15 Jahre treffpunkteuropa.de: Ehemalige Chefredakteur*innen im Interview

Gesine Weber: Zwischen Europa und dem Reich der Mitte

, von  Arnisa Halili

Gesine Weber: Zwischen Europa und dem Reich der Mitte
Die Verbotene Stadt in Peking. Foto: zur Verfügung gestellt von Gesine Weber

Anlässlich des 15. Geburtstages von treffpunkteuropa.de erzählen ehemalige Chefredakteur*innen von ihrer Zeit in der Redaktion, ihrem Weg danach und ihrer Vision für Europa. Heute: Nachdem Gesine Weber im Sommer 2019 die Redaktion von treffpunkteuropa.de verließ, absolvierte sie das Stipendienprogramm des DAAD „Sprache und Praxis in China“ in der ostasiatischen Volksrepublik – aus aktuellem Anlass verfolgt sie die Kurse derzeit online aus Deutschland. Im Gespräch mit treffpunkteuropa.de erzählt uns die ehemalige Chefredakteurin von Katzenkopfadlern, der Zeit vor den Europawahlen 2019 und dem Westerwald.

Das deutschsprachige Magazin treffpunkteuropa.de wurde vor 15 Jahren als Mitgliedermagazin der Jungen Europäischen Föderalist*innen e.V. (JEF) gegründet. Aus dem Printmagazin wurde mit den Jahren ein Online-Magazin, das heute journalistisch und redaktionell unabhängig von der JEF arbeitet. Chefredakteur*innen, Autor*innen und Übersetzer*innen haben gewechselt. Sprachen sind hinzugekommen und die Reichweite des Magazins ist über Social–Media-Kanäle gewachsen. Geblieben ist die Vision, einen Beitrag zu einer europäischen Öffentlichkeit zu leisten, die europäische Idee für junge Menschen greifbar zu machen und jungen Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich journalistisch auszuprobieren. Mit rund 250 Autor*innen und 50 Übersetzer*innen schaffen wir es, täglich einen Beitrag Online zu stellen. Im Gespräch mit unseren ehemaligen Chefredakteur*innen wollen wir in alten Erinnerungen schwelgen.

Die braunen Haare lässig zu einem Zopf gebunden und die dunkelrote Brille auf der Nase: Konzentriert, mit Decke über den Beinen und iPad in der Hand sitzt Gesine Weber auf der Terrasse ihrer Familie im Westerwald und macht einen Online-Sprachkurs in Chinesisch. Bis vor kurzem lebte sie noch in Peking und lernte die chinesische Sprache an der Pekinger Fremdsprachenuniversität – allerdings setzt sie die Kurse aktuell aus Deutschland fort, weil die Uni wegen des Coronavirus zunächst alle Kurse online durchführt. Parallel zum Programm arbeitet sie als Analystin für europäische Geopolitik beim französischen Think Tank „Groupe d’Études Géopolitique“. Zuvor hat sie an der Sciences Po Paris und der Freien Universität Berlin einen deutsch-französischen Doppelmaster in European Affairs/ Politikwissenschaften abgeschlossen.

Zu treffpunkteuropa.de kam sie Ende 2015: Von April 2016 bis Oktober 2016 war sie verantwortlich für den Themenschwerpunkt Public Affairs. Den Ausbau des Redaktionsteams, den Brexit und die Europawahlen 2019 – all das hat sie anschließend als Teil der Redaktionsleitung erlebt, in der sie zwei Jahre als Stellvertreterin von Tobias Schminke und ein Jahr als Chefredakteurin war.

Wir kennen dich dafür, dass du bei Workshops gerne mit Funfacts einsteigst. Kannst du uns einen Funfact über dich erzählen?

Normalerweise habe ich genug Zeit mich darauf vorzubereiten. Heute habe ich einen nicht sehr europabezogenen Funfact: Ich teste gerne in jeder Stadt, die ich besuche, Eisdielen. Wenn ich die Wahl habe, dann lasse ich sonntags sogar mein Mittagessen ausfallen und gehe stattdessen ein riesiges Eis mit vier Kugeln essen.


Alltag im Reich der Mitte

Wie sah dein Alltag als Europäerin in China aus?

Das kann ich pauschal nicht beantworten, weil meine Tage ganz unterschiedlich waren, aber grundsätzlich war es so, dass ich einen Sprachkurs gemacht habe. Ich habe in einer der Hutongs (chinesische Altstadtgassen) gewohnt, in denen vor allem Chines*innen leben. In den Hutongs gefiel es mir sehr, weil ich jeden Tag mit Chines*innen zu tun hatte. Morgens laufen, Sprachkurs, nach Hause kommen und wenn ich Glück hatte, fand abends eine Kulturveranstaltung statt. Außerdem arbeitete ich als Analystin für Geopolitik in der „Groupe d’Etudes Géopolitique“. Es blieb mir viel Freizeit, nebenher etwas zu machen und die Stadt zu erkunden. Mein Alltag sah anders aus als in Europa, denn ich ging fast immer aus, um zu essen. Das chinesische Essen war einfach zu gut und günstig, als dass ich mich motivieren konnte, selbst zu kochen.


Besuch der Chinesischen Mauer. Foto: Gesine Weber

Wurdest du anders behandelt als Europäerin?

In meinem Sprachkurs waren keine Chines*innen: Da fiel es also auch nicht auf, dass ich Europäerin war. In Peking wurde ich nicht vorrangig als Europäerin erkannt, sondern als Ausländerin. Laowai, wie man dort so schön sagt, „alter Ausländer“, das kann aber auch ganz lieb konnotiert sein. Meine Nachbar*innen kannten mich alle, weil ich die einzige Ausländerin war, die dort wohnte. Wir plauderten dann immer, wenn wir uns begegneten, weil die Menschen einfach super nett sind. Vorher habe ich im Studierendenwohnheim gewohnt und das war eine total internationale Blase, allerdings nicht im positiven Sinne.

Du hast bereits das leckere Essen erwähnt. Gibt es weitere Besonderheiten, die du an China besonders zu schätzen gelernt hast?

Essen ist ein wichtiges Argument. Vor allem beeindruckt mich die unfassbare Neugierde der Menschen. Grundsätzlich habe ich in Deutschland und Europa das Gefühl, dass Menschen sehr reserviert sind. In China wirken die Menschen sehr interessiert daran, was ihre Mitmenschen tun und sie fragen auch einfach direkt nach. Oftmals geht es um Dinge, die in Deutschland eher tabuisiert sind, z.B. Geld und Beziehungen. Du hast vielleicht noch keine drei Sätze mit jemandem gewechselt, aber da kommt schon die Frage: „Hast du einen Freund?“ Das ist dort eine ganz normale Standardfrage. Auch wenn du sagst, dass du mit einem Stipendium dort bist, dann ist es eine ganz legitime Frage zu fragen, „Wie hoch ist das Stipendium?“. Genauso konnte ich Chines*innen viele Sachen fragen, die ich in Europa fremde Menschen vielleicht nicht gefragt hätte, wie z.B. „Was kochst du abends, wenn du essen willst?“, „Welches ist die schönste Stadt Chinas?“ oder „Wo kommst du her?“. Aus diesem Grund ist es super leicht, Smalltalk zu führen - das schätze ich sehr. Außerdem ist China ein schönes Land, das viel zu bieten hat. Gerade wenn man abseits der Tourist*innenpfade unterwegs ist, dann hat Peking tolle Orte zu bieten.

Du sprichst insgesamt zehn Sprachen. Was fasziniert dich am meisten daran, eine neue Sprache zu lernen?

Ich habe bereits 2013 angefangen, Chinesisch zu lernen. Ich finde, man kann eine Kultur nicht verstehen, ohne auch die Sprache zu lernen. Ich kann mich einfach für Sprachstrukturen begeistern: Meine erste Sprache vor Englisch war Latein. Deswegen gehe ich auch sehr strukturiert an Sprachen heran. Grammatik fasziniert mich, was schwierig ist im Chinesischen: Es gibt nämlich nur sehr wenig Grammatik. Sprachen können uns so viel erzählen: Im Chinesischen heißt Maotouying zum Beispiel wörtlich übersetzt „Katzenkopfadler“ und ein „Katzenkopfadler“ ist eine „Eule“. „Feuerwerk“ heißt übersetzt „Feuerblume“. Diese Feinheiten erfreuen mich im Chinesischen immer wieder.


Treffpunkteuropa.de: Liebe auf den ersten Blick

Wann hast du von treffpunkteuropa.de erfahren?

Wahrscheinlich 2014 oder 2015, als Tobias Gerhard Schminke, der zwischen 2016 und 2018 Chefredakteur war, bei treffpunkteuropa.de angefangen hat. Er hat immer wieder Artikel von sich geteilt und dann habe ich die Redaktion angeschrieben und gefragt, wie ich selbst Autorin werden kann.

Anschließend warst du Redakteurin für Public Affairs und später zwei Jahre Stellvertreterin des Chefredakteurs. Wie bist du dann selbst Chefredakteurin geworden?

Das ist eine heiße Geschichte! Ich war gerade in Genf für ein Praktikum bei der Deutschen UN- Vertretung und kam nach einem langen und sehr spannenden Tag mit Sitzungen des Menschenrechtsrats nach Hause. Gegen 23 Uhr habe ich in meine treffpunkteuropa.de-Mails geschaut und da eine ganz lange E-Mail von Tobias gefunden. In dieser E-Mail hat er mir gesagt, dass er seinen Posten als Chefredakteur abgeben würde und ob ich Lust hätte zu übernehmen. Wir hatten zuvor immer gesagt, dass wir die Europawahl 2019 zusammen angehen würden. Eigentlich habe ich auch immer gesagt, dass wenn Tobias ginge, ich auch gehen würde, weil wir einfach ein super eingespieltes Team waren. Andererseits wusste ich, ich will und muss die Europawahl machen. Ich habe keinen Moment darüber nachgedacht aufzuhören – nicht vor der Europawahl.



Gesine vor ihrer Amtszeit als Chefredakteurin. Foto: Tobias Schminke

Ich erinnere mich an eine Regel von dir: Nach 21 Uhr ist Schluss mit treffpunkteuropa.de. Wie gestaltete sich dein Alltag als Chefredakteurin?

21 Uhr habe ich erst zum Selbstschutz eingeführt, als es in der Europawahlkampagne besonders intensiv wurde. Ich bin ein Morgenmensch. Nach dem Joggen und Frühstück habe ich um 7 Uhr morgens ein Stündchen treffpunkteuropa.de gemacht, im Laufe des Tages auch nochmal. Natürlich war ich immer erreichbar für alle und habe mir auch sehr viele Abende mit dem Arbeiten am Projekt versüßt. Wenn ich nach der Uni oder einem Praktikum nach Hause gekommen bin und müde war, dann hat treffpunkteuropa.de mir aber wahnsinnig viel Energie gegeben: Oft saß ich doch nochmal zwei Stunden an treffpunkteuropa.de. Ansonsten gab es natürlich jeden Montag die Redaktionskonferenz und alles andere lief sehr spontan. Morgens war oft meine E-Mail-Zeit und abends habe ich redigiert.

Jede*r Chefredakteur*in bringt etwas Neues für treffpunkteuropa.de mit. Wie hat sich treffpunkteuropa.de während deiner Amtszeit verändert?

Ich habe versucht, meine Motivation immer wieder mit den anderen Redakteur*innen zu teilen - und habe die Redaktionskonferenzen oft mit Freude und Energie geleitet, die man wahrscheinlich auch über Skype gehört hat, das hoffe ich zumindest. Aufgrund meines persönlichen Interesses und der Europawahlkampagne konnte ich vor allem einen Schwerpunkt auf globale Themen aus dem Bereich „Europa in der Welt“ und deutsch-französische Beziehungen legen. Mit Laura Mercier, der Chefredakteurin von Le Taurillon zwischen 2017 und 2019 habe ich versucht, eine enge Abstimmung zu etablieren, was uns auch gut gelungen ist: Beispielsweise hatten wir mehrere Artikel, die auf beiden Sprachen erschienen sind und die deutsch-französische Woche, während der es sieben Tage lang Inhalte über die beiden Länder gab.


Treffen zwischen Gesine als damalige Chefredakteurin und Marie Menke. Foto: Gesine Weber

Blumensträuße bis Westerwald

Du hast bereits angedeutet, dass die Europawahlkampagne eine wichtige Rolle in deiner Zeit als Chefredakteurin gespielt hat. Was hat die Erfahrung so besonders gemacht?

Vielleicht war die Zeit vor und nach der Wahl die Erfahrung, die mich zugleich auch am meisten Kraft gekostet hat. Vor allem ab März haben wir alle gekämpft: Ich glaube, ich habe dem Team ziemlich viel abverlangt in der Zeit. Es war für mich eine sehr wertvolle Erfahrung zu merken, wie es ist, andere zu motivieren - und wenn man dann fiese Umfragen von Rechtspopulist*innen oder Umfragen zu niedriger Wahlbeteiligung sieht, sich trotzdem zu sagen, ich setze mich hin und kämpfe um vielleicht 0.01 % mehr Wahlbeteiligung von jungen Menschen. Die Europawahlkampagne war für mich eine der Höhepunkte meiner Zeit bei treffpunkteuropa.de, weil ich sie als Chefredakteurin begleitet habe. Schlussendlich war es die Fülle von Erfahrungen, von Kontakten, von witzigen Momenten in den Redaktionskonferenzen und von schönen „Verschreibern“ in Artikeln, die die Zeit insgesamt geprägt hat. Es ist einfach dieser Blumenstrauß - das Bouquet an Erinnerungen - was die Zeit ganz besonders macht.

Was heißt Europäische Öffentlichkeit für dich?

Europäische Öffentlichkeit bedeutet für mich, dass wir einen gemeinsamen Raum schaffen, in dem wir über Grenzen hinweg in Europa über relevante Themen sprechen können. Damit sind nicht nur nationale Grenzen, sondern auch soziale Grenzen gemeint, denn jemand, der*die in einem kleinen, ländlichen Ort in Deutschland lebt, hat mehr gemeinsam mit jemanden, der*die in Zentral-Frankreich in einer ähnlichen Situation lebt, als mit jemanden in Berlin, der*die vegan lebt und sich dort bei „Fridays for Future“ engagiert. Dieser Mensch hat wahrscheinlich mehr mit jungen alternativen Menschen in London oder Paris gemeinsam. Eine europäische Öffentlichkeit bedeutet, dass wir es schaffen, alle Menschen in einen gesamteuropäischen Diskurs zu integrieren. Das ist natürlich ein sehr idealistischer Ansatz, aber ich möchte, dass wir zusammen über Themen sprechen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass wir als europäische Medien alle genau dieselben Informationen geben und die „perfekten“ Informationen haben, sondern ähnliche Perspektiven entwickeln, um nationale Perspektiven aufzubrechen. Ich greife gerne auf das Bild des Blumenstraußes zurück: Wir können alle Meinungen, Ideen, etc. einbringen und zusammenbringen – das ist viel abwechslungsreicher als nur unsere eigenen Tulpen oder Rosen.

Welche Chancen siehst du in einer gemeinsamen Europäischen Öffentlichkeit?

Gegenseitiges Verständnis kann natürlich zu einer gemeinsamen europäischen Identität führen, aber ich glaube, es ist auch wichtig für eine europäische Demokratie. Wenn wir gemeinsam diskutieren, dann können wir gemeinsam politisch teilhaben. Wir können viel eher europäische Parteien gründen und uns viel besser in ihnen organisieren, weil die Grenzen zwischen den Nationalstaaten viel mehr verschwimmen. Ich glaube, dass es vor allem für die Legitimität des europäischen Projekts von Bedeutung ist, dass wir eine europäische Öffentlichkeit haben. Wenn wir in unseren nationalen Filterblasen leben, dann erkennen wir den Mehrwert dieses europäischen Projekts nicht.

Letzte Frage: Jetzt wo du wieder zurück in Europa bist, fragen sich viele in der Redaktion ob es für dich nach Paris oder in den Westerwald geht – für welchen Ort wirst du dich entscheiden?

Muss ich auf diese Frage antworten? (Lachen auf beiden Seiten) Das ist schon wirklich schwer! Ich würde allen einen Besuch in den Westerwald immer nahelegen, weil ich dort aufgewachsen bin. Der Ort, an dem ich langfristig wohnen wollen würde, ist aber auf jeden Fall Paris. Paris mit regelmäßigen Wochenenden im Westerwald – das wäre die perfekte Lösung. Ich ärgere mich aber immer noch, dass es nie funktioniert hat, ein Medienseminar von treffpunkteuropa.de im Westerwald zu veranstalten. Mein Heimatort hat ein Jugendgästehaus – das hätte sich perfekt angeboten!

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