Hunderttausende Menschen protestieren gegen das geplante transatlantische Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA. Dies ist einerseits ein Zeichen gelebter Demokratie, kommentiert unsere Autorin Laura Orlik. Doch andererseits könne man den Ängsten, die auf den Demonstrationen geschürt werden, kaum noch mit objektiven Argumenten beikommen.

Man kann den Eindruck gewinnen, die TTIP-Proteste seien mal wieder typisch deutsch. Die Deutschen sind in der Tat ziemlich sensibel, was dieses Thema angeht, in Irland beispielsweise schlägt dieses Abkommen nicht so hohe Wellen. Es ist zweifelsohne begrüßenswert, dass sich engagierte Menschen finden, die stellvertretend für viele andere Menschen ihr Unbehagen gegenüber TTIP ausdrücken. Es ist auch ein Zeichen, dass unsere Demokratie gelebt wird,wenn sich Menschen interessieren und zum Protest mobilisieren. Man kann den tapferen TTIP-Demonstranten also durchaus auf die Schulter klopfen. Kritik ist nämlich gut und nötig, nur leider können bestimmte Phrasen auch ermüdend wirken. So hört man seit Monaten nur noch, dass Arbeitnehmerrechte, Verbraucherschutz, Lebensmittelstandards und Umweltstandards durch TTIP „ausgehöhlt“ würden, dass eine „Paralleljustiz“ drohe, wenn private Schiedsgerichte das Ruder übernehmen. Damit sind die Argumente vieler TTIP-Gegner aber auch schon ausgeschöpft.

Eine zu sehr emotionalisierte Debatte: Wo bleiben die Argumente?

Diese diffusen Ängste schwirren unnötigerweise innerhalb der Gruppe der TTIP-Gegner umher, denn es genügt, sich bei der Europäischen Kommission über den tatsächlichen Stand der Dinge zu informieren. Die Art, wie dieses Paper formuliert ist, zeigt, wie irrational an TTIP herangegangen wird. Zunächst wird die Behauptung der TTIP-Gegner genannt, dahinter steht großgeschrieben „FALSCH“. Dies ist nicht der herkömmliche Kommunikationsusus der Europäischen Kommission und illustriert, dass den gebetsmühlenartig vorgetragenen Behauptungen kaum mit objektiven Argumenten beizukommen ist. Es erwächst also zunehmend der Eindruck, dass die mündigen Bürger, die ihr Demonstrationsrecht wahrnehmen, ihr Informationsrecht nicht so recht zu nutzen wissen.

Sind diese teilweise unbegründeten Ängste widerlegt, wird ein weiteres bekanntes Argument zitiert: „Sowieso wird alles hinter verschlossenen Türen ausgehandelt!“. Das ist aber nun einmal der Charakter von komplexen Vertragstexten. Und ein Kennzeichen unserer modernen Demokratie. Viele Politiker und Abgeordnete haben schlichtweg nicht die Kompetenz und die Resourcen, um über bestimmte Themen zu verhandeln. Das gilt genauso für die meisten Bürger. Es stimmt, dass die jetzigen Verhandlungen wirtschaftlslastig sind, was für ein Handelsabkommen im Grunde aber ein positives Attribut ist. Man ist im Moment in einer Phase der Verhandlungen, wo eine gewisse Diskretion aus verhandlungsstrategischen Überlegungen nötig ist. Dieses Argument der TTIP-Gegner ist also kaum haltbar. Zumal der ausgehandelte Vertragstext (der laut Sigmar Gabriel nicht vor 2017 fertig werden dürfte) nicht umgehend in Kraft treten wird, sondern erst von allen EU-Nationalparlamenten ratifiziert werden muss. Das letzte Wort werden also gewählte Abgeordnete haben. Man kann also in keinem Fall von einer Entmachtung der Parlamente sprechen.

Entscheidend ist Information

Die TTIP-Proteste sind, um es noch einmal zu betonen, das Zeichen einer gelebten Demokratie: Das ist gut. Man hat aber den Eindruck, dass diese Demonstrationen und der Widerstand gegen TTIP von viel Unwissenheit und diffusen Ängsten geleitet sind, was auf den objektiven Beobachter der Verhandlungen ziemlich ermüdend wirkt, weil sich ob des geringen Informationsstandes der meisten TTIP-Gegner die Diskussionen immer und immer wieder im Kreis drehen. Am Ende bleibt die Frage, wer für die mangelnde Information verantwortlich zu machen ist. Diese lässt sich nicht zufriedenstellend und eindeutig beantworten, weil zum einen die Öffentlichkeitsarbeit einer Institution, hier der Europäischen Kommission, immer ein Stück besser und adressatenorienterter gemacht werden kann, zum anderen hat aber auch der Bürger eine Informationspflicht, die er heute schon wahrnehmen kann, weil die Mehrheit der Dokumente rund um TTIP öffentlich zugänglich sind.