Die Welt steckt in der Krise: Klimawandel, Wirtschaftsflaute, soziale Gräben und ein schwindendes Vertrauen in Politik und Institutionen. Klassische Lösungen scheitern an Komplexität oder mangelnder Akzeptanz. Doch was, wenn wir die Krise nicht als Sackgasse, sondern als Chance für radikale Kreativität begreifen? Genau hier setzt der irische Autor und Philosoph Timothy Morton an: statt verzweifelt alte Lösungen für neue Probleme zu suchen, sollten wir uns einfach auf die Tanzfläche stellen – und zwar alle zusammen, mit Steinen, Tieren und unserem verursachten Müll. Sein Motto: „Let’s Disco!”
„Dark Ecology”: Wir sind Teil des Problems und der Lösung
Morton beschreibt, dass Menschen glauben, über der Natur zu stehen, sie zu kontrollieren, um nach Belieben ausbeuten zu können. Seiner Idee nach sind wir nur ein Teil eines riesigen, ökologischen Netzwerkes. In diesem chaotischen Geflecht sind Steine mit Tieren verbunden, Tiere mit Pflanzen, Pflanzen mit Menschen und Menschen mit Plastikmüll. Das nennt Morton „Dark Ecology": Menschen sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern gleichwertige Mitspieler in der Natur.
Der Klimawandel könnte als Beispiel für diese Interkonnektivität herangezogen werden. Ein sogenanntes Hyperobjekt - ein Phänomen, das so groß und komplex ist, dass wir es kaum begreifen können, geschweige denn (alleine) lösen. Traditionelle Politik im Alleingang von einzelnen Ländern würde deshalb scheitern; sie sei zu langsam, zu bürokratisch, zu sehr auf menschliche (kurzfristige) Interessen fixiert. Morton ist der Auffassung, dass wir weiterhin scheitern werden, solange wir glauben, dass wir die Natur kontrollieren können.
Stattdessen schlägt Morton eine neue Haltung, Akzeptanz, Verspieltheit und radikale Koexistenz aller Organismen vor. Wenn also klassische Politik versagt, Vertrauen in Autoritäten und Institutionen sinkt, warum nicht mit Humor, Provokation und einer Prise Absurdität gegensteuern?
Die Lösung: Satire und kollektives Disco-Fieber?
Doch wie lässt sich diese radikale Akzeptanz und Verspieltheit konkret in die politische Praxis übersetzen? Morton selbst schlägt keine klassischen Lösungswege vor, stattdessen betont er die Notwendigkeit, die Absurdität der aktuellen Systeme zu erkennen und sie mit Kreativität und Humor zu durchbrechen. Satireparteien könnten genau da ansetzen und Bewegung in das (politische) Spiel bringen. Sie nutzen Provokation und Überspitzungen, um starre Strukturen aufzuweichen und neue Denkräume zu eröffnen. Denn wenn die Krise uns lehrt, dass Menschen, Tiere und Müll in einem chaotischen Netzwerk verbunden sind, warum sollten dann nicht auch unkonventionelle Akteure eine Rolle in der Lösung spielen?
Beispiele wie Islands „Beste Partei“ oder Deutschlands „Die PARTEI“ zeigen: Provokation, Humor und absurde Ideen können politische Räume öffnen, die sonst verschlossen bleiben. Die „Beste Partei” wurde 2009 im Nachgang der Weltfinanzkrise vom Komiker Jón Gnarr gegründet. Sie war als parodistisch-satirische Antwort auf die Inkompetenz und Kurzsichtigkeit politischer Eliten gedacht.
Von 2010 bis 2014 regierte die Spaßpartei tatsächlich die isländische Hauptstadt Reykjavík. Sie forderten im Wahlkampf unter anderem Gratishandtücher in Schwimmbädern oder ein drogenfreies Parlament bis 2020. Sie stellten infrage, schlugen einen anderen Ton an und beharrten darauf, dass sie besser regieren könnten als die Kontrahenten. Ihre völlige Unerfahrenheit bringe sie näher an die Bevölkerung und deren tatsächliche Bedürfnisse heran, behauptete Gnarr.
Auch in Deutschland will die „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative” (PARTEI) satirische Kritik an der Politik des Landes üben. Dabei verspotten sie regelmäßig die Wahlversprechen der Konkurrenz durch Überspitzungen. Das Ziel: politische und gesellschaftliche Missstände durch Humor aufzeigen. Aktuell hat die Kleinpartei zwei Sitze im Europäischen Parlament inne.
Warum Humor funktionieren könnte
Morton sagt: Wir brauchen ein neues Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen und mit allem, was existiert. Es geht im Kern um Demut und Kreativität. Satirische Parteien könnten genau das leisten: Sie entlarven die Absurdität des Status quo und zeigen, dass Politik auch informell - lustiger, inklusiver und selbstironisch - sein kann.
Eine handfeste Lösung ist das für die verschiedenen Krisen des 21. Jahrhunderts nicht, aber vielleicht ein Anfang. Ein Aufstand der Verspieltheit gegen das Rennen im Kreis. Ein kollektives „Let’s Disco!” als Akt des Widerstands und der Rettung.
Kurzum, die Welt ist kompliziert, der Ausgang ungewiss - auch wenn die multiplen Probleme besorgniserregend sind und lähmen können, bleibt Hoffnung. Hoffnung in Andersdenken. Vielleicht reicht es, wenn wir uns alle auf die Tanzfläche stellen und akzeptieren, dass wir Teil eines viel größeren, seltsamen ökologischen Netzwerkes sind. Und wer weiß: Vielleicht retten uns am Ende doch die Satire-Kritiker:innen – oder zumindest ihre Partys.
Siehe auch: Timothy Morton. Dark Ecology: For a Logic of Future Coexistence New York: Columbia University Press, 2016, pp. 303-306.

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