In seiner Rede zur Lage der Union sagt Jean-Claude Juncker viel Richtiges, doch die jungen Europäer können seinen Worten nicht trauen. Ein Brief an den Kommissionspräsidenten.

Sehr geehrter Herr Juncker,

ich habe Ihre Rede Wort für Wort gelesen und wie oft wollte ich die Arme hoch reißen und sagen : „Ja! Genau darum geht es! An die Arbeit, wir haben viel zu tun!“. Am liebsten würde ich meinen Freunden Ihre Rede zeigen und Ihnen sagen: „Hört euch den an: Er sagt so viel Gutes. Das ist unser Mann!“. Doch ich kann nicht. Ich kann Ihren Worten nicht trauen. Sie sind kein ehrlicher Mann.

Verstehen sie mich bitte nicht falsch: Sie haben vor dem Europäischen Parlament so viel Richtiges gesagt. Die Krisen, die Uneinigkeit, der Streit; die Verhandlungen und Krisengipfel; die Orientierungslosigkeit der Politik und die Ermüdung der Wähler. All diese Dinge zerstören das Fundament unseres Europas. Sie haben ja so recht: Wir müssen etwas unternehmen, sonst bricht unser Friedensprojekt auseinander. Und grade deshalb tut es mir so weh, dass ich Ihnen nicht trauen kann.

Sie wissen genau wovon ich rede: Vor Ihrem Amt als Kommissionspräsident waren sie Finanzminister und Ministerpräsident von Luxemburg. Unter Ihrer politischen Führung wurde Luxemburg zu einer gigantischen Steueroase aufgebaut. Amazon, Apple, Ebay und Konsorten sparten dort ihre Unternehmens- und Gewinnsteuern. Der Schaden für die Nationalstaaten liegt im dreistelligen Milliardenbereich. Wie dringend hätten wir das Geld gebraucht um die verherrenden Probleme zu bewältigen vor denen wir stehen.

Und sie tun so, als hätten sie von alldem nichts gewusst? Schlimmer noch: Sie stellen sich vor das Parlament und prangern die Steuerhinterziehung an? Herr Juncker: Ich befürchte nicht nur, dass sie uns belügen - ich glaube sie wollen uns für dumm verkaufen.

In Ihrer Rede haben sie gesagt, dass Europa nicht der Wilde Westen ist; dass hier Steuergesetze gelten. Sehr richtig: Glück für Sie, dass wir nicht im Wilden Westen leben. Dort hat man die Schurken noch mit Teer und Federn über die Stadtgrenze gejagt. Sie hingegen wurden Präsident der Europäischen Kommission. Das ist bemerkenswert.

Sie waren der Steigbügelhalter für die eigentlichen Sozialschmarotzer Europas. Wissen sie wie gigantisch groß Ihre Taten sein müssen, damit wir Ihnen wieder trauen können?

Wenn es Ihnen ernst sein sollte, dann erwarten wir von Ihnen, dass sie Ihren alten Freunden ins Gewissen reden. Setzen sie sich dafür ein, dass Steuervermeidung in Europa unterbunden und Steuerhinterziehung bestraft wird. Damit nicht länger diejenigen aufeinander gehetzt werden, die eh schon wenig oder überhaupt nichts haben. Die Populisten stehen bereit um uns auf zu stacheln: Die Jungen gegen die Alten, die Schwachen gegen die Schwächsten. Sie kennen diese Leute, also setzen sie Ihrem Treiben konkrete politische Ergebnisse entgegen.

Dann kann ich auch meinen Freunden erzählen, dass sie kein Ganove sind, sondern einer von den Guten. Und das sind sie doch, oder etwa nicht?

Wir setzten ganz auf Sie.

Hochachtungsvoll,

Ein überzeugter Europäer