Wenn Mayottes Asylbewerber*innen zu Alltagsheld*innen werden

, von  Celina Wald, Elena Iwanski, Malek S, Pierre, Stéphanie-Fabienne Lacombe

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Wenn Mayottes Asylbewerber*innen zu Alltagsheld*innen werden
Menschen stehen vor der „Präfektur“ Schlange. Angesichts der Zahl der Bewerber*innen, ist das Büro zweifellos unterbesetzt. Foto: Zur Verfügung gestellt von Elena Iwanski

In Mayotte, Frankreichs jüngstem Überseedepartement im Indischen Ozean, war das tägliche Leben für Asylsuchende zwischen verwehrten Rechten, Diskriminierung und nicht enden wollender Bürokratie von Anfang an eine Herausforderung. Die strengen Ausgangsbeschränkungen der Regierung während der Covid-19-Pandemie haben ihre prekäre Situation noch verschärft. Statt ihre Situation zu bedauern, beschlossen zwei Asylsuchende jedoch, anderen zu helfen und ihre Geschichten zu erzählen.

Malek ist 30 Jahre alt, hat einen Master-Abschluss in Englisch und Linguistik und sieht sich aktuell mit einem Durcheinander konfrontiert, mit dem er nicht gerechnet hatte, als er 2019 beschloss, in Mayotte Asyl zu beantragen. Er und seine beiden Zimmergenossen müssen ihr Zimmer bis Ende des Monats verlassen. Infolge der Ausgangsbeschränkungen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie konnten sie ihre Miete nicht zahlen, und ihr Vermieter scheint inzwischen die Geduld verloren zu haben.

Der Boden des winzigen Zimmers in Mamoudzou, der Hauptstadt von Mayotte, ist mit bemalten Fliesen ausgelegt. Darauf liegen stellenweise einige Decken und Kissen: drei improvisierte Schlafplätze. Ein kleiner Schrank und ein schäbiges Sofa wurden von früheren Mieter*innen zurückgelassen, die in Mayotte, einem französischen Überseedepartement, Asyl beantragt hatten. Ebenso wie Malek. Der junge Mann aus dem Jemen versucht, den Kopf nicht hängen zu lassen, aber manchmal ist er von den Auswirkungen der Ausgangssperre schlichtweg überwältigt. “Ich habe das Gefühl, die verbleibenden Tage meines Lebens zu zählen", beginnt er Anfang Mai unseren Videoanruf.

Derzeit sind 2434 Fälle von Covid-19 auf der Insel bestätigt worden. Die von der französischen Regierung erlassenen Verordnungen halten die Bewohner*innen der Überseedepartements in ihren Häusern. Im Falle von Asylsuchenden in Mayotte bestehen diese jedoch oft nur aus einem einzigen Raum, den sie mit anderen teilen, oder aus winzigen Hütten aus Blech.


Die Ruhe vor dem Sturm: Der Blick über die Dächer von Mamoudzou kurz vor dem Ausbruch von Covid-19. Foto: Zur Verfügung gestellt von Elena Iwanski

Mayotte: ein Ort mit zunehmenden Asylanträgen

Mayotte, eine Insel auf dem Komoren-Archipel zwischen Madagaskar und Mosambik, wurde 2011 zunächst als Überseedepartement Frankreichs und 2014 als ein Gebiet in äußerster Randlage der EU anerkannt. Aufgrund seiner geografischen Lage erhält Mayotte zunehmend Asylanträge von den Komoren, aber auch aus der Demokratischen Republik Kongo (DRC), Burundi, Ruanda sowie aus Syrien, Jemen und Kamerun. Im Jahr 2018 wurden offziellen Berichten zufolge insgesamt 809 Asylgesuche auf der Insel registriert.

Die meisten Antragsteller*innen sind sich der prekären Situation der Asylsuchenden in Mayotte sowie der Gefahr, langfristig auf der Insel gestrandet zu sein, nicht bewusst. „Ich glaubte, in Mayotte die gleichen Rechte zu haben wie Asylsuchende in anderen Teilen der EU“, erklärt Malek, der sich vor der Reise im Internet informierte. Welche Information ihm allerdings fehlte: die große Diskrepanz zwischen dem französischen Festland und Mayotte, wenn es um das Durchsetzen der Rechte von Asylsuchenden geht.

Ein Teil der EU, in dem die Rechte Asylsuchender missachtet werden

Maleks Reise vom Jemen nach Mayotte dauerte fast zwei Monate und kostete ihn einige tausend Dollar. Wegen der restriktiven Visabestimmungen für Jemenit*innen hatte er nach mehreren Flügen keine andere Wahl, als mit dem Boot von Madagaskar auf die Komoren überzusetzen. „Diese 26 Stunden waren die gefährlichste Situation, der ich in meinem Leben je ausgesetzt war“, beschreibt er die Fahrt auf dem winzigen Segelboot mit 20 Personen an Bord, die alle auf eine sicherere Zukunft hofften.


Aufbruch ins Ungewisse: Der letzte Teil der Reise, die die Asylsuchenden auf sich nehmen, führt unweigerlich durch den Indischen Ozean. Foto: Zur Verfügung gestellt von Elena Iwanski

Bei ihrer Ankunft waren die Asylsuchenden auf sich allein gestellt. Malek wusste, dass Solidarité Mayotte, eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Mamoudzou, Hauptakteur hinsichtlich der Unterstützung von Asylbewerber*innen auf der Insel ist. Da er ihre Kontaktdaten vorsorglich notiert hatte, wandte er sich an ihr Büro. Solidarité Mayotte bietet in erster Linie Hilfe bei bürokratischen Abläufen und gewährt Asylsuchenden eine kleine finanzielle Unterstützung. Die Organisation verfügt sogar über ein paar Unterkünfte, die für die Zahl der ankommenden Menschen jedoch nicht ausreichen. „Im Grunde genommen habe ich mir selbst geholfen“, berichtet Malek, der in einer Moschee Unterschlupf suchte, wo er die ersten 15 Tage verbrachte.

Theoretisch gilt in Mayotte das gleiche Asylgesetz wie auf dem französischen Festland. In Frankreich haben registrierte Asylsuchende das Recht auf eine Unterkunft, finanzielle Unterstützung sowie medizinische Versorgung und können nach sechs Monaten eine Arbeitserlaubnis beantragen. Faktisch werden den Asylsuchenden in Mayotte diese Rechte jedoch systematisch verweigert: Die Behörden stellen keine Unterkunft zur Verfügung und das Anmieten eines Zimmers ist ohne offizielle Dokumente oft unmöglich. Arbeitserlaubnisse sind in der Realität fast nicht zu bekommen und ein vergleichbares System finanzieller Unterstützung gibt es auf der französischen Insel nicht. Solidarité Mayotte hat diese sehr besorgniserregende Situation bereits in ihrem ersten Tätigkeitsbericht von 2008 angeprangert. Seitdem hat sich nichts geändert.

Dokumente beschaffen - ein umständlicher Prozess...

Pierre [1], ein politischer Flüchtling aus Burundi, der vor ein paar Jahren in Mayotte ankam, suchte anfangs ebenfalls Zuflucht in einer Moschee, bevor er eine andere Bleibe fand. „Am Anfang muss man sich hier wirklich allein durchschlagen und neu gewonnene Freund*innen um Hilfe bitten“, sagt er heute. „Gib niemals auf“ - das ist in dieser Zeit zu seinem Mantra geworden.

Malek und Pierre wurde nicht nur jegliche Unterstützung verweigert, auch der bürokratische Prozess erwies sich deutlich schwieriger als auf dem europäischen Kontinent. Es dauerte fast ein Jahr, bis Malek eine erste Anhörung bei OFPRA, dem französischen Amt zum Schutz von Asylsuchenden und Staatenlosen, erhielt. OFPRA ist für alle Asylanträge zuständig, die bei der französischen Departementverwaltung, sowohl auf dem Festland als auch in den Überseegebieten, gestellt werden. In Mayotte verfügt OFPRA jedoch über keinen ständigen Sitz, weshalb Malek auf die Ankunft der OFPRA-Delegation warten musste. Diese reist einmal jährlich nach Mayotte, um ihre Untersuchungsmission durchzuführen.

„Ich bitte die französische Regierung, den Menschen in Mayotte zu helfen und das Bewerbungsverfahren zu verbessern, damit die Menschen nicht so lange auf ihre Papiere warten müssen“, verlangt Pierre. In der Tat erfordert das gesamte Verfahren lange Wartezeiten, die oft mit wiederholtem Anstehen vor der „Präfektur“ verbunden sind, der Institution des Departements, die die Anmeldungen bearbeitet. Termine können zwar online vereinbart werden, sind aber nur auf ein Datum und auf keine bestimmte Uhrzeit festgelegt. Um sich Gehör zu verschaffen, ist eine frühe Anreise erforderlich, was wiederum zu einer langen Schlange vor der „Präfektur“ führt. Da die Online-Einreichung von Dokumenten nicht möglich ist, muss man dieses Verfahren im Zweifelsfall sogar mehrmals durchlaufen, sollte etwas fehlen. Hinzu kommt, dass eine kurzfristige Absage lang erwarteter Anhörungen vor dem Nationalen Asylgericht (CNDA) aufgrund infrastruktureller Probleme wie Stromausfällen keine Seltenheit ist. Die Anhörungen finden gewöhnlich per Videoanruf statt, da auch diese Institution in Mayotte nicht ständig präsent ist.


Mit der Ungewissheit leben: Eine Anhörung wurde abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben. Foto: Zur Verfügung gestellt von Elena Iwanski

Die Zeit überbrücken: Von Geduld und Tatendrang

Für Malek bedeutete dieses Verfahren elf Monate voller Unsicherheit, in denen er nicht arbeiten durfte. Während der ersten sechs Monate, in denen ein Fall von OFPRA bearbeitet wird, ist es unmöglich, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten - und es ist grundsätzlich ein langwieriger Prozess. Keine sinnvolle Beschäftigung zu haben bezeichnet Malek als „langsamen Tod“. Deshalb begann er, sich freiwillig für andere zu engagieren. Da sich Malek der Bedeutung und des Mangels an emotionaler und praktischer Unterstützung für Asylsuchende bewusst ist, hilft er nun anderen Asylbewerber*innen, die in Mayotte ankommen. Als Übersetzer begleitet er sie ins Krankenhaus oder bei Behördengängen - und hilft, wo immer er kann.

Einerseits fehlt es Mayotte an qualifiziertem Personal für seinen defizitären Gesundheitssektor und die überfüllten öffentlichen Schulen. So erreichen die Ausgaben Frankreichs pro Schüler*in in Mayotte beispielsweise nur zwei Drittel von dem, was der Staat für eine*n Schüler*in auf dem Festland ausgibt. Andererseits bringen Ankommende oft die erforderlichen akademischen Qualifikationen mit, dürfen diese aber nicht nutzen. Stattdessen sind sie gezwungen, sich dem informellen Sektor zuzuwenden, werden anfällig für Ausbeutung und erwirtschaften ihr Einkommen als Straßenverkäufer*innen, Haushaltshilfen oder Arbeiter*innen auf Baustellen. „Im Jemen war ich Akademiker - in Mayotte verkaufte ich Zwiebeln“, sagt Pierre. Paradoxerweise wurde er häufig von seiner Kundschaft beschuldigt, aus seinem Land geflohen zu sein, um den Reichtum Mayottes auszunutzen.

Das gesellschaftliche Umfeld von Mayotte ist zweifellos alles andere als einladend. Malek erlebte einige verbal anstößige Begegnungen mit den Einwohner*innen, ist aber allgemein davon überzeugt, dass „die Mahorianer*innen gut sind“. Pierre hat andere Erfahrungen gemacht: Seinem Asylgesuch wurde stattgegeben und er hat in Mayotte eine Stelle gefunden. Dennoch leidet er unter Rassismus und plant, die Insel wieder zu verlassen: „Einige Mahorianer*innen sind der Meinung, dass wir kein Recht haben, hier zu leben.“ Mayotte hat die höchste Arbeitslosenquote in der EU, während niedrige Löhne in Verbindung mit hohen Lebenshaltungskosten zusätzlichen Druck auf die Einwohner*innen ausüben. Diese alltäglichen Herausforderungen sind einer der Gründe für die teils negativen Reaktionen der Mahorianer*innen auf die Einwandernden. Und als ob die administrativen und sozialen Widrigkeiten nicht schon genug gewesen wären, „kam im März 2020 das Chaos“, führt Malek fort.


Angst und Unsicherheit auf beiden Seiten: Einige Mahorianer*innen brandmarken die Asylbewerber*innen als Diebe und sorgen dafür, dass diese ihre Botschaft erhalten. Foto: Zur Verfügung gestellt von Elena Iwanski

Zunehmende Probleme im Zusammenhang mit den Einschränkungen durch Covid-19

Tatsächlich haben Frankreichs strenge Vorschriften als Reaktion auf die Covid-19-Pandemie die Schwächsten in Mayotte am härtesten getroffen. 40% der Bevölkerung leben in Blechhütten, wo der Zugang zu sanitärer Infrastruktur nicht gewährleistet ist. 30% aller Häuser haben kein fließendes Wasser. Für Asylsuchende ist die Situation besonders heikel. Die strengen Corona-Maßnahmen von Präsident Macron berauben die Menschen der Möglichkeit, ein tägliches Einkommen zu erwirtschaften, was die Einhaltung der Vorschriften beinah unmöglich macht. Oder wie Malek es ausdrückt: „Draußen tobt das Virus, drinnen sucht uns das Virus namens Hunger heim. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, dass Covid-19 vor allem Menschen im Alter von 55-60 Jahren tötet, aber Armut und Hunger unterscheiden nicht zwischen den Altersgruppen. Allerdings betreffen sie weder Politiker*innen noch wohlhabende Menschen, sodass diese Bedrohungen systematisch übersehen werden.“

Pierre kommentiert die Unfähigkeit der französischen Behörden so: „Das ist eine Ungerechtigkeit! Die Regierung weiß von unserer Existenz, sobald wir unsere Papiere beantragen. Aber einige Menschen sind einfach vergessen worden“. Die Asylsuchenden wurden bei der öffentlichen Verteilung von Lebensmitteln in der Tat übersehen. An Polizeipräsenz mangelt es auf der Insel nicht. Mit dem Verstoß gegen die Ausgangsbeschränkungen geht daher das Risiko einer Geldstrafe einher. Malek beobachtet: „Die meisten Menschen halten sich an die Beschränkungen, aber andere beachten sie nicht. Sie können nicht mit gefesselten Händen zu Hause bleiben und sich ihrem Schicksal ergeben“.

Ebenso wie Malek entschied Pierre sich zu helfen. Mithilfe von Freund*innen und Verwandten im Ausland baute er ein internationales Netzwerk auf, das Gelder sammelt, um Nahrungsmittel für die Bedürftigen kaufen und verteilen zu können. „Die Menschen hatten ihre Hoffnung verloren, aber die Hilfsaktion hat sie ihnen zurückgegeben. Jetzt können sie wieder leben - dank der Hilfe von Menschen, die sie nicht einmal kennen. Es scheint für sie wie ein Wunder zu sein.“ Nichtsdestotrotz bleiben sie auf die Hilfe von Pierre und seinem Netzwerk angewiesen, zumindest für die Dauer der Ausgangssperre.

Die Hilfsaktion hat viele Asylsuchende in allerletzter Minute erreicht, aber die grundsätzlichen Probleme bleiben dieselben. Während Präsident Macron die Beschränkungen auf dem Festland langsam (und eine Woche später auch in Mayotte) aufhebt, hat Covid-19 die bestehenden Ungleichheiten weiter verschärft.


Solidarität in Zeiten von Corona: Ein Einkaufswagen mit Grundnahrungsmitteln, die an die Bedürftigen verteilt werden sollen. Foto: Zur Verfügung gestellt von Elena Iwanski

„Wir sind nicht nach Mayotte gekommen, um uns zu amüsieren. Wir haben unsere Heimatländer verlassen, weil wir dort mit vielen Problemen konfrontiert waren. Um unser Leben zu retten, mussten wir unser altes Leben hinter uns lassen“, erklärt Pierre. Er wird die Verteilung der Lebensmittel fortsetzen, bis sich die Lage stabilisiert hat.

Auch Malek setzt seine ehrenamtliche Arbeit als Übersetzer fort, während er auf eine positive Entscheidung von OFPRA wartet, und darauf, dass seine Familie sich ihm anschließt. „Die Internetverbindung in den Dörfern im Jemen ist so schlecht, dass ich nicht einmal Videogespräche führen kann, um meine Frau und meine Tochter zu sehen“, bemerkt er. Seine größte Hoffnung ist es, sich endlich niederzulassen und zu arbeiten: „Es spielt keine Rolle, ob es in Mayotte, La Réunion oder auf dem europäischen Festland sein wird. Alles, was ich will, ist in Frieden zu leben“.

Kurz bevor er sein Zimmer verlassen musste, hat Malek glücklicherweise eine andere provisorische Unterkunft gefunden. Es ist zwar nur ein Zimmer im Souterrain, aber immerhin ist es erschwinglich und bietet ihm ein Dach über dem Kopf - ein Hoffnungsschimmer in schwierigen Zeiten.


Im Podcast spricht Malek über die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit den Ausgangsbeschränkungen:

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Anmerkungen

[1Name geändert zur Wahrung der Anonymität

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