angenehm langsam und lehren einem nüchterne Distanz. Der polnische Optimismus ist besser als die Panikmache auf den Finanzmärkten. Europa steht nicht am Scheideweg und die Eurozone wird nicht auseinanderbrechen, sage ich selbstbewusst. Für die Probleme der Staatsschulden werden wir eine Lösung finden und die Krise wird den Kontinent zusammen wachsen lassen, denke ich und erhebe mein Wodkaglas: „Za Europę!“.

Dieser Artikel erschien im neuen gedruckten Treffpunkt Europa, Mitgliedermagazin der JEF-Deutschland. Die aktuelle Ausgabe widmet sich der Krise und Zukunft Europas und ist auf der JEF-Webseite kostenlos erhältlich. Das Videovorwort zur Ausgabe findet sich hier.

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