Europäische „Armeen“ im Kampf gegen ein Virus – wie funktionieren unsere Gesundheitssysteme?

, von  Candice Fort, Numa Echailler, übersetzt von Marlene Willimek

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Europäische „Armeen“ im Kampf gegen ein Virus – wie funktionieren unsere Gesundheitssysteme?
Suck it Corona Das Gesundheitssystem im Kampf gegen ein Virus.
Foto: unsplash/Askhan Forouzani/Lizenz

Der sogenannte „Krieg“ gegen das Coronavirus bietet Gelegenheit, sich den Aufbau der „Armeen“ näher anzuschauen – Gemeint sind unsere Gesundheitssysteme.

Ein Gesundheitssystem setzt sich aus Organisationen, Institutionen, Ressourcen und Personen zusammen, deren Hauptziel es ist, unser aller Gesundheit zu fördern. Es gibt drei Basistypen an Gesundheitssystemen: Das nationale System, das Krankenversicherungssystem und das liberale System. Diese unterscheiden sich vor allem in den folgenden Fragen:

„Wer organisiert und finanziert das Gesundheitssystem?“ Ist es der Staat, handelt es sich um ein nationales System. Ist es ein privater Träger, haben wir es mit einem liberalen System zu tun.

„Welches Ziel verfolgt das Gesundheitssystem?“ Wenn eine große Menge an Leistungen das Ziel ist, handelt es sich um ein nationales System. Geht es um die Qualität der Leistungen, spricht man von einem liberalen System.

„Wie werden die Zuwendungen im System organisiert?“ In einem nationalen System sind die Leistungen innerhalb des Systems für alle gleich zugänglich. Wenn sich die Zuwendungen nach einer Freizügigkeit der Leistungen richten, haben wir es mit einem liberalen System zu tun.

Die nationalen und liberalen Systeme sind gegensätzlich, während das Krankenversicherungssystem zwischen den beiden Polen hin- und herschwankt. Das Krankenversicherungssystem, auch das Bismarck’sche Modell genannt, wurde in den 1880er Jahren in Deutschland entworfen, und verkörpert die Logik einer Versicherung : Die Leistungen werden an diejenigen ausgezahlt, die gegen ein bestimmtes Risiko versichert sind. Es existiert aber auch ein nationales Gesundheitssystem, welches 1942 durch den Plan Beveridge entstanden ist. Hier werden die Leistungen an diejenigen ausgezahlt, die sie benötigen. Das System basiert auf dem „3U-Prinzip“: Universalität, Uniformität, Unität. In Europa sind es diese nationalen oder kombinierten Systeme, die basierend auf der Versicherungs- oder Bedarfslogik, nach Beveridge oder Bismarck, funktionieren.

Die Funktionsweise ist von Land zu Land unterschiedlich

Die europäischen Staaten lassen sich in fünf Gruppen unterteilen:

Die skandinavischen Länder und das Vereinigte Königreich sind mehr als ihre europäischen Nachbarn dem Beveridge-System zuzuordnen. Sie verfügen über ein bedarfsorientiertes Gesundheitssystem, das durch den Staat betrieben, und steuerlich finanziert ist. In diesem System ist die Bewegung des*der Patient*in, der*die vor jeder medizinischen Behandlung eine*n Ärzt*in aufsuchen muss, äußerst langwierig; aber dafür wird jeder Krankheitsfall kostenlos behandelt. Die Ärzt*in erhält sein*ihr Gehalt vom Staat und wird durch eine Pro-Kopf-Pauschale vergütet. Darüber hinaus geben die skandinavischen Länder und das Vereinigte Königreich weniger Geld für ihr öffentliches System aus und schreiben der Prävention dagegen eine wichtige Rolle zu. Der wesentliche Unterschied zwischen diesen beiden Gesundheitssystemen besteht im Grad der Verwaltung: dezentralisiert für das skandinavische System, zentralisiert für das Britische.

Die Südländer – Portugal, Spanien, Italien und Griechenland – bilden dagegen eine schwieriger zu bestimmende Kategorie, da es sich um ein kombiniertes System handelt. Bereits seit den 80er/90er Jahren versuchen diese Staaten mühsam, eine Transition vom Bismarck’schen Modell hin zu einem Beveridge-System zu vollziehen, vor allem durch eine Vereinheitlichung der verschiedenen Gesundheitskassen. Jedoch haben kritischen Phasen wirtschaftlicher Schwäche sowie fragile staatliche Strukturen zu einer maßgeblichen Verzögerung der Transition geführt, ohne die Länder vom Wunsch nach einem leistungsstarken System abzubringen. Spanien und Italien besitzen im weltweiten Vergleich die höchste Lebenserwartung, was einerseits auf die jeweiligen Gesundheitssysteme zurückzuführen ist, aber auch auf kulturelle Praktiken und Lebensweisen der Bürger*innen.

Die slawischen Staaten des ehemaligen Ostblocks versuchen sich an einer gegensätzlichen Transition. Zunächst auf dem nationalen sowjetischen Gesundheitssystem, dem Siemaszko-Modell, aufgebaut, schreitet heute die Liberalisierung ihrer Systeme immer weiter voran und steuert seit den 90er/00er Jahren ein Bismarck’sches Modell an. Das schwache Wachstum verlangsamt jedoch den Übergang bis heute, obwohl die mittlerweile zur EU gehörenden Staaten meist rigoros den liberalen Richtlinien folgen.

Die ehemals fränkischen Länder - Frankreich, Belgien, die Niederlande, Deutschland und Österreich haben sich eindeutig für ein Bismarck‘sches Modell entschieden. Die Systeme funktionieren über verschieden angelegte Kassen (Krankenversicherung, Rentenkasse), in die die Einzahlung verpflichtend ist. Zudem werden die Ärzt*innen nach Behandlungen bezahlt, die Patient*innen können relativ einfach ihre*n Ärzt*in wechseln, und Spezialist*innen können auf direktem Wege konsultiert werden. Dennoch haben diese Staaten Schwierigkeiten, ihr liberales System zu reformieren um die Ungleichheiten und Hürden ausgleichen, die durch ihre eigenen Modelle entstanden sind.

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