Europa steckt mitten in einer Wohnungskrise und Portugal ist eines der sichtbarsten Beispiele. In Lissabon und Porto sind die Mietpreise seit 2015 um 124 Prozent angestiegen. Tourismus und Investitionen von Ausländer*innen verschärfen die Lage für die Menschen vor Ort zunehmend. Wohnen wird gerade für junge Menschen zum finanziellen Kraftakt.

In einem kleinen Park zwischen Häuserblocks liegen Liliana und ihre Freundinnen auf einer Wiese und genießen die portugiesische Nachmittagssonne. Solche Momente sind selten geworden. Freizeit ist für sie ein knappes Gut. Die Freundinnen arbeiten 50 bis 60 Stunden pro Woche, übernehmen Extraschichten oder haben zwei Jobs. Sie tun das aus einem einfachen Grund: um sich in Lissabon ein WG-Zimmer leisten zu können.

Damit sind sie nicht alleine, denn in den portugiesischen Großstädten ist Wohnraum zunehmend unbezahlbar, bestätigt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einem Bericht Anfang des Jahres. Seit 2013 sind die Immobilienpreise in Portugal stärker gestiegen als in den meisten anderen Ländern Europas. Das Problem: Die Immobilien sind im Verhältnis zum Einkommen 50 Prozent teurer geworden als noch vor 13 Jahren. Gerade junge Menschen wie Liliana sind besonders davon betroffen, sich angemessenen Wohnraum zu leisten, so die Studie.

„Ich komme nicht aus Lissabon, sondern aus einer anderen Region in Portugal. Es war sehr schwer, etwas zu finden. Die ersten sechs Monate musste ich bei meinen Großeltern wohnen“, erzählt Lilliana. Über eine Freundin einer Freundin findet sie am Ende eine WG. Eine Wohnung alleine kann sie sich nicht leisten.



Die drei Freundinnen im Park Sá da Bandeira in Lissabon (Lilliana rechts; Rita links). Foto: Mia Stremme


Mit 29 bei den Eltern ausziehen

Eine Statistik des Europäischen Parlaments betrachtet die Mietpreise unabhängig vom Einkommen und stellt fest, dass die Wohnimmobilienpreise in der EU durchschnittlich um 53 Prozent anstiegen. In Portugal stiegen sie jedoch um 124 Prozent an. Nur in Ungarn und Litauen war der Preisanstieg noch größer. Junge Menschen bleiben deswegen länger zu Hause wohnen. Laut der Studie hatten in einigen Mitgliedstaaten fast 70 Prozent der 18- bis 34-Jährigen keine andere Wahl, als weiter bei ihren Eltern zu leben. Dadurch führen junge Menschen erst später ein eigenständiges Leben und schieben Lebensentscheidungen wie zum Beispiel Familienplanung oder Wohnortwechsel auf. In Portugal ziehen junge Menschen im Durchschnitt mit fast 29 Jahren von zu Hause aus.

Rita ist 25 Jahre alt und wohnt ebenfalls noch bei ihren Eltern in Lissabon: „Es ist kein ideales Szenario. Mittlerweile habe ich einen Freund und würde gerne mit ihm zusammenziehen. Hätte man mich vor ein paar Jahren gefragt, hätte ich wohl gesagt, dass ich mit 18 Jahren von zu Hause ausziehe und mit meinem Partner zusammenleben würde. Doch das ist derzeit nicht möglich.“



Der Bau eines neuen Hotels in Lissabon. Foto: Mia Stremme


Ausländer*innen verstärken die Wohnungskriese

Nach der Finanzkrise 2008 führte die portugiesische Regierung das Programm namens „Golden Visa“ ein. Es ermöglicht Nicht-EU-Bürger*innen eine Aufenthaltsgenehmigung, wenn sie im Gegenzug im Land Investitionen tätigen, wie zum Beispiel in Immobilien.

Seit Einführung des „Golden Visa“ wurden rund 13.000 Visa ausgestellt und mehrere zehn Tausend Familienangehörige kamen mit nach Portugal. Die meisten von Ihnen kommen aus China, gefolgt von Brasilien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. In den vergangenen Jahren ist die ausländische Bevölkerung in Portugal so stark gewachsen wie nie zuvor in der Geschichte des Landes. Zwischen 2016 und 2021 erreichte das „Golden Visa“-Programm seinen größten Einfluss auf den portugiesischen Immobilienmarkt, schreibt das Beratungsunternehmen Immigrant Invest in einem Bericht. Rund 87 bis 95 Prozent ausländischer Investitionen waren mit Immobilieninvestitionen verbunden.

Um der dadurch mitverursachten Wohnungskrise entgegenzuwirken wurde 2023 ein Gesetz verabschiedet, das keine neuen Aufenthaltstitel mehr zulässt, die an Investitionen in Immobilien geknüpft sind. Investoren aus dem Ausland können seit 2023 also nicht mehr direkt oder indirekt in den Immobiliensektor investieren. Stattdessen sollen sie in Forschungstätigkeiten und Kultur investieren. Doch diese Änderung hat drei Jahre später zu keiner spürbaren Veränderung für Liliana und ihre Freundinnen geführt.

Tourismus verschärft außerdem das Problem

Seit den 2010er-Jahren gehören Lissabon und Porto zu den Top-Reisezielen Europas. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich die Zahl der Tourist*innen mehr als verdoppelt. Über 30 Millionen Gäste kamen im vergangenen Jahr nach Portugal, in ein Land, das selbst nur gut zehn Millionen Einwohner*innen zählt. Mit dem Boom ging auch ein deutlicher Anstieg kurzfristiger Vermietungen einher, zum Beispiel über Plattformen wie Airbnb oder booking.com. Ein Trend, der sich nicht nur in Portugal abzeichnet, sondern innerhalb der ganzen EU. Unterkünfte in bester Lage sind für einen Städtetrip nach Porto oder Lissabon beliebt. Es sind aber auch genau die Stadtteile, in denen Liliana und ihre Freundinnen gerne wohnen möchten, es sich aber nicht mehr leisten können. Das Problem: Menschen, die aus dem Ausland kommen, haben eine viel größere Kaufkraft als die Portugies*innen. In Portugal liegt das durchschnittliche Vollzeitgehalt bei unter 2.000 Euro im Monat und liegt unter dem EU-Durchschnitt. In Deutschland verdient man im Durchschnitt mehr als doppelt so viel. Das heißt: Für Menschen aus dem Ausland erscheint vieles günstig, aber für die Menschen vor Ort ist vieles teuer.



Innenstadt Porto. Foto: Mia Stremme


Hilfe gibt es wenig

Der Staat versucht, mit Wohnkostenzuschüssen und dem Ausbau von Studierendenwohnungen die Belastung durch steigende Mieten abzufedern. „Ich gehöre zu den Glücklichen, die die Chance haben, auch in der Zukunft in Lissabon zu leben, weil ich ein Haus von Verwandten habe. Aber für diejenigen, die das nicht haben, ist es unmöglich. Nur wenn man zwei Jobs hat oder mit jemandem zusammenwohnt. Alleine ist es wirklich unmöglich“, erzählt Rita. Liliana erklärt, dass es Hilfe seitens der Politik gebe: „Sie unterstützen uns dabei, einen Teil der Miete zu zahlen, jedoch ist es sehr schwierig, überhaupt Wohnraum zu finden, der sowohl in gutem Zustand als auch zu einem angemessenen Preis verfügbar ist.“

Die drei Freundinnen erzählen auch, dass ehemalige Mitschüler*innen ins Ausland gezogen sind, um dort mehr Geld zu verdienen. Das kommt für die drei Freundinnen aber nicht infrage. Sie bleiben lieber in Lissabon, auch wenn das Überstunden und Extraschichten bedeutet.

Ein größeres europäisches Problem

Die Wohnungsnot in Portugal ist kein isoliertes Phänomen. In vielen europäischen Städten, wie Amsterdam, Paris oder Dublin sind stark steigende Immobilienpreise ebenfalls zu einem zentralen politischen Thema geworden. Vor diesem Hintergrund rücken Wohnungspolitik und der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum auch auf EU-Ebene stärker in den Fokus. Dennoch bleibt die Wohnungspolitik weitgehend in nationaler Verantwortung, was den Handlungsspielraum europäischer Institutionen einschränkt und eine einheitliche Politik erschwert.