Kulturhauptstadt Europas 2019: Matera – Stadt der Höhlensiedlungen

, von  Lucie Hélène Pagnat, übersetzt von Ricarda Häusler

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Kulturhauptstadt Europas 2019: Matera – Stadt der Höhlensiedlungen
Fotoquelle: Luca Lancieri / Matera 2019 / mit freundlicher Genehmigung von Matera 2019

Wer dieses Jahr neue kulturelle Gefilde entdecken will, kann sich für das bulgarische Plovdiv oder das italienische Matera entscheiden. Vom 18. bis 20. Januar hat die Eröffnungszeremonie des Kulturhauptstadtjahrs in Matera stattgefunden. Zu diesem Anlass wollen wir uns die europäische Kulturhauptstadt doch mal genauer ansehen.

Matera: Stadt der Höhlensiedlungen

Matera ist die zweitgrößte Stadt der süditalienischen Region Basilikata. Als Stadt mit zahlreichen Höhlensiedlungen („Sassi di Matera“) gehört Matera seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Lange Zeit wurde die Stadt als „nationale Schande“ [1] verschmäht, besonders wegen der Evakuierung der „Sassi“ im Jahr 1952, die aufgrund der miserablen hygienischen Zustände verordnet worden war. Heute ist Matera Gegenstand einer strukturellen und kulturellen Erneuerung durch die Materaner*innen, welche die „Sassi di Matera“ erweitern und die ca. 130 Felsenkirchen der Stadt in Stand halten.

Durch Matera gräbt sich der Gebirgsbach Gravina. Matera ist eine Kalk-steinstadt mit Charme, die außerdem zu den ältesten bewohnten Städten der Welt zählt. Für ihr Programm als Europäische Kulturhauptstadt 2019 wählte sie das Motto „Open Future“.

Fotoquelle: Luca Lancieri / Matera 2019

„Die Poesie der Primzahlen“

Die gewagte Idee, Poesie und Mathematik miteinander zu verknüpfen, erscheint genauso verlockend wie die, einen Sonnenuntergang zu beobachten, während man die Aufbauanleitung eines Möbelstücks zu durchblicken versucht. Von Pythagoras bis hin zu Algorithmen ist man eingeladen, das Leben durch eine mathematische Gleichung wahrzunehmen, weiterzuentwickeln und zu verstehen. Mithilfe der Ausstellung „Die Poesie der Primzahlen“ taucht man ein in die Entdeckung von Ideen, Kunst und Beziehungen zur Welt. Um die kulturelle Debatte noch lebhafter zu gestalten, lädt die Stadt Matera herausragende Mathematiker*innen ein, darunter Sir Andrew Wiles [2] und Sir Michael Atiyah [3], die vom 21. Juni bis 31. Oktober 2019 Konferenzen, Workshops und regelrechte Mathematik-Events anbieten werden.

Eine Hauptstadt im Mondschein verfolgt die Klänge der Apollo 11

50 Jahre nach Neil Armstrongs „kleinem Schritt für den Menschen“, fin-det in Matera eine große Veranstaltung für die Menschheit statt. Jede Nacht wird vom Zentrum für Geodäsie (Erdvermessung) “Giuseppe Colombo” aus ein Laserstrahl projiziert, um die Erdrotation zu messen. Am 18. Juli kann man zum ersten Mal in Europa das Gefühl und Mysterium der Apollo-11-Mission nachempfinden: dank einer simultanen Projektion von Originalaufnahmen der NASA und Weltraumklängen, die live im Zentrum für Geodäsie 10 km östlich von Matera aufgezeichnet werden. Des Weiteren finden im Sommer Veranstaltungen für Ethno- und Folk-Musik statt. Diese Veranstaltungen sind für den 14. bis 16. Juli 2019 in Sasso di Castalda vorgesehen.

19 Schulen und 19 Archive

19 Schulen machen es sich in einem besonderen pädagogischen Projekt zur Aufgabe, aus historischen Archiven und Sammlungen Informationen über Schlüsselmomente unserer Geschichte, von den ersten Auswanderungen bis hin zu den Lebensbedingungen von Frauen, zu suchen und als Open Data zu veröffentlichen. Die Grundidee: sich erinnern, um besser zu verstehen. Die Archive sollen von den Schulklassen außerdem als Kulturgegenstand präsentiert werden. Das von der regionalen Bildungsbehörde und Wikimedia unterstützte Projekt hat das Ziel, „an die Vergangenheit zu erinnern und mögliche Perspektiven und Herausforderungen der Zukunft kennenzulernen“.

Fotoquelle: Luca Lancieri / Matera 2019

Quantum Danza und Onda

Eine weitere Verbindung von Kunst und Wissenschaft bietet das Projekt „Quantum Danza“, in dem Künstler*innen lernen, die Wissenschaft über Tanzschritte zu entdecken und zu interpretieren und dies auch für Teilnehmer*innen erfahrbar zu machen. Ziel dieses von April bis August stattfindenden Projektes ist eine Abschlussvorführung, die künstlerische Komposition und Interaktion mit dem Publikum vereint. Die Abschlussvorstellung soll am 17. und 18. August in Cava del Sole stattfinden.

„Onda“ (ital. Welle) ist ein interdisziplinäres, vielseitiges Projekt. Zunächst kommen hier Schall-, Erdbeben- und elektromagnetische Wellen zum Einsatz, außerdem Rotations-, Ober- und Gravitationswellen. Dazu greift „Onda“ auf Kunstinstallationen und Open-Source-Apps zurück, bei der Hochschullehrer*innen, Studierende, Musiker*innen, Astronom*innen und Kinder mitwirken. Die Kartographie und die Open-Source-Apps sind von Februar bis Juni 2019 verfügbar. Um die Wissenschaft und die mediterrane Kultur widerzuspiegeln, wird dieses außergewöhnliche, die dreiseitige Beziehung zwischen Klang, Musik und Gesang repräsentierende Projekt die Besucher*innen in Materas ganz eigene Klangwelt einführen.

Sternenhauptstadt Anzi

In Anzi, einer Kleinstadt in der Nähe von Potenza, befindet sich eine der wichtigsten Sternwarten Italiens. Hier bietet sich ein tiefdunkler Himmel, wie er heutzutage immer seltener zu finden ist. Im Rahmen dieses Projekts werden Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Dichter*innen über Astronomie sprechen und auf die Auswirkungen wissenschaftlicher Experimente auf unseren Alltag aufmerksam machen.

Japanischer Kultur-Import in Matera

Das „EU-Japan Fest“ ist ein Konsortium für die Verbindung der Europäischen Kulturhauptstädte mit der japanischen Kunst. Dies soll unter anderem durch die Wiederentdeckung der Zeit, der Langsamkeit und der Verbindung zur Natur erreicht werden. Auf diese Weise stellt das Projekt eine Interkontinentalreise dar, bei der von den „Sassi“ ausgehend Stationen der Differenzen und Gemeinsamkeiten aufgesucht werden. Künstler*innen der Region werden die Aussicht vom Vulkan Fuji entdecken, während ihre japanischen Kolleg*innen die Region Basilikata erkunden werden. Das Abenteuer wird dank einer jungen italienischen Künstlerin auch für viele andere sichtbar. Sie wird ihre Reise im Land der aufgehenden Sonne mit der Kamera begleiten („European Eyes on Japan“).

Fotoquelle: Luca Lancieri / Matera 2019

Hier kann man sich über das Programm der Europäischen Kulturhauptstadt 2019 informieren: Matera Basilicata 2019; Twitter: @Matera2019

Anmerkungen

[1Äußerung, die Alcide de Gasperi, Präsident des italienischen Minister-rats, 1950 gemacht haben soll.

[2Sir Andrew Wiles ist ein britischer Mathematiker, der durch seinen Beweis des Großen Fermatschen Satzes Berühmtheit erlangte. 2016 war er Preisträger des Abelpreises.

[3Sir Michael Atiyah ist ein britischer Mathematiker. Er wurde 1966 mit der Fields-Medaille und 2004 mit dem Abelpreis ausgezeichnet.

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