Postkarte aus Estland

, von  Madelaine Pitt, übersetzt von Hannah Faiß

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Postkarte aus Estland

Als ich um 21:58 Uhr hastig in meinen Flipflops durch den Supermarkt watete, von den Angestellten „Beeil dich“-Blicke erntete, der halbe Regenerguss des baltischen Himmels von meiner Regenjacke tropfte, dachte ich: Das ist ein unvermeidbarer Teil des Reisens, der es leider niemals auf Instagram schafft. Ehrlicherweise muss man sagen, dass der späte und hektische Versuch einzukaufen, das Resultat eines angenehm endlosen Gesprächs im Hostel war und jede*r, der*die mit der Hoffnung auf Sonnenbaden nach Estland kommt, wohl besser erst den Wetterbericht checken und woandershin hätte buchen sollen. Die 15°C dieses späten August-Tages, schwül und voller Mosquitos, waren definitiv zu erwarten.

Aber dieses Land hat so viel mehr zu bieten. Das kleinste der baltischen Länder mit lediglich 1.3 Million Einwohner*innen, ist vor allem unglaublich friedlich. Karaoke kann man den Nationalsport in Tallinns Nachtbars nennen, aber abgesehen vom schiefen Geträller heiterer Tourist*innen, das mit fortschreitender Nacht immer enthusiastischer wird, bietet das Zentrum der Hauptstadt ein einzigartig gemütliches, verschlafenes Kleinstadtgefühl. Strahlend bunte Fassaden finden sich im dichtgedrängten Labyrinth der Altstadt, wo das Gewirr der kopfsteingepflasterten Straßen zuerst verblüffend und dann unfassbar charmant erscheint. Sie führen zum zentralen Platz, wo Märkte, überteuerte Restaurants und das spektakuläre Rathaus angesiedelt sind. Ein bisschen touristisch mag es sein, aber die kleine Hauptstadt ist ein wahres Vergnügen, eine erfrischende Abwechslung von überwältigenden Metropolen wie London und Paris im Westen, aber dennoch voll von Dingen zu sehen und tun. Estlands kleinere Städte, große Wälder und Nationalparks bieten ebenso kulturelle und spaßige Aktivitäten.

Ein Open-Air-Konzert mit traditioneller Musik, das eine Menge mutiger Regenschirme anzog, feierte Estlands hundertjährige Unabhängigkeit am Tag meiner Ankunft. Die Menschen warfen ein, dass dies die falsche Bezeichnung wäre, denn auch wenn Estland 1918 seine Unabhängigkeit erklärte, verlor es sie wieder für ganze 51 Jahre. Vor der Unabhängigkeitserklärung 1918 war Estland von verschiedenen machtvollen Reichen regiert worden, u.a. Dänemark, Polen-Litauen, Schweden, Deutschland und Russland. Nach dem zweiten Weltkrieg war es hinter den Eisernen Vorhang gefegt worden. Die meiste Zeit der darauffolgenden vier Jahrzehnte war bestimmt von erzwungener Unterwürfigkeit gegenüber Moskau. „Die singende Revolution“, während derer verschiedene Proteste inklusive des Baltischen Wegs von 1989 stattfanden und patriotische Lieder auf vielen Musikfesten gesungen wurden, halfen Estland 1991 die sowjetischen Fesseln abzuwerfen, zugunsten einer starken und wiederbelebten nationalen Kultur.

Es scheint unglaublich, dass das nur 27 Jahre her ist. Seitdem hat sich der „Baltische Tiger“, durch die boomende IT-Industrie vorangetrieben, in eine moderne, hoch technologisierte Gesellschaft entwickelt. Beispielsweise sind Tickets für den öffentlichen Personennahverkehr am günstigsten, wenn sie per Smartphone gekauft werden und die ersten elektronischen Wahlen wurden bereits 2005 abgehalten. Estlands Wille, sich in eine demokratische parlamentarische Demokratie zu entwickeln und am Handel teilzuhaben, ließ die EU-Mitgliedschaft selbstverständlich werden, die im Jahr 2004 realisiert wurde. Trotz alledem: nicht alles läuft wie geschmiert. Das Unbehagen aufgrund seiner östlichen Grenzen mit Russland, erklärt sein glühendes Engagement in der NATO. Die Spannungen sind immer noch spürbar, sowohl in Estland (25% der Bevölkerung ist russischer Abstammung und spricht Russisch, was für sprachliche und soziale Barrieren sorgt) als auch außerhalb (2014 wurde ein estländischer Sicherheitsdienstoffizier von russischen Offiziellen verhaftet – verdächtig kurz nachdem Barack Obama öffentlich seine Verbundenheit mit den baltischen Staaten bekräftigt hatte).

Kulturell, sprachlich und auch was die Infrastruktur betrifft, fühlte sich Estland für mich näher an Skandinavien - kurzer Weg über das (ziemlich kalte) Meer nach Norden - an, als zu seinen im Süden angrenzenden baltischen Nachbarn. Kulturell, weil das reservierte, höfliche und introvertierte Verhalten der Menschen, das ich häufig wahrnahm, mich an die Menschen der nordischen Länder erinnerte (sie sagen, dass ein*e introvertierte*r Estländer*in auf die eigenen Füße starrt, während ein*e extrovertierte*r Este*in auf die Füße des*der Gesprächspartner*in starrt). Sprachlich, weil Estnisch zum finnischen Zweig der uralischen Sprachen gehört, sodass Estländisch für mein untrainiertes Ohr nicht von Finnisch zu unterscheiden ist (ich habe auch gelernt, dass die beiden Sprachen bis zu einem gewissen Grad gegenseitig verständlich sind – obwohl „Ich liebe dich“ in der einen Sprache leider ähnlich wie „Ich spucke auf dich“ klingt – besser vermeiden). Auf der anderen Seite hat Estländisch wenig mit Lettisch oder Litauisch gemeinsam, welche zu den baltisch-slavischen Sprachen gehören wie auch, noch entfernter, Russisch und Ukrainisch. Am Ende des Tages hatte ich doch keine Kenntnisse der estnischen Sprache, zu welcher Sprachfamilie sie auch gehören mag, und war dankbar für ein insgesamt herausragendes Level an Englisch der Est*innen. Und was die Infrastruktur betrifft: der einzige beunruhigende Teil meiner Reise mit dem Zug war ein Schaffner, der mir nicht „Gute Fahrt“, sondern „Viel Glück“ wünschte. Ich entschied mich aber, dies nicht der Sicherheit den super modernen, komfortablen und mit W-Lan ausgestatten Zügen zuzuschreiben, sondern mehr einem Übersetzungsfehler.

Was noch? Es ist illegal, ohne ein reflektierendes Dreieck in der Dunkelheit herumzulaufen; traditionelle Häuser sind aus Holz gemacht; und du kannst ein Eis mit Hörnchen und allem drum und dran für nur einen Euro bekommen. Estland hat unglaublich viel anzubieten.

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