Dass die Universität ein hochpolitischer Raum ist, werden viele Studenten unterschreiben können. Es ist positiv, dass sich an den Universitäten in Europa zahlreiche junge Akademiker und aufstrebende Freidenker zusammenfinden und diskutieren. Doch dass ein Teil der Studenten bei ihrer Verurteilung jeglicher konservativer Positionen und bewährter Lehrinhalte über die Stränge schlägt, ist ein Hindernis für eine offene Gesellschaft und schließlich auch die Wissenschaftsfreiheit.

Die Akte Münkler und Baberowski

Es ist noch nicht lange her, da begannen die Angriffe auf die Professoren der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler geriet in den schrecklichen Verdacht, rassistisches, chauvinistisches und eurozentristisches Gedankengut mit sich herumzutragen. Vor ihm hatte es schon den Geschichtsprofessor Jörg Baberowski getroffen. Dieser sei einigen Trotzkisten als Hitler-Relativierer ein Dorn im Auge gewesen, denn er hätte Stalins Schreckensherrschaft indirekt mit derjenigen der Nationalsozialisten vergleichen wollen. Dass dies alles an einer Universität geschah, lässt für den flüchtigen Beobachter den falschen Eindruck zu, die Humboldt-Universität wäre eine Nazi-Hochburg. Die Anklagen gegen die Professoren erschienen allerdings anonym im Internet. Meistens wurde dabei gezielt ein objektiver Tonfall gewählt. Es wurden Seiten wie beispielsweise der eigens gegründete Blog „Münklerwatch“ zur Veröffentlichung genutzt, um den Anschuldigungen einen seriösen Anstrich zu verleihen. Von anderen Fällen liest man auf der Seite des AStA, der an der Humboldt-Universität „Referent_innenrat“ heißt. Frei nach dem Motto „Da wo es raucht, gibt es auch Feuer“ wurden Zeitungen geködert, um sich eingehender mit den beiden Wissenschaftlern zu beschäftigen. In anderen Ländern hätte sich vielleicht sogar aufgrund eines Anfangsverdachts die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Nicht, weil dort wirklich Rassisten lehren würden. Selbst nach wochenlanger Recherche lässt sich kein Funken Wahrheit in den Vorwürfen ausfindig machen. Der Grund liegt viel mehr im Aufsehen, das die Behauptungen erregen konnten.

Im Namen des Rassismus

Besonders beliebt ist es in England, weiße Personen des Rassismus zu bezichtigen, um diese gesellschaftlich zu ruinieren. Dieses Vorgehen hat in Rechtskreisen in England den Namen „reverse racism“ bekommen. Zahlreiche Fälle gab es in Großbritannien bereits – ob universitär oder außeruniversitär. Einige davon sind einfach grotesk, wie der Fall eines siebenjährigen Jungen, der einen Mitschüler gefragt hatte, ob er braun sei, weil er aus Afrika käme. Auf den ersten Blick könnte man hier tatsächlich Rassismus erkennen, wenn man denn nur wollte. Das wäre sicherlich auch der Fall, würde es sich nicht um einen Siebenjährigen handeln. Doch erstens fehlt es offensichtlich an der Schuldhaftigkeit des Jungen und zweitens womöglich sogar schon am Vorsatz. Schließlich muss man die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es den Jungen allein um ein Interesse an der Herkunft des Mitschülers ging und er keinerlei böse Absichten hegte.

Wenn du anders denkst, bist du ein Feind

Zu Recht grassiert die Angst in der europäischen Hochschullandschaft. Pressereferenten wollen sich von Journalisten nicht zitieren lassen und Professoren haben Angst zu reden. Was dies für die Wissenschafts-, und Meinungsfreiheit bedeutet, kann sich jeder denken. Dabei sind es gerade diese Freiheitsrechte, die schlechthin konstituierend für unseren modernen Verfassungsstaat sind. Die Angst, selber in das Visier der Anschuldigungen zu geraten, zwingt zur Zurückhaltung. Mit den Worten des französischen Staatstheoretikers Charles de Tocqueville sei gesagt, dass anders als in Despotien in demokratischen Republiken die Freiheit der Gedanken nicht unmittelbar eingeschränkt werde, sondern durch die Ächtung in der Gesellschaft begrenzt werde. Es solle demnach jeder die Freiheit besitzen zu sagen, was er wolle, doch Andersdenkenden werde der soziale Umgang schlicht und ergreifend unmöglich gemacht. Das Vorgehen der Anschuldigenden im Fall Münkler und Baberwoski, ist somit nichts anderes als jenes von Tocqueville als despotisch bezeichnete Verhalten. Man traut sich nicht mehr die eigenen Ansichten zu vertreten – schon gar nicht im Hörsaal.

Darüber hinaus wird nur bei dem geringsten Verdacht - insbesondere von Linksaußen - die Meinungsbildung sofort verboten. Aus formaljuristischen Gründen musste kürzlich erst eine Podiumsdiskussion der AfD-Hochschulgruppe an der Georg-August-Universität in Göttingen bis auf weiteres untersagt werden. Sicherlich kann der Gruppe und den Mitgliedern einiges vorgeworfen werden und zweifelsohne ist die AfD rechtskonservativ und nationalliberal, aber das heißt noch lange nicht, dass sie außerhalb des demokratischen Spektrums liegt. Auf der Veranstaltung sollte es um eine Betrachtung der politischen Einflussnahme an Universitäten gehen. Doch nicht nur die AfD stand im Fokus des Mobs. Der Präsident der Humboldt-Universität begrüßte 2013 den damaligen Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) zu einem Vortrag im Audimax. Dieser ist aber anonymen Beobachtern zufolge ein „Kriegsverherrlicher“. Solche Personen sollten nicht eingeladen werden dürfen und deshalb wurde kurzer Hand so heftig dagegen protestiert, dass eine Durchführung der Veranstaltung unmöglich war.

Meinungen austauschen, anstatt polarisieren

Es ist vollkommen in Ordnung, eine andere Sicht auf Vorgänge an der Universität oder die Ausdrucksweisen von Professoren zu haben. Dies aber gleich als Rassismus zu labeln und eine Hetzjagd auf die betreffenden Personen zu veranstalten, zeugt von schlechtem Stil. Es obliegt nicht einzelnen Studenten, durch die Schaffung eines Klimas der Angst den Ton anzugeben. Vielmehr sollte ohne Verleumdung im Gespräch versucht werden, die Meinungen auszutauschen. Bis heute ist allerdings auch im Fall Münkler niemand einem Aufruf zur Diskussion gefolgt.