Die Türkei ist seit 1999 offiziell EU-Beitrittskandidat und steht seit zehn Jahren in engen Verhandlungen mit der Europäischen Kommission. Doch Erdogans Konfrontationskurs lässt einen baldigen Beitritt in weite Ferne rücken.

Die erste Annäherung zwischen der EU und der Türkei reicht 50 Jahre zurück. Die Unterzeichnung einer Vereinbarung zwischen der Türkei und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) am 12. September 1963 in Ankara war der erste Schritt auf dem langen Weg zum Beitritt. 1987 folgte dann die offizielle Bewerbung von Premier Türgüt Özal. Seitdem stehen bei Beitrittsverhandlungen die türkische Innenpolitik und die Zypernfrage im Fokus. Das Verhältnis der Türkei zu Zypern ist die Kernfrage der Debatte. Seit dem Krieg 1974 beeinträchtigt die Spaltung der Insel die türkisch-griechischen Beziehungen. Der unabhängige Teil Zyperns, der seit 2004 Mitglied der EU ist, wurde bis heute nicht von Ankara als Staat anerkannt, was das Beitrittsverfahren in einigen Punkten blockiert.

Trotz dieses nicht ganz nebensächlichen Dissens präsentierte Erdoğans Türkei von 2004 bis 2007 weiterhin Argumente für die Aufnahme. Einige davon sind historisch: die Türkei ist Mitglied der NATO und des Europarates und orientierte sich bereits vor Mustafa Kemal Atatürks Revolution in den 1920er Jahren diplomatisch in Richtung Westen. Progressive Eliten an der ägäischen Küste sehen die Türkei als Brücke zwischen Europa und Asien und die EU-Mitgliedschaft als Möglichkeit für eine schnellere wirtschaftliche Entwicklung, die Festigung eines Rechtsstaats spwoe Maßnahmen gegen politischen Klientelismus, Korruption und patriarchale Strukturen in der Gesellschaft.

Seit gut einem Jahr ist jedoch Recep Tayiip Erdoğan Präsident des Landes und führt einen autoritären Kurs, der einen EU-Beitritt in weite Ferne rücken lässt. Erdoğan ist Gründer der AKP und sammelte in religiösen Gruppen des umstrittenen Necmettin Erbakan politische Erfahrung. Aus seinem religiösen Konservatismus machte er nie einen Hehl, provoziert die Verhandlungspartner jedoch vermehrt durch Nichteinhalten der Gründungswerte der EU. Für religiöse und ethnische Minderheiten sowie Frauen ist die Situation seit seiner Amtsübernahme schwieriger geworden. In Regierungskreisen häufen sich zudem die Bestechungsskandale und lassen an einer wahren Veränderung der politischen Praxis starke Zweifel. Zudem sieht er die Türkei historisch eher als Erbe des osmanischen Reiches und lässt die Errungenschaften der Atatürk-Republik links liegen.

Trotz der institutionellen und diplomatischen Bemühungen scheint sich Ankara mit dem Status quo der Verhandlungen zufrieden zu geben. Auf wirtschaftlicher Ebene ist diese Situation zufriedenstellend und politisch kann Erdoğan ungestört seinen Kurs fortsetzen. Er schreckt weder vor Krieg noch politischer Verfolgung zurück und nutzt seine geostrategische Position im vorderen Orient geschickt aus. Doch in einem Land, in dem Demonstranten bisher wenig zu sagen hatten, verschafft sich die politisch aktive Jugend des Gezi-Parks zunehmend Gehör und strebt nach Veränderung. Die entscheidende Frage für den Fortgang der türkischen Beitrittsbemühungen lautet: Hat diese Generation das Potenzial, einen Kurswechsel zu vollbringen?