Künstliche Intelligenz in der europäischen Wirtschaft

„Noch ist noch nichts verloren“

, von  Anja Meunier

„Noch ist noch nichts verloren“

Ein wichtiges Thema, zu dem sich die neuen EU-Parlamentarier*innen nach der Europawahl im Mai positionieren müssen, ist Künstliche Intelligenz (KI). Deshalb beleuchten wir in einem Themenschwerpunkt die Chancen und Herausforderungen, die diese Technologie mit sich bringt. Im Gespräch mit Jessica Schmeiss, die am HIIG in Berlin promoviert, richten wir den Blick auf die Wirtschaft.

treffpunkteuropa.de: Das Stichwort Künstliche Intelligenz, kurz KI oder AI, taucht ja zur Zeit überall auf. Wie würden Sie diesen Begriff denn erklären, für Leute die damit nicht viel zu tun haben?

Jessica Schmeiss: Das ist natürlich gleich die größte Frage, denn es gibt eigentlich keine vollständige Definition von KI. Wenn man 100 Leute fragt, bekommt man 200 Definitionen. Was aber wichtig ist zu verstehen, ist, dass Artificial Intelligence im Grunde ein Sammelbegriff für sehr viele einzelne Technologien ist. Das können zum Beispiel Dinge sein wie Spracherkennung, Bilderkennung oder Robotics, die alle unter diesen Begriff subsumiert werden.

Meine Erfahrung ist, dass gerade in Deutschland häufig missverstanden wird, dass es im Grunde um Algorithmen geht, also mathematische Methoden, um Daten auf eine gewisse Art und Weise zu verarbeiten, um daraus eine gewisse Vorhersage oder eine Entscheidung treffen zu können, die per se noch nicht intelligent ist. Angewandte Statistik sozusagen.

Haben Sie ein Beispiel?

Ein Beispiel wäre ein Machine Learning Algorithmus, der Autos auf verschiedenen Fotos identifizieren kann. Was dieser zum Beispiel nicht beschreiben kann, und was dann eine intelligente Komponente wäre, ist das Fahrgefühl.


Jessica Schmeiss ist seit 2016 Doktorandin am HIIG. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich human-centered business model design, hierbei integriert sie Perspektiven aus dem Strategischen und Innovationsmanagement mit Design Research um zu verstehen, wie Tech-Start-ups neue Geschäftsmodelle designen.

Viele empfinden es so, dass KI einfach vom Himmel fällt und dann ist sie da. Ich glaube es ist ganz ganz wichtig, zu schauen, was steckt denn da wirklich für Technologie dahinter und wer entwickelt diese Technologien, mit welchen Funktionen, mit welcher Motivation, was ist das Geschäftsmodell dahinter und wie funktioniert das? Das kann auch diese Skepsis, die bei KI gerade in Deutschland häufig noch vorherrscht, ein bisschen auflösen und zeigen, das dies eine Technologie ist, die von Menschen gemacht wird und die auch sehr viel Gutes bewirken kann in der Wirtschaft.

Sie beschäftigen sich ja in Ihrer Forschung mit der Frage, wie KI in Deutschland zur Wertschöpfung beitragen kann. Was genau heißt das?

KI ist eine Technologie, die in allen Branchen Anwendung finden kann. Dabei geht es einerseits darum, bestehende Prozesse zu optimieren oder zu automatisieren. Andererseits können auch völlig neue Produkte oder Dienstleistungen entstehen. Ich schaue mir an, was es in der deutschen Wirtschaft für Möglichkeiten gibt, diese Technologien anzuwenden, um ein zusätzliches Wirtschaftswachstum zu erreichen. Das führt idealerweise dann dazu, dass der Standort Deutschland dann mit den USA oder China mithalten kann, die gerade beim Thema KI schon ein Stück weiter sind als wir.

Und was haben Sie dazu bisher herausgefunden? Können Sie schon irgendwelche Trends beobachten?

Ein Trend, den wir in Deutschland sehen, ist, dass sich die Anzahl der Start-ups in diesem Bereich quasi verhundertfacht hat. Viele neue Unternehmen fangen gerade an, neue KI-Technologien zu entwickeln. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen wird durch verschiedene Programmiersprachen und zugehörige Bibliotheken die Expertise sehr viel zugänglicher. Heute haben viel mehr Leute die Kompetenz, solche Anwendungen zu programmieren. Zum anderen werden Daten immer einfacher verfügbar, und die notwendige Rechenleistung ist mittlerweile zu einem niedrigen Preis verfügbar, so dass es überhaupt möglich wird solche Anwendungen zu entwickeln.

Wir sehen weiterhin aber auch den Trend, dass sich gerade in Deutschland viele Start-ups noch damit beschäftigen, wie man bestehende Prozesse optimieren kann. Bisher werden noch relativ wenige wirklich neue Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen, die auf KI-Technologie basieren, entwickelt. Das ist auch nicht verwunderlich, denn um solche Produkte und Dienstleistungen erfolgreich zu entwickeln, braucht man eine gute Datengrundlage. Deswegen ist auch gerade die Herausforderung, zusätzliche Daten zu identifizieren und zu erheben.

Und wie sehen Sie Deutschland, beziehungsweise Europa, im internationalen Vergleich im Bereich KI?

Sagen wir mal so, noch ist nichts verloren. Wir sehen aber, dass Deutschland im internationalen Vergleich eher im Mittelmaß mitspielt, zum einen was die Anzahl der Start-ups betrifft, insbesondere aber auch was die Investitionen, die in diesem Bereich getätigt werden, angeht. Da sind Länder wie die USA und China mit Abstand voraus. Dort haben sie auch einfachere Strukturen und Förderinstrumente, um Start-ups und andere Unternehmen dabei zu unterstützen, KI-basierte Produkte zu entwickeln. In Deutschland ist es aktuell noch schwierig, die Unterstützung für Neugründungen zu finden, die nötig wäre um erfolgreich zu sein. Weiter sehen wir in Deutschland, dass die Wirtschaftskraft sehr auf verschiedene Städte und Bundesländer verteilt ist. Das macht es für Unternehmen schwierig, die anfangen innovative Technologien zu entwickeln, denn Kapital und Kompetenz sind oft nicht am gleichen Ort wie die Kunden der Industrie.

Was für politische Maßnahmen, könnten Sie sich vorstellen, damit Deutschland im internationalen Vergleich noch aufholen kann?

Es werden da natürlich schon Schritte unternommen. Die KI-Strategie der Bundesregierung ist da ein erster Schritt in die richtige Richtung. Diese ist allerdings leider noch sehr unspezifisch. Länder wie USA, China und Israel haben viel schnellere und viel effektivere Fördermaßnahmen, um Start-ups zu unterstützen. In Deutschland ist nach wie vor ein Problem, dass hauptsächlich Forschungszentren gefördert werden, die ja auch zu den international besten gehören. Es hapert dann aber daran, die Ergebnisse zu monetarisieren und in nachhaltige Geschäftsmodelle umsetzen.

Sehen Sie bei der Innovationsförderung auch die Europäische Union in der Pflicht?

Definitiv. Es gibt ja bereits verschiedenste Förderprogramme, allerdings häufig nur auf wissenschaftlicher Seite. Allerdings ist auf europäischer Ebene das Antragswesen und das Reporting noch viel komplizierter als in Deutschland. Da sehe ich Europa auch wirklich in der Verantwortung, die Fördermaßnahmen einfacher zu gestalten und dieses sehr rigide System ein bisschen zu reformieren und vielleicht ein bisschen flexibler und schneller zu machen, um auf diesen Trend reagieren zu können.

Sie haben ja eben schon erwähnt, dass China und die USA im Bereich KI schon sehr stark entwickelt sind. Denken Sie Europa sollte sich da zum Beispiel an den USA orientieren und sie als Vorbild nehmen, oder denken Sie Europa sollte sich eine eigene Nische suchen?

Ich denke auf jeden Fall, dass Europa eine eigene Nische hat und auch immer haben wird. Wir sind ein sehr diverser Standort in Europa, mit vielen verschiedenen Ländern, Sprachen und vielen verschiedenen Wirtschaftszweigen. Wir setzen hier ein großes Augenmerk auf das Thema Datenschutz, und da sehe ich schon Potenzial, im Bereich von Cyber Security und Data Security Fortschritte zu machen, die auch international zum Tragen kommen können.

Denken Sie, dass so ein Fokus auf Ethical AI und Datenschutz auch von der Politik forciert werden müsste, also zum Beispiel durch ethische oder technische Mindeststandards für personenbezogene maschinelle Entscheidungen? Oder denken Sie diese Entwicklung kommt eher aus der Industrie selbst?

Es wäre natürlich eine Möglichkeit, die Entwicklung auf diese Art politisch mitzugestalten. Allerdings besteht dann das Risiko, auch die Innovationskraft etwas zu hemmen. Je strukturierter und genauer die Vorgaben, desto weniger Raum ist häufig für sehr kreative Innovationen. Da liegt es eben auch an der europäischen Politik, herauszufinden, wie man da einen Mittelweg finden kann.

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