Niemand geringeres als der sozialdemokratische Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt bemerkte in seinen Memoiren „Begegnungen und Einsichten“, Katharina Focke habe „alle immer wieder durch ihren unverwüstlichen Glauben an Europa“ beschämt. Tatsächlich war Focke fast ihr gesamtes Leben hindurch eine überzeugte Verfechterin eines vereinigten europäischen Bundesstaates gewesen.

1922 wurde die spätere Europapolitikerin als Ältestes von vier Kindern unter dem Namen Elsbeth Charlotte Katharina Friedlaender in Bonn geboren. Ihre Eltern, Ernst und Franziska Friedlaender, zogen mit der kleinen Familie zunächst nach Berlin und 1929 nach Binghamton im Bundesstaat New York. Dort hatte Ernst Friedlaender eine leitende Position bei der Firma Agfa übernehmen können. Doch als 1931 die Zentrale der Agfa Friedlaender darum bat, nach Deutschland in die Zentrale zurückzukehren, lehnte er ab. Als Sohn eines zum evangelischen Glauben übergewechselten jüdischen Vaters befürchtete Friedlaender bereits früh Repressalien gegen seine Familie. Und da er als Geschäftsmann in den drei Jahren bei der Agfa einen beträchtlichen Wohlstand hatte erzielen können, reiste er mit seiner Familie – solange dies möglich war – quer durch Europa. Nach Stationen in Dänemark, Frankreich, Italien und der Schweiz ließ sich die Familie 1934 in Liechtenstein nieder, wo sie bis 1946 ausharrte und den Krieg überstand. In der Emigration hatte Ernst Friedlaender sich intensiv Gedanken über die Neuausrichtung Deutschlands nach dem Nationalsozialismus gemacht. Als die Familie 1946 nach Deutschland zurückkehrte, arbeitete er schon bald als stellvertretender Chefredakteur für die Wochenzeitung „Die Zeit“, wo er diesen Überlegungen in Leitartikeln Ausdruck verlieh. Sein Hauptanliegen war schon bald die Westbindung Deutschlands sowie die Einigung Europas, in der er einen Garanten für einen dauerhaften Frieden sah. Wenige Jahre später wurde er Präsident des größten deutschen Verbandes der europäischen Bewegung, der Europa-Union.

In diese europapolitischen Tätigkeiten ihres Vaters war Katharina Focke bereits früh involviert gewesen. Ende der 1940er-Jahre hatte sie mit ihm bei der „Zeit“ zusammengearbeitet und war häufig bei Veranstaltungen der Europa-Union zugegen gewesen. Nach einem Studium der Politikwissenschaften hatte sie eigentlich als Diplomatin arbeiten wollen. Um in die Diplomatenschule aufgenommen zu werden, verfasste sie eine europapolitische Dissertation mit dem Titel „Das Wesen des Übernationalen“, in der sie den über- und supranationalen Elementen in den Satzungen der damals noch jungen europäischen Gemeinschaften wie der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) nachging. Nach dem Abschluss der Promotion im Jahr 1954 heiratete sie den damaligen Geschäftsführer des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung, Ernst-Günter Focke, den sie im Rahmen eines Interviews für ihre Dissertation kennengelernt hatte. Zwar verfolgte Katharina Focke nun keine diplomatische Karriere mehr, aber sie war nun mehr denn je involviert in die Aktivitäten der europäischen Bewegung – wenn auch nicht in handelnder Position. Als 1961 Ernst-Günter Focke nach schwerer Krankheit im Alter von nur 47 Jahren verstarb, änderte sich dies. Katharina Focke zog es nun in die Europapolitik und sie übernahm die Position der Geschäftsführung des Bildungswerks Europäische Politik, einer Einrichtung an der Schnittstelle zwischen Bundespolitik und Vermittlung föderalistischer Inhalte für ein möglichst breites Publikum. 1964 trat Focke in erster Linie aufgrund von europapolitischen Überzeugungen in die SPD ein und konnte bereits 1966 ein Mandat für den Landtag von Nordrhein-Westfalen erzielen. Dort war sie eine von drei weiblichen Abgeordneten – die männlichen Mitglieder der Fraktion waren mit 96 Abgeordneten stark in der Überzahl. 1969 gelang es Focke dann ein Bundestagsmandat zu gewinnen. Durch einen unkonventionellen und modernen Wahlkampf in Köln konnte sie für die SPD für den größten Zuwachs in einem Wahlkreis gegenüber der Bundestagswahl 1965 sorgen. Willy Brandt, der Focke bereits durch ihre Tätigkeit im Bildungswerk kannte, ernannte sie daraufhin zu seiner parlamentarischen Staatssekretärin im Kanzleramt. In dieser Funktion war sie in erster Linie für die Koordinierung der Westeuropapolitik zuständig und bereitete unter anderem die deutsche Position für die Gipfelkonferenz der Staats- und Regierungschefs der EWG-Staaten in Den Haag im Jahr 1969 vor, auf der wegweisende Absichtserklärungen zur Erweiterung der Gemeinschaft sowie zur politischen Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten getroffen wurden. Als Teilnehmende an der Konferenz war sie – wie auf jeder anderen Tagung in den Jahren 1969-1972 – die einzige Frau auf der europapolitischen Bühne. Obwohl die Ergebnisse der Haager Konferenz weithin Beachtung fanden und die polyglotte Katharina Focke nicht zuletzt als wichtige Verhandlungspartnerin von Jean Monnet galt, nahm sie 1972 nach personellen Veränderungen im Kabinett Brandt das Amt der Bundesministerin für Familie, Jugend und Gesundheit (BMFJG) an. Von 1976 bis 1979 war Focke einfache Abgeordnete im Deutschen Bundestag und widmete sich erst 1979 wieder hauptberuflich der Europapolitik, indem sie bei der ersten Direktwahl für das Europäische Parlament für die SPD kandidierte. Nach ihrem Einzug widmete sie sich inhaltlich vor allem der Entwicklungspolitik und war sehr stark an der Aushandlung der Handelsabkommen zwischen der EWG und den AKP-Staaten (Asien, Karibik und Pazifik) beteiligt, den „Lomé-Abkommen“.

1983 drängte der Arbeitskreis sozialdemokratischer Frauen in der SPD (ASF) den Parteivorstand, eine Frau als Spitzenkandidatin für die anstehende Europawahl zu nominieren. Es lag nahe, dass dies nur Katharina Focke sein konnte. Sie war damit die erste weibliche Spitzenkandidatin der SPD bei einer bundesweiten Wahl. Erneut bestritt Focke einen unkonventionellen Wahlkampf, indem sie zum Beispiel mit einem Zirkus, bestehend aus Artisten aller damaligen EWG-Mitgliedstaaten, durch ganz Deutschland tourte. Doch aufgrund des fehlenden Rückhalts durch das Präsidium der SPD – kein Mitglied des Präsidiums nahm auch nur an einer der Zirkusveranstaltungen teil – sowie des nicht ausreichenden Interesses an dem Thema Europapolitik in der SPD konnte Focke diesmal kein hervorragendes Ergebnis erzielen. Sie widmete sich bis 1989 weiterhin vor allem der Entwicklungspolitik, unter anderem als Ausschussvorsitzende, und zog sich dann aus der Politik zurück. Auf lokaler Ebene in ihrem Wohnort Köln setzte sie sich bis kurz vor ihrem Tod in überparteilichen Organisationen für die Rechte von Flüchtlingen und Asylsuchenden ein. Als Katharina Focke 2016 94-jährig starb, ging eine Wegbereiterin für Frauen in die Europapolitik.