Es steht nicht gut um die europäische Einheit. Das Gespenst des Grexits geht wieder um. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, wird bald im Vereinigten Königreich gewählt. Die UKIP könnte viele Stimmen hinzugewinnen und David Cameron selbst hat ein EU-Referendum für 2017 angekündigt. Kommt also nach dem Grexit der Brexit? Löst sich das politische Europa gerade auf?

Düstere Aussichten: Grexit, Brexit, Rechtspopulismus

Die Griechenlandkrise will nicht enden und schon ist wieder die Rede vom Grexit, dem Ausscheidens Griechenlands aus der Eurozone. In Großbritannien finden im Mai Wahlen statt und in England gewinnen europafeindliche Ansichten mehr und mehr an Popularität. Nigel Farage von der United Kingdom Independence Party strebt die komplette Auflösung der Europäischen Union an. Selbst David Cameron, der konservative Regierungschef, hat seinen Wählern ein Austrittsreferendum für das Jahr 2017 versprochen, sollte er diesen Mai wiedergewählt werden. In Frankreich fährt Marine Le Pen mit ihrem Front National bei den Europa- und Regionalwahlen einen Wahlsieg nach dem anderen ein. In Italien spielt sich ein Ex-Komiker zum politischen Erlöser auf, der die Menschen von der Korruption der alten Parteien befreien will. Doch schaut man genauer hin, hat Beppe Grillo auch nicht mehr zu bieten als Anti-EU-Populismus und rückwärtsgewandte nationalistische Vorstellungen. In Deutschland gibt es erstmals eine Partei rechts von CDU/CSU, die dem politischen Projekt der Einigung Europas feindlich gegenüber steht und Chancen auf den Einzug in den Bundestag hat.

Es scheint so, als ob sich große Teile Europas in das Zeitalter der geordneten, gesellschaftlich homogenen Nationen zurücksehnen. Tatsächlich hat dieses Zeitalter aber nie wirklich existiert und als es ansatzweise existierte, herrschte nur Tod und Verderben. Europäer brachten sich aufgrund von bunten Stofftüchern, genannt Flaggen, gegenseitig um. Das Rad der Geschichte wieder zurück zu drehen und die Europäische Union abzuschaffen, wäre nichts anderes als eine geopolitische Kastration Europas. Es hätte mit Sicherheit nicht die Folgen für die Menschen, die sich manche Europagegner erhoffen.

Die Welt wartet auf niemanden

Im Jahre 1950 lebten in Europa 20% der Weltbevölkerung. Heutzutage sind es gerademal etwa 10%. Dadurch und durch den technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt in allen Teilen der Welt hat Europa global an Einfluss verloren. Dieser Prozess des Machtverlusts begann schon Mitte des 19. Jahrhunderts, als europäische Mächte praktisch die ganze Welt beherrschten. Will man die globale Bedeutung eines Landes quantifizieren ist die Anzahl seiner Einwohner ein guter Ausgangspunkt. Es gibt einen Grund, warum Österreich und Belgien trotz hohen Lebensstandards keine Weltmächte sind. Die mächtigsten Staaten auf der Erde sind heute die USA und China. In China leben ungefähr 1,3 Milliarden Menschen. Die USA haben ungefähr so viele Einwohner wie die ehemalige Sowjetunion, nämlich 300 Millionen. Sollte China irgendwann flächendeckend das selbe Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung wie die USA erreichen, wird China die unangefochtene globale Weltmacht Nummer eins sein. Doch was ist mit Europa?

Das Europa der Zwerge, Ameisen und Amöben

In Deutschland, der größten Nation der Europäischen Union leben ungefähr 80 Millionen Menschen, in Frankreich, Großbritannien und Italien je etwa 60 Millionen, in Spanien und Polen um die 40 Millionen, danach folgt die Mehrheit der Europäischen Nationen mit Werten um die 10 Millionen oder deutlich weniger. Setzt man chinesische, indische, brasilianische oder gar indonesische Bevölkerungsmaßtäbe an, erscheint selbst Deutschland höchstens als Riesenzwerg. Die Bevölkerung von ganz Europa, knapp eine halbe Milliarde, würde mehr als zweimal in Indien oder China Platz finden. Immerhin hätte ein solches Europa aber 200 Millionen Einwohner mehr als die USA und die sind immerhin Supermacht. Europa wird aber nicht als Weltmacht gesehen, weil es das politisch vereinte Europa eben nicht gibt. Die EU setzt sich zusammen aus einzelnen Nationen, die sich alle eine eigene Armee und eine eigene Außenpolitik leisten, was eigentlich einer immensen Geldverschwendung gleichkommt. Der Rest der Welt nimmt von der Uneinigkeit Europas Notiz und sieht nicht einen europäischen Riesen vor sich, sondern einen wilden Haufen von eingebildeten Zwergen, Ameisen und Amöben. Zu versuchen die Souveränität, die die europäischen Nationen einst hatten in der aktuellen Situation wieder herzustellen ist eine volkommen realitätsfremde Idee. Die Frage ist nicht ob wir in Zukunft von Brüssel oder Berlin aus regiert werden. Die Frage ist, werden wir in Zukunft von Brüssel, Washington, Moskau, oder Peking aus regiert?

Die Europäische Union muss sich ändern

Ein durchschnittlicher wahlberechtigter EU-Bürger zeigt wenig Interesse an Geopolitik und die Skepsis gegenüber der Idee einer gesamteuropäischen Regierung ist groß. Es mangelt an europäischer Identität, Gemeinschaftsgefühl und viele Probleme werden primär durch die nationale Brille gesehen. Hier könnte die Politik eine aktive europäische Kulturpolitik betreiben, anstatt den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen. Sie könnte die Sprachförderung in den Schulen ausbauen oder gesamteuropäische Medien fördern (nach dem Vorbild von Arte und Euronews).

Sowohl das Europaparlament als auch die Europäische Kommission - mit ihrem jetzt demokratisch legitimierten Präsidenten - müssen in Zukunft mehr Macht bekommen. Es kann nicht sein, dass die wirklich wichtigen Entscheidungen nur im Europäischen Rat getroffen werden, ohne gesamteuropäisch-demokratische Legitimation.

Die Union und ihre Mitgliedsstaaten müssen anfangen, ihre eigenen geopolitischen Interessen konsequenter und mit mehr Gemeinsinn zu verfolgen, ohne sich von den USA oder Russland für deren Interessen einspannen zu lassen.

Man muss aufhören, wirtschaftlich kriselnde europäische Länder zum Rückbau des Sozialstaates nach neoliberalen Rezepten zu zwingen. Das kontinentaleuropäische Sozialmodell ist eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Weil das Paradigma eben eine Wirtschaftspolitik für die Allgemeinheit, also die Mehrheit war. Wer Europa dafür benutzt, eine Politik durchzusetzen, die den Lebensstandard für die Mehrheit senkt, braucht sich nicht wundern, wenn die Menschen sich von Europa abwenden.

Gemeinsam stärker

Angesichts der Herausforderungen, die Europa gegenwärtig vor sich hat, lohnt sich ein Blick in die Geschichte, ein Blick auf die Tradition der Sozialen Marktwirtschaft, ein Blick auf die Wurzeln der europäischen Einigung, der erneut bewusst macht: die Europäer dürfen mit Stolz auf diese Union blicken. Deshalb mein vielleicht naiver Appell an alle: Benutzt Europa für das Gute und erfüllt den Europäischen Traum aufs Neue mit Leben.