Wer sich das Studium in Deutschland nicht leisten könne, solle sich einfach während des Studiums einen Nebenjob suchen. Dies habe Dorothee Bär schließlich auch selbst getan, sagt die Bundesforschungsministerin in einem Interview zur geplanten BAföG-Reform. Dies sorgte zu Recht für Empörung vor allem bei den jüngeren Bürger*innen. Diese haben ohnehin schon genug Sorgen, wenn es um ihre Zukunftsperspektiven geht. Sollte man nicht besonders jetzt in einer so ungewissen Zeit ein Gefühl von Stabilität vermitteln und den jüngeren Bürger*innen ermöglichen, in diesem Land zu bleiben und zu studieren?
Warum so wütend?
Warum aber ist BAföG nun so wichtig, dass sich viele junge Menschen Sorgen um ihr Studium machen? BAföG, kurz für Bundesausbildungsförderungsgesetz ist eine Förderung des Staates für die erste Ausbildung oder das erste Studium, sofern man selbst oder die Familie nicht die finanziellen Mittel besitzt, um dies zu finanzieren. Es soll also jeder Person unabhängig vom jeweiligen Einkommen eine Bildung ermöglichen. Es ist eine tragende Säule eines gerechten Sozialstaats und deshalb auch so wichtig.
Um BAföG in Deutschland zu erhalten, muss man unter 45 Jahre alt sein und an einer staatlichen oder privaten Hochschule oder an einer Berufsakademie studieren, deren Abschluss Hochschulabschlüssen nach Landesrecht gleichgestellt ist.
Wenn man BAföG bezieht, bekommt man monatlich einen Höchstsatz von 922 Euro. Grundbedarf, Wohnpauschale sowie Zuschüsse für Kranken- und Pflegeversicherung sollen damit abgedeckt werden. Wenn man BAföG bezieht, erhält man das Geld grundsätzlich für die Regelstudienzeit; nach dem 5. Semester muss allerdings ein Leistungsnachweis erbracht werden. Die Höhe des Betrags hängt von der Art der Ausbildung und der Unterbringung ab, also ob man noch bei den Eltern wohnt oder schon eine eigene Wohnung besitzt, sowie vom Einkommen und Vermögen.
Wie sieht die Situation in anderen EU-Ländern aus?
Schweden: In Schweden gibt es eine Beihilfe von maximal 2995 Euro im Jahr für maximal 6 Jahre. Wer zusätzlich noch ein Kind zu versorgen hat, bekommt auch mehr Unterstützung. Die Beihilfe ist in Schweden sehr gefragt: Mehr als zwei Drittel nutzen diese Unterstützung. Studiengebühren gibt es in Schweden grundsätzlich nicht. Jedoch ist eines der großen Probleme, dass die Lebenshaltungskosten in Schweden so hoch sind, dass es trotz der Beihilfe oftmals zu Verschuldungen kommt.
Estland: In Estland gibt es eine bedürftigkeitsabhängige Unterstützung für Vollzeitstudierende, deren Einkommen unter einer bestimmten Grenze liegt. 2025 lag diese zwischen 189,10 Euro und 756,38 Euro pro Familienmitglied. Der Höchstsatz betrug maximal 440 Euro pro Monat. Das Studium an staatlichen Hochschulen ist in den meisten Fällen kostenlos, solange man Vollzeit studiert, einen gewissen Arbeitsaufwand aufbringt (mindestens 75% der vorgesehenen ECTS-Punkte) und die Unterrichtssprache des Studienganges Estnisch ist. Dies macht es leistungsorientierter und eingeschränkter als in Deutschland.
Griechenland: In Griechenland fallen die Kernkosten, also die Studiengebühren, vollständig weg. Es ist dort für Studierende grundsätzlich kostenlos, an staatlichen Hochschulen zu studieren, und Studierende haben auch das Recht auf kostenlose Lehrbücher sowie, je nach Einkommen, auf Verpflegung und eine Unterkunft. Zudem gibt es eine Wohnungsbeihilfe, bei welcher Studierende, die nicht in ihrem Herkunftsort studieren, 1000 Euro pro Jahr erhalten.
Der Punkt, dass die Studierenden in Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Ländern deutlich besser abschneiden, ist also nicht unbedingt zutreffend. Auch in anderen Ländern gibt es staatliche Unterstützung, Wohnungsbeihilfe und niedrige oder gar keine Studiengebühren. Natürlich ist das nicht in allen EU-Ländern der Fall. In den Niederlanden gibt es beispielsweise Studiengebühren von ca. 2600 Euro im Jahr, in Belgien zwischen 500 Euro und 900 Euro pro Jahr – und das bei sehr hohen Lebenshaltungskosten. Es ist nicht zu leugnen, dass die Kosten für ein Studium in Deutschland gering sind. Auch werden die BAföG-Rückzahlung durch die Schuldenobergrenze von ca. 10.000 Euro, den Rückzahlungsbeginn nach 5 Jahren sowie die Freistellung bei einem sehr niedrigen Einkommen erleichtert. Aber reicht das?
Darf man sich also beschweren?
Trotz der geringen Studienkosten und der finanziellen Unterstützung des Staates ist die Situation in Deutschland dennoch für viele eine Herausforderung. Viele Hochschulabsolvent*innen starten verschuldet in das Berufsleben und müssen diese oft jahrelang abbezahlen. Dazu reicht das BAföG bei den steigenden Lebenshaltungs- und Wohnkosten oft nicht aus.
Momentan erhält man einen Grundbedarf von 475 Euro. Mit der neuen Reform soll sich dies auf 536 Euro erhöhen (perspektivisch dann sogar höher auf rund 563 Euro), um sich an das Grundsicherungsniveau anzupassen. Die Wohnkostenpauschale außerhalb des Elternhauses beträgt momentan 380 Euro und soll sich durch die Reform auf 440 Euro erhöhen.
Diese Zahlen sind keineswegs schlecht, wenn man sie in Vergleich mit anderen Ländern setzt, doch ist da trotzdem noch viel Luft nach oben. Besonders in Zeiten, in denen Inflation, Kriege und Zölle die Preise immer höher treiben und die Wohnsituation immer schwieriger und teurer wird, ist es wichtig, den Bürger*innen unter die Arme zu greifen und auch das BAföG an die neuen Preise und Rahmenbedingungen anzupassen.
Dorothee Bär hat nicht Unrecht, wenn sie sagt, dass Deutschland durchaus gute Voraussetzungen hat, vielen jungen Menschen ein Studium zu ermöglichen. Doch auch das BAföG muss sich an die heutige Zeit - und die immer höheren Kosten - anpassen. Wenn ein Drittel der Studierenden in Armut lebt und zwei Drittel auf Nebenjobs angewiesen sind, um ihre Existenz zu sichern, dann reicht es nicht, auf noch präkerere Situationen in anderen Ländern hinzuweisen. Deutschland sollte seine zukünftigen Arbeitskräfte unterstützen, damit diese sich auf ihr Studium konzentrieren können und ihnen nicht mit mehr Arbeit und finanziellen Sorgen das Studium erschweren.

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