Zehn Jahre Balkan in der EU

, von  Proletina Girova

Zehn Jahre Balkan in der EU
Traditionelle bulgarische Keramik - ideal zum Rakija trinken | © Michael Vogtmann

Am 1. Januar 2007, vor zehn Jahren traten Bulgarien und Rumänien der Europäischen Union bei. Es war eine Zeit von Missverständnissen, mit Höhen und Tiefen. Persönliche Eindrücke von einer innereuropäischen Migrantin - ein Gastbeitrag.

Ich kann mich gut daran erinnern wie meine Familie und ich am 31. Dezember 2006 um Mitternacht im Zentrum von Sofia den Beitritt Bulgariens in die EU gefeiert haben. Diese historische Nacht hatte für mich eine besondere Bedeutung, denn zu dem damaligen Zeitpunkt hatte ich schon drei Jahre in Deutschland gelebt und studiert und das Wort Visum war in meinem Vokabular immer noch sehr präsent. Wie ganz viele Bürger aus Drittländern hatte ich die Schwierigkeiten erlebt, die damit verbunden waren, nicht zu dem Klub der coolen Westeuropäer zu gehören. Das Schlangenstehen an der Passkontrolle, die Angst vor einer Absage der Verlängerung des Visums, das durfte ich, wie viele andere Menschen auch, erleben. Mir und meinem tief sitzenden Fernweh kam dieser Schritt sehr zugute. Er bedeutete für alle Bulgaren freies Reisen, größere Arbeitsmöglichkeiten und vor allem als einer der ältesten Staaten Europas endlich mal wieder dazu zugehören.

Was in den letzten zehn Jahren passiert ist, lässt sich unterschiedlich betrachten. Sozial gesehen war eine Dekade wohl nicht ausreichend, um die Bulgaren als dazugehörend zu sehen. Damit meine ich, dass die Einstellung der Westeuropäer, dass Bulgaren und Rumänen die armen etwas zurückgebliebenen Mitbürger der europäischen Familie sind, sich bis heute meiner Meinung nach nicht ausreichend verändert hat. Auf der einen Seite ist das eine sehr abtörnende Arroganz, die die Osteuropäer gleichzeitig kränkt und lähmt. Ich vermute, dass die Ostdeutschen eine ähnliche Frustration erlebt haben. Auf der anderen Seite muss man sich Respekt auch verdienen. Und das bringt mich zu den politischen und wirtschaftlichen Aspekten dieser Bilanz. Für mich stellt sich gar nicht die Frage, ob die Mitgliedschaft in der EU gut für Bulgarien war – diese lässt sich eindeutig positiv beantworten. Es ist eine andere Frage, die mich beschäftigt. Hätte man nicht viel weiter sein können, wenn man sich an europäische Regeln gehalten hätte?

Nach neun Jahren in Deutschland lebe ich nun wieder in meiner Heimatstadt und der Hauptstadt von Bulgarien Sofia. Die regierenden politischen Parteien in Bulgarien pflegen sehr oft enge Beziehungen zum Big Business und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass eine Hand die andere wäscht. Das ist keine Neuigkeit, denn die Korruption in Bulgarien war immer schon ein Thema. Ein Problem kommt hinzu, wenn es sich um europäische Gelder handelt. Die EU-Projekte sind in fast jedem Bereich zu finden – Gesundheit, Bildung, Infrastruktur. Zu dem kommen viele EU-Projekte, die das Hauptziel haben Start-ups zu finanzieren, eine Industrie in Bulgarien aufzubauen, die eine Zukunft und vor allem Arbeitsplätze sichert. Auch mein eigener Arbeitsplatz wurde durch Gelder der Europäischen Kommission erst möglich gemacht.

Das Geld und die Bereitschaft zu helfen der Kommission sind da. Leider ist aber die Realität etwas weniger ideal. Es gibt die Tendenz, dass manche Unternehmen sich zu sehr auf die EU-Gelder verlassen. Man nutzt die Bürokratie, um über Wasser zu bleiben, anstatt sich dem Wettbewerb zu stellen. Viele der Projekte entfalten positive Wirkungen, doch ein gewisser Teil der Gelder landet auf Privatkonten. Das lässt sich relativ leicht machen, indem man die Kosten, die angegeben werden, künstlich erhöht. So wird auf dem Papier ein tolles Vorhaben deklariert, es wird aber leider halbherzig ausgeführt, so dass man im Ergebnis sehr wage Erfolge sieht. Die Kommission hat einige der Gelder zurückgezogen, wenn der Verdacht auf Betrug und Eigenbereicherung bestand.

Doch es gibt Hoffnung, dass sich etwas ändert. Die Software Branche hat sehr gute Chancen, die tragende wirtschaftliche Kraft in Bulgarien zu werden. Bulgarien hat meiner Meinung nach ein großes Potenzial eine starke Wirtschaft aufzubauen, die zu mehr Wohlstand führen kann. Dazu braucht man viele Menschen, die an den Fortschritt glauben und bereit sind über ihren eigenen Egoismus hinwegzuschauen. Dann werden Bulgaren und Rumänen auch den Platz innerhalb der europäischen kulturellen Familie beanspruchen können, der ihnen zusteht.

Deshalb lasst uns die letzten 10 Jahre feiern und auf die nächsten 10 Jahre anstoßen mit dem Balkan Soul der rumänischen Berlinerin, Miss Platnum:

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