Liebesbrief an Pulse of Europe

Kolumne: Brief an Europa

, von  Michael Vogtmann

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Liebesbrief an Pulse of Europe
Demo von Pulse of Europe vom 12.02.2017 in Karlsruhe auf dem Platz der Grundrechte © duodecim stellae

Wir befinden uns im Jahre 2017 nach Christus. Ganz Europa ist von Populisten besetzt... Ganz Europa? Nein! Eine Gruppe von unbeugsamen Europäern leistet Widerstand. Schönwettereuropäer der schweigenden Mehrheit, jetzt reicht’s! Hoch mit euren Hintern! Die Zeit der Gemütlichkeit und apathischen Lähmung ist vorbei! Pulse of Europe braucht jeden einzelnen!

Lieber Daniel und liebe Sabine Röder, liebe Aktivisten von Pulse of Europe,

Ihr habt es geschafft innerhalb von 4 Monaten eine neue Bewegung ins Leben zu rufen, an der sich mehrere Tausend Europäer regelmäßig lose bis sehr aktiv beteiligen. Manche werden nun sagen: „Oh Mann. Nicht schon wieder eine neue europäische Bewegung.“ Und es stimmt, mit der Gründung einer Initiative zur Rettung Europas liegt man zur Zeit voll im Trend. Neben den Urgesteinen der Europa-Union und JEF gibt es mittlerweile: DIEM25, Restart Europe Now, Europa neu begründen, Who if not us, European Way, Stand up for Europe, Pan-European Movement, Praxis Europa, Parti Fédéraliste Européen, L’Europe des Citoyens, Nova EUropa.

Gelegentlich hat man das Gefühl jemand spielt divide ed impera mit engagierten Europäern. Pulse of Europe, ihr seid anders! Ohne das Engagement der erwähnten Gruppen oder Personen abwerten zu wollen: Sie wurden sowohl von den Medien als auch von der Mehrheitsgesellschaft kaum bis überhaupt nicht wahrgenommen. Ihr seid aber kein weiteres Sandkorn im Meer der marginalisierten Initiativen oder besser gesagt ihr dürft es nicht sein. Das, was ihr bis jetzt erreicht habt, ist beeindruckend und es darf nicht geschehen, dass dieser Schwung und dieses Momentum jetzt wieder nachlassen. Diverse Medien haben über eure Protestaktionen berichtet. Die FAZ z.B. fragt sich: „Was sind das für Leute?“

Begonnen hat alles mit einem Pärchen, das Emails an ein Paar Freunde verschickte. Wenige Wochen später versammeln sich über tausend Leute in Frankfurt, danach in Freiburg. Es ist ein fantastisches befreiendes Gefühl in aller Öffentlichkeit zusammen mit Gleichgesinnten jeden Alters, Geschlechts, jeder Herkunft, die Liebe zu meinem, zu unserem Europa zum Ausdruck zu bringen. Ganz normale, teils unpolitische Leute, mit wenig Protesterfahrung, versammeln sich in Vielfalt geeint. Vielen Dank, dass ich dieses Gefühl in Karlsruhe erleben durfte. Mittlerweile gibt es Gruppen von euch in Amsterdam, Berlin, Celle, Essen, Halle, Hamburg, Heidelberg, Kassel, Köln, München, Passau und Wiesbaden. Oben genannten Initiativen und NGOs macht ihr aber genauso wenig Konkurrenz, wie Boris Becker der Fußballnationalmannschaft Konkurrenz machte. Ihr spielt einen anderen Sport. Da wo andere Pläne schmieden, Konferenzen planen, debattieren und Infokampagnen starten, da geht ihr einfach auf die Straßen, ohne ausgereiftes Programm und großen Plan. Ihr demonstriert jeden Sonntag 14 Uhr, bewaffnet mit den Symbolen der Vernunft, der Europaflagge, der Ode an die Freude und einem offenen Mikro. Dabei liegt eure Stärke gerade in eurer Sichtbarkeit und Aktivität. Damit eignet ihr euch sogar als potenzielles Sammelbecken für alle anderen Bewegungen und für Menschen, die bisher nicht aktiv waren, weil sie niemand wach gerüttelt oder abgeholt hat.

Deshalb geht dieser Brief nicht nur an euch, sondern auch an die Schönwettereuropäer da draußen, denen ich gerne wieder ins Gewissen rede. Es ist Zeit den Regenmantel aus dem Schrank zu holen. Hier sind sie, die aktiven, dynamischen sichtbaren Europäer mit Zivilcourage, als Gegenthese zu den lethargischen, inaktiven Vernünftigen auf der einen Seite und den motivierten, mobilisierenden Populisten auf der anderen. Sie brauchen unsere Hilfe und Unterstützung.

Aktivisten von Pulse of Europe, ihr gebt den Bürgern da draußen, denen Europa wichtig ist, ein Gesicht und setzt ein Zeichen, das von Medien und Politik nicht ignoriert werden kann. Die Dinge, für die ihr protestiert, sind eigentlich Selbstverständlichkeiten: Friede, Demokratie, Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, kritische Selbstreflexion der Politik, Vielfalt neben Gemeinsamkeit, Partizipation und Bürgernähe und einfach Europa. Selbstverständlichkeiten, die die Farages, Putins, Trumps, Orbáns, Szydłos, Erdoğans, Le Pens, Wilders und Petrys infrage stellen. Ihr stellt euch den Verführern in den Weg und zieht eine Grenze. Nicht mit uns. Bis hier her und nicht weiter. Die 40er-Nostalgie-Party ist vorbei! Europa hat wieder einen Puls! Europa lebt!

Ihr Kommentar

  • Am 19. Februar um 19:31, von  Klaus U. Schauerte Als Antwort Liebesbrief an Pulse of Europe

    im Moment nur : Bravo und weiter so

  • Am 19. Februar um 20:36, von  Heidi Sieverding Als Antwort Liebesbrief an Pulse of Europe

    Hallo! Sehr gerne möchte ich mich auch engagieren und zumindest Sonntags für Europa auf die Strasse gehen. Ich habe noch keine Berliner Gruppe gefunden. Stelle ich mich zu dumm an? Über einige Infos würde ich mich freuen! Beste Grüße

  • Am 19. Februar um 21:43, von  Tobias Gerhard Schminke Als Antwort Liebesbrief an Pulse of Europe

    Liebe Heidi,

    Pulse of Europe schreibt: „Jeden Sonntag um 14 Uhr sind wir in den Straßen Europas sichtbar! Der Treffpunkt in Berlin ist der Gendarmenmarkt.“

    http://pulseofeurope.eu/berlin/

    Beste Grüße,

    Tobias

  • Am 22. Februar um 14:04, von  Dr. Matthias Heister Als Antwort Liebesbrief an Pulse of Europe

    Wenn es heißt: „Aktivisten von Pulse of Europe, die Dinge, für die ihr protestiert, sind eigentlich Selbstverständlichkeiten: Friede, Demokratie, Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, kritische Selbstreflexion der Politik, Vielfalt neben Gemeinsamkeit, Partizipation und Bürgernähe und einfach Europa.“ ist das alles zwar richtig. Aber es fehlen die notwendigen konkreten Forderungen. Dazu ist empfehle ich, in dem 2015 erschienen Buch „Der Studentensturm auf die Grenzen 1950 - Für ein föderales Europa“" nachzulesen, wie 1950 die historisch begründete Proklamation

    WIR VERLANGEN DAS EUROPÄISCHE BÜRGERRECHT, EIN EUROPÄISCHES PARLAMENT UND EINE EUROPÄISCHE REGIERUNG. NUR EINE EUROPÄISCHE FÖDERATION KANN UNSEREM KONTINENT FREIHEIT, SICHERHEIT UND WOHLSTAND GARANTIEREN

    von den nationalen Regierungen (außer Deutschland) systematisch unterdrückt wurde, welche Probleme sich daraus heute ergeben und was mental und strukturell in Europa geschehen muss, um aus dem aktuellen Unbehagen zu den notwendigen Änderungsmaßnahmen zu kommen.

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