Mit dem Türkei-Flüchtlingsdeal hat Angela Merkel Europa und vielleicht auch ihr eigenes politisches Schicksal in die Hände von Recep Tayyip Erdoğan gelegt. 2017 könnte sich das rächen, denn der zunehmend autoritäre Herrscher wird immer unberechenbarer und hat zusehends weniger zu verlieren.

Diese Woche reiste Angela Merkel nach Ankara. Dort hielt sie Gespräche mit dem türkischen Staatspräsidenten. In einer späteren Pressekonferenz äußerte sie sich zu der Lage innerhalb der Türkei, beschränkte sich dabei aber auf Allgemeinposten. Sie muss ihre Worte sorgfältig wählen, um den türkischen Präsidenten nicht zu verprellen, denn letzten Endes könnte die Beziehung zu ihm entscheidend für den Ausgang der Bundestagswahl 2017 sein.

Vom islamischen Demokraten zum Softdiktator

Es ist modern geworden Recep Tayyip Erdoğan als Autokraten, Despoten oder gar Diktator zu betiteln. Dies ist aber nicht wirklich korrekt, da er demokratisch gewählt wurde und bis heute Ansehen in weiten Teilen der türkischen Bevölkerung genießt. Sein Führungsstil nimmt hingegen offensichtlich zunehmend autokratischere Züge an. Seit seinem Wahlsieg von 2002 hält er die Zügel in der Hand. Er trat damals als progressiver islamischer Demokrat an, der die streng säkulare Türkei liberalisieren wollte. Anfangs profitierten die Wirtschaft, Minderheiten wie die Kurden, kopftuchtragende Akademikerinnen aber auch Säkulare von der Öffnungspolitik und Annäherung an die EU. Kritiker ahnten schon damals, dass die Beitrittsverhandlungen mit der EU nur ein Feigenblatt waren, mit dem Erdoğan sein wahres Wesen verbarg. Sie sollten recht behalten.

Berauscht durch die lang anhaltende Machtausübung schien Erdoğan die Bodenhaftung verloren zu haben. Der Unmut der Jugend, über die schleichende Islamisierung der Gesellschaft unter Erdoğan, führte 2013 zu den Gezipark Protesten, die gewaltsam unterdrückt wurden. Auch wurde seine Politik gegenüber den Kurden zunehmend repressiver. Weggefährten wie Abdullah Gül und Ahmet Davutoglu wurden bei ersten Anflügen von eigenständigen Meinungen umgehend ersetzt. Nach der Aufdeckung einer Verschwörung von kemalistischen Eliten und einen minimalistischen Putschversuch folgte eine Säuberung des Staatsapparats und des Militärs von Erdoğan-Feinden. Auch die oppositionelle Presse wurde weitgehend mundtot gemacht.

Ein schmutziger Deal

In jene Entwicklung und Gemengelage mischte sich der Krieg in Irak und Syrien und die daraus resultierende Flüchtlingskrise. Der Weg über die Ägäis von der Türkei nach Griechenland und über die Balkanhalbinsel war zu einer festen Route für Flüchtlinge geworden, um in der Bundesrepublik Zuflucht zu suchen. Angela Merkel hatte gegen Ende 2015 ein schwerwiegendes Problem, denn ihre humanitäre Flüchtlingspolitik rückte die CDU inhaltlich nach links. Konservative Teile der CDU-Wählerschaft sahen sich in der Politik nicht vertreten und die AfD konnte sich als Protestpartei rechts von der CDU etablieren. Angela Merkel hatte die Kontrolle verloren und musste einen Weg finden ihre Politik zu korrigieren, ohne einzugestehen, dass sie die Beherrschbarkeit der Situation falsch eingeschätzt hatte. Harte Kontrollen oder gar eine Schließung der österreichisch-deutschen Grenze hätten sowohl den Schengenraum und Binnenmarkt beschädigt, als auch viele negative Bilder produziert, die mit dem proeuropäischen und humanitären Image der Kanzlerin nicht konform gegangen wären. Die Flüchtlingsbewegungen mussten an einer anderen Stelle unterbunden werden, möglichst bereits im Ägäischen Meer. Der Türkei-Flüchtlingsdeal war geboren.

Zunächst wirkte der Deal wie ein Nullsummenspiel: Jeder Flüchtling, der auf ungültigem Wege die Europäische Union betreten hat, sollte zurück in die Türkei abgeschoben werden, während im Gegenzug einer legal einreisen durfte, um innerhalb der Union verteilt zu werden. Doch schnell wurde klar, dasss die eigentliche Wirkung des Deals eine psychologische war. Warum sollten Flüchtlinge Geld für überteuerte Schlauchboote ausgeben, wenn sie danach sowieso wieder in die Türkei gebracht werden und warum sollten sie es nicht auf legalem Wege versuchen, im Austausch nach Europa zu kommen. Erdoğan wurde klar, dass es kein guter Deal für die Türkei war. Selbst mit den Hilfsmilliarden, die das Land für die Versorgung der über 2 Millionen Flüchtlinge bekam, führte er ein brutales Grenzregime an der türkischen Südgrenze ein. Angela Merkel hatte dahin gehend triumphiert, die hässliche Arbeit an den türkischen Türsteher auszusourcen.

Der perferkte Sturm

2017 könnte sich aber all das rächen, denn Angela Merkel und die Europäische Union haben sich in eine gefährliche Abhängigkeit gegenüber Erdoğan begeben. Obendrein steht der autoritär auftretende Machthaber unter enormem Druck. Die gute Konjunktur, die ihn einst so populär machte, schwächelt. Die Ratingagentur Fitch hat die Kreditwürdigkeit der Türkei erst kürzlich auf Ramschniveau herab gestuft. Der Tourismus leidet aufgrund des Daesh- und PKK-Terrors. In der Türkei herrscht zudem zurzeit Wahlkampf, denn Erdoğan wirbt um die Stimmen der Bürger, die ihm im April in einem Referendum grünes Licht geben sollen, ein Präsidialsystem in der Türkei einzuführen. Auch die Konflikte mit seinen europäischen Partnern häufen sich. Eine Gruppe Soldaten, die letztes Jahr nach dem gescheiterten Putsch nach Griechenland flüchteten, beantragten dort Asyl, was nun von einem hohen Gericht bewilligt wurde. Erdoğan liegt mit Jean Claude Juncker über Kreuz, weil dieser der Türkei nicht ohne Weiteres Visafreiheit gewähren will. Auch in der Bundesrepublik haben knapp 40 türkische Militärs um Asyl ersucht. Sowohl gegenüber Griechenland als auch gegenüber der Bundesregierung als auch gegenüber der Europäischen Kommission äußerte die türkische Regierung die Drohung den Flüchtlingsdeal platzen zu lassen. Sollte dies tatsächlich geschehen, könnten die Auswirkungen immens sein.

Sollten sich im Frühjahr die Zahlen der irregulären Ägäisüberquerungen mehren, könnte dies zu einer humanitären Krise in Griechenland und einer neuerlichen Flüchtlingskrise anwachsen. Auswirkungen auf den Wahlkampf zur Bundestagswahl wären nicht ausgeschlossen. Mit Sicherheit würde die AfD allein von der Perspektive auf eine neue Flüchtlingsbewegung profitieren und der CDU könnte es passieren, dass sie auf ihrer rechten und linken Seite aufgerieben wird. In einem polarisierten Wahlkampf könnte Merkel das Schicksal der SPÖ- und ÖVP-Kandidaten bei der österreichischen Präsidentenwahl ereilen, da sich Martin Schulz als berufener Europäer und Humanist als Bollwerk gegen die AfD stilisieren würde. Auf diese Weise könnte ihr Türkei-Deal zum Verhängnis für Angela Merkel werden.