Mehr Enthusiasmus, bitte!

, von  Sophie Rebmann

Mehr Enthusiasmus, bitte!
Die Kolumne „Wir in Europa“ erscheint jeden Sonntag auf treffpunkteuropa.de. Autoren berichten im Wechsel über ihre persönlichen Erlebnisse mit der EU, was es bedeutet, Europäer zu sein und welche Ängste und Hoffnungen sie mit der Gemeinschaft verbinden. Foto: © European Commission / 2004

Wer enthusiastische Europäer sucht, findet sie in den vergangenen Tagen in der Ukraine. Wo sonst versammeln sich hunderttausende Menschen trotz eisiger Kälte, um tagelang für einen Europakurs ihres Landes zu demonstrieren? Dennoch begegneten deutsche Medien dem Ereignis zu Beginn mit großer Skepsis: Es wurde von rechtsradikalen Randalierern und Polizeigewalt berichtet.

Die Medien in Polen, dem Nachbarland der Ukraine, thematisieren stattdessen den Zusammenhalt unter den Demonstranten: Während die einen Straßensperren errichten, sorgen andere für warme Mahlzeiten, die an die Demonstranten verteilt werden. „Die Kälte wäre ja nicht auszuhalten, wenn es morgens keine warme Suppe gäbe“, erzählte eine runde, alte Frau ins Mikrofon, die seit zwei Wochen täglich kocht. Jemand muss die große Bühne organisiert haben, auf der nun verschieden Sänger Konzerte spielen. In welchem anderen Land haben sich die Bürger so entschieden für Europa ausgesprochen – und so sehr dafür engagiert?

„Das ist naiv, Sophie"

Warum können wir uns nicht alle ein wenig mitreißen lassen, von der Spontanität, der Gemeinschaft und dem Enthusiasmus, der auf dem Maidan herrscht? Später wird noch genug Zeit bleiben, die Lage kritisch und rational zu analysieren. „Das ist naiv, Sophie“, sagten mir Freunde in Deutschland.

Es gibt sicher Gründe für den Skeptizismus: Überwiegen bei der Entscheidung der Bevölkerung für Europa ausschließlich wirtschaftliche Interessen? Auf dem Platz haben sich neben liberalen Kräften auch rechtsradikale und konservative Parteien getroffen. Aber auch das sind Stimmen der Bevölkerung, die gehört werden sollen!

Sicherlich haben sich unter die friedlichen und liberalen Pro-Europäer auch gewaltbereite, rechtsradikale Menschen gemischt. Aber warum wurde der Fokus der Berichterstattung auf diese wenigen Personen gelegt, wenn sich auf dem Platz mehrere Hunderttausende versammelten? Der Versuch Klitschkos, die Demonstranten zur Ruhe zu bringen verfolgten nur die polnischen Medien. Es gelang im Laufe der kommenden Tage, friedlich und gewaltfrei zu demonstrieren und selbst die Besetzung von Regierungsgebäuden verlief ohne Randale.

Die Ukrainer demonstrieren europäische Werte

Dennoch kann es nicht falsch sein, sich über die Menschen zu freuen, die in der Kälte für ihre Idee einstehen, Freiheit fordern und sich der Gewalt widersetzen, statt sich ihr zu beugen. Wer friedlich demonstriert und sich in einer Gemeinschaft aus unterschiedlichen (politischen) Ideologien organisiert, praktiziert die europäischen Werte bereits. Die Ukrainer demonstrieren daher nicht nur für die EU, sie demonstrieren, wie europäische Werte aussehen können.

Diesen Zusammenhalt bemerke ich auch in Polen: Regierungsvertreter und Bürger bekunden die Solidarität mit der Ukraine. Das hängt wahrscheinlich an der räumlichen Nähe zum Land und der ähnlichen Vergangenheit. Diesen Rückhalt würde ich der ukrainischen Bevölkerung europaweit wünschen. Auch ich habe mich am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, mit ein paar Freunden einer Studentengruppe angeschlossen, die vor der ukrainischen Botschaft in Krakau Lampions als Mahnung und Solidaritätsbekundung aufstellten.

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