Unvorstellbar. Realitätsfern. Ohne jede Vernunft. Natürlich wird man mir diese Einschätzung in den Kommentaren zuschreiben. Ich will es trotzdem wagen, dieses gedankliche Tabu zu behandeln. Ich glaube, es ist die Sache wert. Und ich hoffe, dass man sich inhaltlich mit den Argumenten auseinandersetzt.

Europas Friede unter Beschuss

Der Friede in Europa ist in Gefahr. Nein, mehr noch. Es ist Krieg in Europa. Rund fünfzig Tote hat der Krieg im Donbass allein in diesem erst sieben Tage jungen Monat gefordert. Nur weil die Leitmedien den Fokus auf Interessanteres geworfen haben, endet das Sterben in der Ostukraine nicht. Ein Krieg wie der im Donbass, wo alle beteiligten Akteure glauben im Recht zu sein, ist kein Einzelfall. Das zeigte der russisch-georgische Krieg 2008. Russland und die EU sind in die europäischen Konflikte der letzten Jahre direkt oder indirekt involviert. Will man den Krieg aus Europa vertreiben, muss man den beiden Bevölkerungen klarmachen, dass sie gleiche Interessen haben. Frieden, Freiheit, Wohlstand. Aktuell glauben beide das Gute gegen das Böse zu verteidigen. Frieden wollen Völker auf beiden Seiten. Schafft man es den Beteiligten zu vermitteln, dass eben niemand Krieg oder Expansion anstrebt, wäre Friede möglich.

Eine närrische Analogie

Die Europäische Union hat die Staaten des westlichen Europas, quasi seit Anbeginn der Zeit zerstritten, seit nun fast 65 Jahren befriedet. Frankreich und Deutschland wurden noch im 19. Jahrhundert zu Erzfeinden stilisiert. Eine Wirtschafts- und Werteunion galt als ausgeschlossen. Vermutlich wurden Journalisten mit der Idee einer Union von Deutschland und Frankreich noch bis 1945 Narren geheißen. Unvorstellbar. Realitätsfern. Ohne jede Vernunft. Nun bilden die beiden Länder das Herz Europas. Ein Krieg gilt heute schon der wirtschaftlichen Verflechtung wegen als unmöglich. Man könnte es als das Wunder der europäischen Geschichte bezeichnen. Mehr als Magie spielte jedoch der politische Wille eine Rolle.

Hier möchte ich eine Analogie aufzeigen. Wieso ist es eigentlich ausgeschlossen, dass Russland und die heutigen EU-Staaten nicht den gleichen Weg gehen? Die Parallelen sind bezeichnend. Allein der politische Wille fehlt. Es wäre die Aufgabe der Sozialdemokraten und Christdemokraten in Europa, die Aufgabe der Merkels und Hollandes diese Idee in die politische Diskussion einzuführen. Wie einst ein Adenauer und ein Schumann dies mutig im Falle Deutschlands und Frankreichs zu tun wussten.

Warum ein Russland in der EU nicht ausgeschlossen ist

Natürlich wird es mit Wladimir Putin keinen Russlandbeitritt zur Union geben. Aber allein das Angebot auf ein Mehr an Frieden, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wohlstand durch einen EU-Beitritt dürfte die Putin-Liebe bei so manchem Russen auf den Prüfstand stellen. Tatsächlich ist die Aussicht auf eine wirtschaftlich bessere Situation für die meisten Wähler wahlentscheidend. Und was wäre es da für ein Signal, wenn ein Präsident Juncker wiederholt den Beitritt Russlands zur EU begrüßen würde, zumal die EU in vielen russischen Mainstreammedien als anti-russische Institution dargestellt wird? Dass ein Sinneswandel in der Bevölkerung durch die Aussicht auf einen EU-Beitritt auch politische Auswirkungen hat, muss heute nicht mehr bewiesen werden. Der Fall Kiew ist uns allen eindrucksvoll in Erinnerung. Ich appelliere dafür, dass die EU-Führung wieder und wieder den Wunsch äußert, Russland einmal als Teil der EU zu sehen. Bisher hat das noch niemand getan.

Die von Putinisten wahrgenommene und über die Massenmedien verbreitete militärisch-imperialistische Gefahr, die die EU auf Russland darstellt wäre im Falle von Beitrittsverhandlungen oder gar eines Beitritts vollkommen hinfällig. Putins Hauptargument für militärische Interventionen in Nachbarländern bräche in sich zusammen.

Ich will nicht, dass Russland augenblicklich der EU beitritt. Wie jedes Land müsste es die Kopenhagener Kriterien erfüllen. Pressefreiheit, Demokratie, Rechtstaatlichkeit. Das russische Volk müsste mittels Volksentscheid hinter den zu treffenden Entscheidungen stehen. Dass dies alles noch nicht gegeben ist, liegt auf der Hand. Aber Staaten wie Spanien, Ukraine oder auch Deutschland sowie Österreich haben eindrucksvoll bewiesen, dass die Aussicht auf einen Platz im europäischen Haus politische Radikalveränderungen bewirken.

Wirtschaftlich würden beide Seiten enorm profitieren. Nie wieder Sorge um Gas, nie wieder Sorge um Sanktionen auf beiden Seiten. Schon 2008 gingen 52 Prozent der russischen Exporte in die EU. Vielleicht bewegt die Aussicht auf Prosperität auch die russische Elite zu einem Sinneswandel.

Die Diskussion um eine russische Dominanz in einer EU mit Russland halte ich für enorm übertrieben. Auf einen Russen kämen politisch immerhin noch 5 „Europäer“. Wer bei diesem Zahlenverhältnis behauptet, es gebe in diesem Fall eine russische Dominanz, muss heute schon von einer deutsch-italienischen Dominanz der EU sprechen. Offensichtlich eine Lächerlichkeit.

Auch die Grundsatzfrage, wo Europa endet, sollte hier nicht gestellt werden. Wenn sich die Russen irgendwann per Volksentscheid für den Beitritt und damit für die europäischen Werte aussprechen, sollte diesem seit Jahrhunderten in Europa verwurzelten Volk nicht die europäische Seele absprechen.

Politische Visionen für Frieden in Europa

„In Europa gibt es keinen Krieg mehr. Unsere Generation hat echtes Glück.“, wurde mir als Kind oft gesagt. Ich fand das toll. Heute will ich daran arbeiten, dass das auch wirklich so wird. Jenseits des Europas dieser Menschen, die diesen Satz sagten, gibt es heute noch Krieg und es besteht Kriegspotenzial. Es braucht neue Ideen dazu, dieses Potenzial ein für alle Mal zu tilgen. Politische Visionen. Dazu soll diese Abhandlung ein Anstoß sein.

Ohne Frage: Bis zu einem befriedeten Europa ist es noch ein extrem langer und schwieriger Weg. Doch irgendwann muss der erste Schritt auf diesem Weg beschritten werden. Putin lebt nicht ewig. Gute Ideen brauchen Vorlauf, zumal Ideen ohne Vorlauf in der Politik keine guten sind. Und auch unkonventionelle Ideen dürfen nicht aus Angst nicht ausgesprochen werden. Schließlich bedeutet die schlichte Frage nach Krieg oder Frieden letztlich Menschenleben. Und da sollte kein Gedanke gescheut werden, diesen zu verhindern. Daher rufe ich die politischen Eliten der EU dazu auf, wieder und wieder Russland den Beitritt zur EU anzubieten, um so die russische Sicht der Bevölkerung auf die EU Stück für Stück zu verändern.