Auf dem Weg zur EU-Wahl 2019

Sprache ist Silber, Kommunikation ist Gold

, von  Jan Detering

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Sprache ist Silber, Kommunikation ist Gold
Kommunikation geht weit über Sprache hinaus - und muss deshalb vor allem vor Wahlen gut durchdacht sein. Foto: Flickr / Brooke Novak / Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0)

Sprache prägt, wie wir denken und handeln – daher ist vor allem im Wahlkampf das Nachdenken über Sprache unabdingbar. Jan Detering zu Chancen und Herausforderungen von Framing im Vorfeld der Europawahl

Zweifellos nehmen Sprache und Kommunikation eine wesentliche Rolle im politischen Umfeld ein. Politische Inhalte, Werte und Visionen müssen versprachlicht werden, um Wähler*innen erreichen zu können. Sprache ist also ein zentrales Instrument der Politik, mit dem Gespräche und Diskussionen geführt werden können. Aber welchen Stellenwert hat die Sprache heutzutage noch in unseren Gesellschaften? Und welche Rolle kann und muss Sprache in der Europäischen Union und dem anstehenden Wahlkampf spielen?

Wir verlieren den Bezug zur Sprache

Beobachtet man gesellschaftliche und politische Debatten, fällt auf, dass auf eine alarmierende Art und Weise die Sprache immer mehr an Bedeutung verliert. Zugespitzt gesagt: Sowohl die Politik als auch die Medien und die Öffentlichkeit nutzen Sprache als Mittel zum Zweck, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verwenden, welche Auswirkungen Sprache auf Menschen haben kann. Christian Lindner (FDP) beklagte im August 2018 die Verrohung der Sprache und den Verlust ihrer Differenziertheit. Diskussionen werden aus seiner Sicht nicht mehr auf sachlicher Ebene geführt. Diese Entwicklungen haben zur Folge, dass politische Debatten entwertet werden. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte: „Wir müssen zurückkommen zu einer Auseinandersetzung, die möglichst auf Irrationalität verzichtet“. Momentan scheint das Augenmerk hauptsächlich darauf zu liegen, welche Partei oder welche Person mit der auffälligsten oder grenzwertigsten Formulierung ein Thema prägen kann, nicht aber, welche Fakten für das entsprechende Thema entscheidend sind. Die deutsche Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling und der amerikanische Linguist George Lakoff haben zu diesem Thema geforscht: Die sogenannte Framing-Theorie hält fest, dass sogenannte Frames und Metaphern Debatten prägen. Ziel ist es, politische Inhalte und Werte im Gehirn des Empfängers zu platzieren, um auf diesem Wege die politische Realität der Wähler*innen zu beeinflussen.

Wer die Debatte zuerst framed, gewinnt

Laut der Framing-Theorie können Menschen nicht außerhalb von Frames und Metaphern handeln. Sicherlich denken – und handeln (!) – Menschen nicht alle in den gleichen Deutungsrahmen, doch können Menschen eben nicht nicht denken. Das hat zur Folge, dass politische Debatten eine ganz andere Struktur benötigen: Belegbare und nachvollziehbare Informationen und Fakten müssen die Debatten leiten, nicht aber die gezielte Einflussnahme auf Menschen. Laut der Kognitionsforschung ist es fatal, Werte und Ansichten des Gegenübers in den eigenen Sprachgebrauch aufzunehmen. Das Verneinen von bestimmten Frames entwertet ihn nicht, sondern führt dazu, dass er erneut im Kopf des Zuhörers aufgerufen wird. Es erweist sich als nachteilig, Argumente der Gegenseite aufzunehmen und sie zu abzustreiten, denn Menschen reagieren zunächst auf die verneinte Idee. Erst in einem zweiten Schritt beginnen sie, die Situation hinsichtlich ihrer sprachlichen Formulierung zu verstehen. Aus diesem Grund verfällt die Möglichkeit, die eigene politische Ideologie und Weltansicht in den Köpfen der Empfänger zu verbreiten und somit gedanklich zu stärken, argumentieren Lakoff und Wehling. Politische Inhalte können also nur vermittelt werden, wenn eine Überzeugung mit einer Idee und dem passenden Frame verbunden werden. Politische Sprache bedarf einer bewussten Verwendung und konkreter Sensibilisierung auf beiden Seiten der Kommunikation: Sowohl Politiker*innen als auch Wähler*innen müssen sich bewusstmachen, wie Sprache und Frames wirken.

Einigkeit in Vielfalt: Sprache als Bindeglied zwischen europäischen Gesellschaften

Die Europäische Union zeichnet sich durch Vielfältigkeit aus: sowohl in den politischen Strukturen, Kulturen, aber eben auch in der Sprache. Die EU ist das Zuhause von 24 verschiedenen Amtssprachen und steht somit vor der Herausforderung, allen Menschen verständlich und auf direktem Wege zu begegnen. Gerade mit Blick auf den Wahlkampf und die EU-Wahl im kommenden Mai müssen sich europäische Politiker*innen fragen, wie sie ihren Wahlkampf aufbauen und welche Kommunikation zweckdienlich ist. Selbstverständlich werden die Politiker*innen immer noch in ihrem jeweiligen Mitgliedstaat gewählt, doch trotzdem müssen pro-europäische Parteien eine viel prägnantere Sprache finden, die die Vorteile des europäischen Projekts herausstellt. Es gilt die akuten Herausforderungen so zu framen, dass eine deutliche Abgrenzung zu anti-europäischen Parteien zu erkennen ist und eigene Ideen platziert werden. Sprache ist nicht nur ein Mittel zur Verständigung und zur Übermittlung von Informationen vom Sender zum Empfänger, sondern ein sensibles Instrument, das Menschen in ihren Gedanken und in ihrem Handeln beeinflussen kann. Demnach müssen Fakten immer in einem geeigneten gedanklichen Rahmen widergegeben werden. Ansonsten gehen die Inhalte der Information verloren. Nimmt man das klassische Beispiel der Steuerlast, so kommt das Bild von einer finanziellen oder gar existenziellen Gefahr auf. Steuern schränken die Bürger*innen in ihrer Freiheit und Selbstbestimmung ein, indem ihnen Geld „weggenommen“ wird. Der Frame Steuerlast vernachlässigt jedoch vollkommen die Tatsache, dass Steuerbeiträge einen gewissen sozialen und gesellschaftlichen Lebensstandard ermöglichen. Eine mögliche Alternative wäre die Steuerverantwortung, so Wehling. Ein europäischeres Beispiel ist der Frame von Steueroasen oder auch tax heaven. Länder, die durch ihre Steuerpolitik Anreize schaffen, dass Unternehmen oder auch Einzelpersonen ihre finanziellen Mittel anderorts versteuern, werden als diese Oasen bezeichnet. Im Kontext der Framing-Theorie muss also ein Ort mit geringerer Besteuerung das Paradies sein, in dem himmlische Zustände herrschen, während das eigene Land nicht solche Bedingungen bietet. Diese Interpretation führt zu der Annahme, dass man es dort deutlich besser hat, wo weniger Steuern verlangt werden. Doch war nicht gerade die Rede davon, dass Steuern uns erst Wohlstand und soziale Ausgeglichenheit ermöglichen können? Es zeigt sich, dass die Forderung nach einem ausgewogenen und differenzierten politischen Diskurs für die europäische Demokratie unabdingbar ist und gerade im Wahlkampf Menschen deutlich sensibler für diese Erkenntnisse sein müssen.

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