Internationale Großkonzerne parken ihre Vermögen in Steueroasen. Sie bereichern sich durch den europäischen Binnenmarkt und drücken sich vor der Besteuerung. Die Politik leistet bereitwillig Schützenhilfe, wie das Beispiel Luxemburg zeigt. Das ist Verrat am ehrlichen Steuerzahler. Ein Kommentar.

Wenn es um die Schwächsten der Gesellschaft geht, bedient die Politik bereitwillig Ressentiments unter den Wählern. Sozialbetrug soll schließlich öffentlichkeitswirksam bekämpft werden. Langzeitarbeitslose werden gegängelt und den Arbeitssuchenden aus dem Ausland wird bei Fehlverhalten direkt mit dem Rauswurf gedroht. Gleichzeitig bereichern sich internationale Großkonzerne in viel größerem Stil am Gemeinwesen als bisher angenommen. Die Affäre um die geleakten Dokumente aus Luxemburg bringt das Ausmaß ans Tageslicht: Die Dokumente belegen, wie Firmen ihre Vermögen nach Luxemburg verschieben und mithilfe findiger Tricks an der Steuer vorbeiführen. Sie vergrößern ihren Profit zu Lasten des Gemeinwohls. Die internationale Politik schaut schon viel zu lange weg. Doch nicht nur das: Das Großherzogtum Luxemburg rollt den Konzernen noch den Teppich aus.

Die Täter und die Tricks

Um der gängigen Unternehmensbesteuerung zu entgehen, gründen die Konzerne Tochterunternehmen in Luxemburg. Die Gewinne aus dem Ausland werden dann getarnt nach Luxemburg transferiert, wo sie nur minimal besteuert werden. Die gängige Besteuerung von 29 Prozent schrumpft so auf mitunter 0,1 Prozent - für die Konzerne eine Goldgrube. Der volkswirtschaftliche Schaden ist dabei immens: Aufgrund der umfassenden Steuervermeidung erleiden die G20-Staaten Steuerverluste in dreistelliger Milliardenhöhe. Die Liste der Drückeberger ist lang und branchenübergreifend: Zu den internationalen Schwergewichten wie Amazon, Apple und Ebay gesellen sich auch deutsche Unternehmen. Neben großen Namen wie E.on und Fresenius Medical Care findet sich auch – wenig verwunderlich - die Deutsche Bank.

Skrupellos und unsolidarisch

Ihre Branchen sind unterschiedlich, doch Skrupellos sind sie alle. Sie sind die Champions ihrer Branche und die Gewinner der Weltwirtschaft. Sie profitieren im hohen Maße von den wirtschaftlichen Freiheiten, die der Binnenmarkt der Europäischen Union ihnen bietet. Sie sind aber allesamt nicht bereit ihren Beitrag zum Steueraufkommen der Mitgliedstaaten zu leisten. Dabei ist ihr Handelsmodell im hohen Maße auf eine intakte Infrastruktur angewiesen. Sie wälzen die Steuerlast auf die Allgemeinheit ab. Die beteiligten Konzerne sind somit die größten Sozialschmarotzer Europas.

Die Politik ist gefragt

Die Empörung über die Steuervermeidung ist gerechtfertigt. Doch ob man es glauben will oder nicht: Die Konzerne verstoßen mit dieser Praxis gegen kein Gesetz. Die Geldschiebereien sind legal. Die Politik steht somit in der Pflicht für eine europaweite Steuergerechtigkeit zu sorgen.

Das Problem: Für einzelne Staaten lohnen sich die konkurrierenden Steuersysteme. Seit 1980 buhlt Luxemburg geradezu um die Gunst der Konzerne und lockt sie mit Steuervergünstigungen ins Land. Heute ist das Großherzogtum ein internationaler Finanzplatz und profitiert von den Tochterfirmen der Konzerne und den Geldern der internationalen Investoren. Ihr Wettbewerbsvorteil geht zu Lasten der europäischen Steuerzahler. Damit muss Schluss sein.

Besserung in Sicht?

Aktuell arbeiten die G20 Staaten an einem Abkommen, das die Steuerflucht in Zukunft erschweren soll. Doch auch eine erhöhte Transparenz ist kein Allheilmittel gegen gierige Unternehmen und nationalstaatliches Kalkül. Eine gesamteuropäische Lösung muss her. Eine entschlossene Angleichung der Steuerstandards und der Abbau von Steuerschlupflöchern muss das gemeinsame Ziel sein. Gerechtigkeit muss den Vorrang vor nationalstaatlichem Eigennutz erhalten.

Für den frischgebackenen Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, werden die Enthüllungen zur Nagelprobe. Er stieg in seiner politischen Karriere in Luxemburg vom Finanzminister zum Premierminister auf. Unter seiner politischen Führung gedeihte die Steuerroase. Die immer lauter werdende Kritik an seiner politischen Vergangenheit beeindruckt ihn kein Stück. Der Verdacht drängt sich auf, dass mit diesem politischen Personal Steuergerechtigkeit in Europa ein Wunschtraum bleibt.