Um die psychische Gesundheit in Europa steht es nicht gut. Das zeigen unterschiedliche Zahlen und Expert*innen. Menschen sind mit immer mehr Krisen konfrontiert: Zuerst die Corona-Pandemie, dann die Energiekrise, Inflation und Krieg. Gerade unter Kindern und Jugendlichen steigen die Zahlen psychischer Erkrankungen. Das Problem: die steigenden Fallzahlen treffen auf ein unvorbereitetes Gesundheitssystem. Psychotherapeut*innen sind ohnehin überlastet. Gleichzeitig kommt jetzt eine neue Regelung, durch die Psychotherapeut*innen in Deutschland weniger Honorar bekommen. Expert*innen warnen vor schweren Folgen und betonen die Notwendigkeit neuer Regelungen und Strukturen. Doch scheinbar ist diese noch nicht bei allen angekommen.

Die Gesellschaft im Krisenstau: Folgen für die mentale Gesundheit

Nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie wurde in Europa verstärkt vor den Folgen globaler Krisen für die psychische Gesundheit gewarnt. So beispielsweise der Bericht “Health at a Glance: Europe” von 2022. Grund für den Einbruch der psychischen Gesundheit war vor allem die soziale Isolation während des Lockdowns. Die Menschen konnten nicht mehr wie gewohnt arbeiten, sich mit Menschen treffen oder in anderen Gemeinschaften etablieren. Hinzu kamen Ängste vor einer möglichen Infektion, Trauer bei Todesfällen im engsten sozialen Umfeld und finanzielle Sorgen, die sich während der Pandemie verstärkt haben. Vor allem junge Menschen seien betroffen, weil sie mit einschneidenden Folgen in ihrer Ausbildung und ihrem Sozialleben konfrontiert waren. Heute zeigen die Zahlen: Die Befürchtung der Expert*innen bewahrheitet sich.

Immer mehr Menschen leiden heute unter psychischen Erkrankungen. Besonders alarmierend ist die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. In Deutschland waren psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen 2024 die Hauptursache für stationäre Krankenhausaufenthalte junger Menschen. Knapp ein Fünftel (18,9%) der Krankenhausbehandlungen von 10- bis 19-Jährigen waren auf psychische Erkrankungen oder Verhaltensstörungen zurückzuführen. Zum Vergleich: Unter allen Krankenhauspatient*innen waren es 5,9%.

Die Corona-Pandemie war jedoch nur einer von vielen Auslösern. Eine Langzeitstudie des Robert-Koch-Instituts aus de Jahr 2024 zeigt, dass gerade Geringverdiener*innen häufiger von Depressionen betroffen sind. Grund dafür waren in den vergangenen Jahren die Energiepreisschocks, Inflation, steigenden Lebenshaltungskosten sowie unsichere Arbeitsverhältnisse. Ungleichheiten bei Einkommen und Wohlstand führen damit zu einer gesundheitlichen Ungleichheit, so die Autor*innen der Studie, Christina Kersjes und Jens Hoebel. Weitere Gründe sind eine höhere Arbeitsbelastung. Patriarchale Geschlechterrollen verstärken dieses Problem: Care-Arbeit, emotionale Fürsorge und Hausarbeit werden noch immer mehrheitlich von Frauen getragen, was auf Dauer zu Depression, Burnout oder anderen psychischen Erkrankungen führen kann.

Auch der zunehmende Social-Media-Konsum kann „[…] zu Suchtverhalten, Stress oder sogar zur Traumatisierung führen“, so Professor Carlos Schönfeldt-Lecuona der Universität Ulm. Heute spielen Oberflächlichkeit und Materialismus eine größere Rolle als einst Spiritualität. Gerade Jugendliche zweifeln häufiger an ihren eigenen Fähigkeiten. „[…] Probleme werden oft mit legalen und illegalen Substanzen kompensiert“, so Professor Schönfeldt-Lecuona, was wiederum häufiger zu psychischen und körperlichen Erkrankungen führt.

Nicht nur ein deutsches Problem: steigende Erkrankungen und mangelnde Gesundheitsversorgung in Europa

Die Zahl junger Menschen mit Depressionssymptomen hat sich während der Pandemie in mehreren europäischen Ländern wie Belgien, Estland, Frankreich, Schweden und Norwegen verdoppelt. Die Prävalenzrate, also das Verhältnis erkrankter Menschen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung, war mehr als doppelt so hoch wie in älteren Altersgruppen.

2021 gab die World Health Organization (WHO) an, dass über 150 Millionen Menschen in der Europäischen Region an einer psychischen Erkrankung leiden. Von den unter Depression leidenden Menschen erhält nur ein Drittel die nötige Versorgung. Die WHO spricht von „[…] Defizite[n] in der psychischen Gesundheitsversorgung […]”.

Wenn über Zahlen psychischer Gesundheit gesprochen wird, ist vermutlich eine hohe Dunkelziffer mitzudenken. Das zeigt auch ein anderes Ergebnis der Europabarometer-Umfrage: Jede zweite Person, die mit einem solchen Problem zu kämpfen hatte, hat sich nicht an Sachverständige gewandt.

Noch ausgepräfter ist das Problem bei Menschen in Europa, deren Zugang zu Gesundheitsversorgung aufgrund von Diskriminierung, bürokratischen Hürden oder anderen systemischen Ungerechtigkeiten zusätzlich eingeschränkt ist. Geflüchtete leiden zehnmal häufiger an posttraumatischen Belastungsstörungen. Grund dafür sind Erfahrungen in Krisengebieten und auf der Flucht. Auch Menschen mit Migrationshintergrund, die schon lange in Europa wohnen, sind mit besonderen Risikofaktoren für psychische Erkrankungen konfrontiert. Darunter zählen Trennung von der Familie, schlechtere Bildungschancen und schlechterer sozioökonomischer Status, Obdachlosigkeit, Diskriminierung und fremdenfeindliche Übergriffe. Hinzu kommt, dass psychotherapeutische Versorgungssysteme diese Menschen oft nicht einplant oder gar ausschließt. Damit sind Menschen mit Migrationshintergrund vor sprachlichen, kulturellen und administrativen Barrieren gestellt.

Überlastete Gesundheitssysteme: Psychisch krank, aber keine Hilfe in Sicht

Jede*r zweite Europäer*in gab im Frühjahr 2021 an, trotz Bedarfs keine psychologische Gesundheitsvorsorge erhalten zu haben. Dasselbe auch im Frühjahr 2022. Die Europäische Kommission berichtet zwar, dass viele EU-Staaten bereits Maßnahmen ergreifen, um gegen diese strukturellen Lücken vorzugehen. Doch diese allein reichen nicht aus. Die Europäische Kommission selbst sagt, dass die Corona-Pandemie so schwerwiegende Folgen mit sich trägt, dass es zwingend weitere Maßnahmen brauche, um gerade in den jungen Generationen langfristige psychische Schäden zu verhindern.

Auch in Deutschland steht es schlecht um die medizinische Versorgung psychisch kranker Menschen. Therapieplätze in Deutschland sind eine Rarität: Wartezeiten betragen meist mehrere Wochen. Grund dafür sind fehlende Behandlungskapazitäten bei gleichzeitig steigendem Bedarf. Die Zahl der Therapiebedürftigen wird in Zukunft vermutlich weiter ansteigen, während ein Drittel der Psychotherapeut*innen bis 2030 in Rente gehen.

Das Problem: Nicht nur Psychotherapeut*innen, sondern auch viele tausende Kassenplätze fehlen. Nach einer Schätzung der Kammer rund 7.000. Psychotherapeut*innen benötigen Kassenplätze, um Behandlungen über die Krankenkasse abrechnen zu können. Nicht alle Menschen können sich einen selbstfinanzierten Therapieplatz leisten. Präsidentin des Sozialverbands VdK Verena Bentele erklärt, dass die Kosten für eine Sitzung bereits um die 100 Euro betrage. Damit wird mentale Gesundheit zu einem Luxusgut, das für viele Menschen nicht zugänglich ist. Gerade Menschen ohne oder mit niedrigem Einkommen - darunter auch Auszubildende, Studierende oder Berufseinsteiger*innen - wird also der Zugang zu notwendigen Behandlungen psychischer Erkrankungen systematisch genommen.

Neue Honorar-Regelung: Keine positiven Aussichten

Seit April bekommen ambulante Psychotherapeut*innen 4,5% weniger Honorar. Entschieden hat das der erweiterte Bewertungsausschuss der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Grund für diese Entscheidung sei der verhältnismäßig starke Anstieg der Honorare für Psychotherapeut*innen im Vergleich zu anderen Ärzt*innengruppen. Kritisiert wird diese Entscheidung von der KBV selbst, die jedoch überstimmt wurde.

Vertreter*innen von Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen vermuten, dass gerade gesetzlich versicherte Menschen die Folgen dieser Entscheidung spüren werden. Praxen werden die Honorarkürzung anders ausgleichen müssen. Es liegt nahe, dass sich Psychotherapeut*innen zunehmend auf Privatpatient*innen konzentrieren. Doch gerade in ländlichen Regionen, wo Praxen nicht auf Privatversicherte oder Selbstzahler*innen zurückgreifen können, drohen Praxisschließungen, so Andrea Benecke, Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK).

Auch Beratungsstellen für Selbsthilfegruppen warnen vor den Folgen. Menschen können vor Not in die Selbsthilfegruppen flüchten, obwohl sie psychotherapeutische Hilfe benötigen. Normalerweise aber, wäre die Reihenfolge eine andere: Erst Psychotherapie, dann Selbsthilfegruppe. Aufgrund des Therapieplatz-Mangels werden jedoch immer mehr Menschen zu den Selbsthilfegruppen geschickt. Diese können den strukturellen Bedarf nicht alleine auffangen.

Was es also braucht sind vor allem mehr Maßnamen von Seiten der Regierung, um den akuten Entwicklungen entgegenzuwirken. Statt Honorarkürzung müssen Psychotherapeut*innen unterstützt werden. Sei es, weitere Kassenplätze auszubauen oder eine bessere und vor allem zuversichtliche und erschwingliche Ausbildung zu schaffen. Aber auch die Ursachen des Problems müssen angegangen werden. Statt also davon zu reden, dass das deutsche Volk zu wenig arbeite, müssen wir uns und der Politik bewusst machen, wie die Menschen unter den von der Politik geschaffenen Arbeits- und Lebensverhältnissen leiden.