Wohnungsknappheit in Europa: Ein Problem, viele Ideen

, von  Florian Gontek

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Wohnungsknappheit in Europa: Ein Problem, viele Ideen
Die Stadt an der Ostsee, Stockholm, ist bekannt für seine alten Fassaden. In Zukunft soll das größte Hochhaus Nordeuropas die Stadt „schmücken“. Foto: © Jordi Escuer: „Stockholm“, https://www.flickr.com/photos/paracon/8206259575/sizes/c/in/set-72157631880348418/, Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Generic: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Das Telefonplan ist ein schnödes Industriegebiet im Süden der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Ab 2019 soll es erblühen, denn dort wird das höchste Wohnhaus Nordeuropas entstehen: 75 Stockwerke und 225 Meter hoch, wie Bürgermeister Sten Nordin stolz der Öffentlichkeit verriet. Mit dem „Tellus Tower“, wie der Wolkenkratzer offiziell heißt, möchte die Stadt nicht nur ihr Ego aufpolieren, sondern vor allem die Wohnungsknappheit in Stockholm angehen. Ein Allheilmittel für andere europäische Großstädte?

Göteborg vs. Stockholm

Häufig liest man in schwedischen Reiseführern von der „stillen Konkurrenz“, die es zwischen Göteborg und Stockholm geben soll. Schwedens Knotenpunkte, die zwei größten Städte des Landes, stehen in ständiger Konkurrenz: schöner, schicker, schriller. Nach Krisen und Werftpleiten in den 1970er Jahren hat Göteborg gegenüber der Hauptstadt an der Ostküste aufgeholt. Mittlerweile ist man vom prüden Image des Industrie – und Handelszentrums zu einer angesehenen Kultur – und Veranstaltungsmetropole gereift.

Da passt so ein Wolkenkratzer bestens ins Bild: 200 Meter hoch soll er werden, wie Göteborgs Bürgermeister Göran Johansson bekanntgab. Sein Stockholmer Amtskollege Sten Nordin möchte nun ebenso ein Hochhaus bauen. Natürlich größer als das des „stillen Konkurrenten“, gar das größte Gebäude Nordeuropas. Ein Kollos, der die Wohnungsknappheit Stockholms auf einen Schlag beheben soll: 385 Wohnungen, ein Restaurant und eine Sky-Bar sind geplant. Über die Kosten des Mammut-Projektes ist noch nichts bekannt.

Wohnungsnot in den Großstädten

Wer in die schwedische Hauptstadt kommt, für den wird es eng. Laut einem Bericht von„Radio Schweden“ müssen die Hälfte aller Studienanfänger vier bis sechs Jahre warten, ehe sie eine Wohnung beziehen können. Jeder vierte von ihnen erwäge deshalb, Stockholm zu verlassen. Eine Untersuchung des Meinungsforschungsinstitutes „Skop“ im Auftrag des Mieterverbandes zeigt, dass in der schwedischen Hauptstadt weniger als die Hälfte der 20 bis 27-Jährigen in einer eigenen Wohnung leben. Schuld sei vor allem der akute Wohnungsmangel und der hohe Mietpreis.

Doch wie sieht die Situation im Rest Europas aus? Hier sind vor allem junge Familien in finanziell angeschlagenen Ländern wie Griechenland, Spanien und Portugal von der Wohnungsnot betroffen. Weil Hypotheken und Mietzahlungen nicht mehr bedient werden können, sind hunderttausende Menschen obdachlos. Doch auch in finanziell solventen Ländern wie Frankreich ist die Wohnungsnot fast chronisch. Eine Millionen Unterkünfte, so aktuelle Zahlen, sollen hier fehlen. Nun wurde ein Gesetz verabschiedet, das alle Kommunen verpflichtet, bis 2020 ausreichend Sozialwohnungen zu bauen, um vor allem den ärmeren Familien ein Obdach zu geben.

Mietpreisbremse vs. freier Markt

In Deutschland hat währenddessen die Wohnungsnot den Wahlkampf erreicht. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kündigt im Falle eines Sieges bei der Bundestagswahl am 22. September an, auf eine Mietpreisbremse bei Wiedervermietungen setzen zu wollen – „flächendeckend“. Er plant die Obergrenze für Mieterhöhungen auf maximal zehn Prozent der ortsüblichen Vergleichsmieten zu begrenzen. Auch die Bestandsmiete dürfe vom Vermieter innerhalb von vier Jahren um nicht mehr als 15 Prozent angehoben werden. Linken-Fraktionschef Gregor Gysi fordert, dass Wohnen als Grundrecht für alle bezahlbar bleiben müsse. Aus den Reihen der Grünen und der CSU gibt es ähnliche Forderungen. Der politische Ansatz liegt also darin, höhere Mieten per Gesetz zu verbieten.

Experten sehen diesen Gedanken kritisch, da private Investoren abgeschreckt werden könnten. Sie fordern die Städte auf, mehr Flächen in innerstädtischen Bereichen mit Verkehrsanbindung freizugeben, um attraktive Wohnräume zu schaffen. In den vergangenen Jahrzehnten wurden steuerliche Förderungen und Subventionen immer mehr gekürzt. Vor allem in den Ballungszentren drückt jetzt der Schuh. Verschiedene Großstädte wie Hamburg und Frankfurt setzen bei der Lösung des Miet-Problems mit Förderkonzepten zur besseren Finanzierung auf innovative Ideen. Ein teurer Tower, wie in Stockholm, ist dagegen in den wenigsten Städten eine wirkliche Alternative.

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