Die Krim ist wieder russisch und Putin ein gefeierter Nationalheld. Dabei stößt der neue russische Nationalismus besonders sauer auf. Statt nationalistischer Expansionspolitik bräuchten die Bürger Russlands vor allem eins: echte innenpolitische Reformen.

Putin hat Geschichte geschrieben. Er führte die Krim zurück nach Russland und fast das ganze Land jubelt ihm zu. Selbst Kremlkritiker klatschen Beifall. Nach Angaben des russischen Meinungsforschungszentrums befürworten 91 Prozent der Russen den Anschluss der Krim an die russische Föderation. Auf der Krim selbst haben nach offiziellen Angaben rund 93 Prozent der Menschen im Referendum für den Beitritt gestimmt.

Neben offensichtlicher „Wahloptimierung“ wurde den Bewohnern der Krim versprochen, ihre Löhne und Renten stufenweise an die russischen anzugleichen. Da der durchschnittliche Lohn in Russland im Jahr 2013 900 US-Dollar und in der Ukraine 390 US-Dollar betrug, war die Freude der Menschen auf der Krim bei der Verleihung der russischen Staatsbürgerschaft entsprechend groß.

Warum aber sind die Russen so euphorisch in Bezug auf die Krim-Annexion? Die Antwort steckt in der traumatischen Geschichte des Landes. Gorbachov ließ ein mächtiges Reich auseinanderbrechen, ohne es vorher zu modernisieren und wirtschaftlich zu stabilisieren. Nur Wenige profitierten von Perestroika und Glasnost. Jelzins Schocktherapie, also die schlagartige wirtschaftliche Transformation, hatte katastrophale Konsequenzen. Im Zuge einer unkontrollierten Privatisierung bereicherten sich Günstlinge des Regimes schamlos am Staatsvermögen, die Wirtschaft brach zusammen und stürzte Millionen Russen in Armut, Kriminalität und Korruption. Hinzu kam, dass der Alkoholiker Jelzin Russland vor der Welt blamierte. Das kränkte den Nationalstolz vieler Russen.

Starker Mann, schwaches Land

Und dann kam er: Wladimir Putin. Ein junger ambitionierter Mann, der versprach das Land zu modernisieren, die Korruption zu bekämpfen und gegen sich auflehnende Tschetschenen mit harter Hand vorzugehen. Putin verhieß Sicherheit als in Moskauer Wohnblöcken Bomben explodierten und die Geiseldramen von Nord-Ost und Beslan die russische Bevölkerung in Atem hielten. Außerdem versprach er wirtschaftliche Stabilisierung. Im Zustand permanenter Unsicherheit und äußerer Bedrohung spielte Demokratie keine Rolle - im Gegenteil - in Russland war Führung gefragt.

Im Jahr 2014 hat Putin Russlands Weltgeltung wiederhergestellt, doch Russen bleiben weiterhin Weltbürger zweiter Klasse. Im Ausland braucht der Russe fast immer ein Visum, der Rubel ist schwach, die Korruption blüht. Auf dem Corruption Perception Indexsteht das Land auf Platz 127 - noch hinter Tansania und Usbekistan. Menschen aus Randgebieten wandern nach Moskau oder Sank-Petersburg ab, weil es in ihren Heimatstädten kaum Arbeit gibt von der sie leben können. Wer kann, sucht sich eine neue Heimat in den USA oder Europa. Noch nie haben so viele Menschen Russland den Rücken gekehrt wie unter Putin.

Auch Russlands Demokratie ist defekt. Journalisten unterliegen strenger Zensur, die Opposition existiert nur auf dem Papier, Wahlen werden manipuliert, Demonstrationen auseinandergejagt, Gesetzte gegen unbequeme Bevölkerungsschichten verschärft. Wirtschaftlich kann Russland dem Westen außer Getreide, Öl und Gas kaum etwas bieten. Selbst Russen fahren lieber ausländische Autos und schicken ihre Kinder in den Westen zum Studieren. Im Innern ist Russland noch immer völlig marode.

Amerika ist schuld!

Antiamerikanismus ist eine bewährte Strategie des Kremls von diesen internen Problemen abzulenken. In den russischen Medien werden die USA beschuldigt den Maidan mitfinanziert und die Proteste in der Ukraine angefacht zu haben, um Russland zu schwächen. Putin habe den USA jedoch die Stirn geboten und den ukrainischen Faschisten die Krim entrissen. Es ist ein verbitterter Stolz, der Russland eint und Historiker darüber diskutieren lässt, die Geschichtsbücher im Lichte der Putin’schen Außenpolitik neu zu schreiben. Es ist aber auch eine Instrumentalisierung äußerer Feindbilder, die seit dem Amtsantritt Putins zum festen Bestandteil russischer Innenpolitik gehört.

Die Kosten der Krim-Annexion

Welchen Preis werden die Russen für die Krim-Annexion zahlen? Der ungesunde russische Nationalismus ist auf dem Vormarsch, befürchtet etwa der Journalist und Putin-Kritiker, Wiktor Schenderowitsch. Politisch werde Russland noch isolierter sein als zuvor. Schon jetzt habe das Land kaum Verbündete in der Welt. Schenderowitsch nennt diesen Prozess die Afrikanisierung Russlands. Laut ihm wird Russland ein rückständiges Land bleiben, aus dem immer mehr kluge Köpfe emigrieren, weil sie für sich keine Zukunftsperspektive mehr sehen. Um die Krimbevölkerung zu versorgen, werden die Preise in den Supermärkten und an den Tankstellen steigen, prognostiziert der Politikwissenschaftler Stanislav Belkowski. Schon jetzt sind die Preise angestiegen, nicht zuletzt wegen der teuersten olympischen Spiele aller Zeiten, bei denen Unmengen an öffentlichen Geldern in korrupten Taschen wanderten.

Was interessiert das schon den Durchschnittsrussen, wenn er dafür die Krim und einen präsidialen Superhelden auf einmal haben kann? Richtig, es wird ihn interessieren. Spätestens dann, wenn er aus seinem nationalchauvinistischen Tagtraum erwacht, als Bürger eines isolierten, autokratischen und rückständigen Landes.

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