Europa, Frankreich und die Regionalsprachen

eine komplizierte Angelegenheit

, von  Eurosorbonne, Maxime Verrier, übersetzt von Stefanie Hock

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Europa, Frankreich und die Regionalsprachen
Zweisprachige Straßenschilder in der Betragne. Foto: Author: unknown / Wikimedia / Public Domain

Die europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen ist von vielen Staaten ratifiziert worden, jedoch nicht von Frankreich. Historische Gründe führen dazu, dass Frankreich Französisch privilegiert. Trotzdem halten manche Regionen ihre Traditionen aufrecht und klammern sich an ihre Regionalsprachen.

Am 27. Oktober 2015 hat der Senat den Ratifizierungsprozess der europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen abgebrochen. Ein Rückfall für die Verfechter und die Erfolge dieser Charta, die 2012 von Francois Hollande (Punkt 56) während seiner Kampagne verteidigt wurde. Die Charta der Regional- oder Minderheitensprachen ist ein Text, der 1992 von dem Ministerkomitee des Europarats angenommen wurde, und 1998 in Kraft trat. Sie soll die Regional- und Minderheitensprachen in der Öffentlichkeit schützen, die von den Mitgliedstaaten, die sie ratifizierten, selbstständig identifiziert werden. Es handelt sich daher um die gezielte Präsenz dieser Sprachen in den Medien, die Vereinfachung der Lehre dieser Sprachen sowie ihnen Schutz sowie Anerkennung zu garantieren. Diese Charta stellt den Staaten überdies eine Liste von Aktionen zur Verfügung, die sie im Rahmen dieser Charta ausführen können: Sie können die Sprache rechtlich anerkennen lassen, bilinguale Schulen gründen, oder auch eine zweisprachige Straßenbeschilderung einrichten.

Innerhalb des Europarats besitzt die Charta ein dafür vorgesehenes Sekretariat, dass über die angemessene Anwendung wacht. Die Arbeit des Sekretariats ergänzt die Arbeit der „Abteilung für Sprachpolitik“ des Europarats, die auf die Unterstützung der Mehrsprachigkeit achtet, vor allem in der Bildung: Es ist die jene Institution, die den Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GeRS) entwickelt hat, der heutzutage über die Grenzen Europas hinaus verwendet wird, um Sprachkenntnisse zu evaluieren. Daher, abgesehen davon, dass die Europäische Union 24 offizielle Sprachen besitzt, auch wenn der Europarat nur über zwei verfügt, ist es eher die „Abteilung für Sprachpolitik“, die den Schutz der Sprachen überwacht und in unterschiedlichen Bevölkerungen die Vielsprachigkeit bewirbt.

Bisher wurde diese Charta von 25 Staaten unterschrieben und ratifiziert, acht davon haben sie unterschrieben, ohne sie zu ratifizieren und vierzehn haben sie weder unterschrieben noch ratifiziert. Während der Ratifizierung müssen die Staaten die Regional- und Minderheitensprachen angeben, auf die sie die Charta anwenden wollen. Sie haben nicht die Möglichkeit Sprachen auszuwählen, die durch Immigration ins Land kamen, aber sie können stattdessen nicht-territoriale Sprachen bestimmen: Daher ist es in manchen Ländern wie in Deutschland und Serbien der Fall, dass Romani geschützt ist. In der Schweiz ist Italienisch, eine der offiziellen Sprachen des Landes, im Rahmen der Charta geschützt.

Warum haben die Franzosen die Charta nicht ratifiziert?

Frankreich hat sich als Einheitsstaat seit dem „Ancien Régime“ (absolutistische Herrschaft von Ludwig XIV) konstituiert. Diese Einheit hat sich sehr früh im Sprachplan niedergeschlagen: Seit 1539 hat die Anordnung von Villers-Cotterets Französisch als administrative Sprache des Reichs festgelegt. Unter der Revolution, obwohl nur 20% der Franzosen die französische Sprache gesprochen und verstanden haben, hat sich die Zentralisierung, unter dem Mantel des Willens der Staatseinheit, daran gemacht die Regionalsprachen zu attackieren. 1794 hat der Mönch Gregor einen Bericht über die Notwendigkeit der Unterdrückung der Regionalsprachen zugunsten der Nationalsprache veröffentlicht. Anschließend hat der Beginn der obligatorischen Bildung in den 1870er Jahren eine große Rolle in der Lehre und der Generalisierung der Verbreitung der Nationalsprache gespielt. Dabei entwickelten sich sehr offensive Praktiken gegen die Regionalsprachen in den unterschiedlichen Provinzen, um diese außerhalb der Schule zu halten: Ein Symbol ging in den Klassen zwischen den Schülern umher, die ihre Regionalsprache gesprochen haben und wer es am Ende des Tages hatte wurde bestraft. Diese Vorgehensweise der Erniedrigung und Exponierung der betroffenen Schüler*innen hatte zum Ziel die Regionalsprachen gleichermaßen herabzuwürdigen sowie sie aus den Institutionen fernzuhalten. Es hat sich eine schleichende reale Abwertung der Regionalsprachen in den Köpfen der Gesellschaft eingenistet, sodass diese Sprachen quasi aus Frankreich verschwanden. Sie werden daher heutzutage eher mit Altertümlichkeit assoziiert als mit Tradition.

Selbst wenn die Regionalsprachen in der Verfassung von 2008 als Teil des Erbe Frankreichs genannt sind, bleibt die Sprache der Republik laut Artikel 2 (seit 1992) Französisch. Die häufig anzutreffenden entschiedenen Gegner*innen der Regionalsprachen, ob aus dem linken oder rechten Lager, fürchten dass deren Anerkennung der Einigkeit des Landes schaden würde. Sie fürchten auch die Ungleichheit vor dem Gesetz zwischen den Bürger*innen, die sich in einer Regionalsprache ausdrücken würden gegenüber der Verwaltung und denen, die diese Möglichkeit nicht hätten. Darüber hinaus bereitet die Bezeichnung „Minderheitssprache“ dem französischen republikanischen Modell Kopfzerbrechen. Tatsächlich ist der Gedanke dieser Charta wie auch in Deutschlang eher mit einer ethnischen als einer gesellschaftlichen Vorstellung der Nation verbunden. Unterstützer dieser Vorstellung von Minderheiten verbinden mit einem Volk eine Sprache. Deshalb ist es in Deutschland ein und dasselbe Büro, dass sich sowohl mit den Regional- als auch den Minderheitssprachen sowie mit den deutschen ethnischen Minderheiten, die in Osteuropa leben beschäftigt. Daher könnte die Vorstellung, dass beispielsweise Elsässisch ein deutscher Dialekt ist dazu führen, dass die Elsässer eigentlich zur deutschen Ethnie gehören. Wie sieht es heutzutage mit den Regionalsprachen in Frankreich aus? Seit 2001 wacht die Allgemeine Delegation für die französische Sprache und die Sprachen Frankreichs als ein Teil des Kulturministeriums über die Unterstützung, den Schutz und die Lebendigkeit der französischen Sprache und der „Sprachen Frankreichs“. Dieser Begriff bezeichnet einerseits die Regionalsprachen, andererseits jene Sprachen, die durch Einwanderung Einzug gefunden haben sind („nicht-territorialen Sprachen“), so beispielsweise die arabischen Dialekte, das westliche Armenisch oder Jiddisch. Darüber hinaus bietet das nationale Gesetz, unter der Garantie des Vorrangs der französischen Sprache (namentlich mit der Bezeichnung "Recht auf Französisch), der Gemeinschaft, die das wünscht, die Möglichkeit ihre Regionalsprachen zu nutzen.

Außerdem profitieren die Regionalsprachen von einer gewissen Präsenz in der Bildung und in der Lehre. Über das Bildungsangebot in der Regionalsprache (wie die Schulen Diwan in Britannien) von schulischen Netzwerken hinaus, besitzen manche öffentliche Einrichtungen bilinguale Klassen, die ihren Schüler*innen die Möglichkeit bieten gleichzeitig auf Französisch und in einer Regionalsprache zu lernen. Daher existiert auch für diese Sprachen ein spezifisches CAPS (eine Prüfung für angehende Sekundarschullehrer*innen in Frankreich) und die Aggregation in einer Regionalsprache soll 2018 ermöglicht werden. Nichtsdestotrotz bleibt die derzeizige Situation relativ vielfältig, was nicht nur stark mit der Nationalgeschichte zusammenhängt, sondern auch mit der Sprachgeographie. Es ist nämlich zu sagen, dass manche Sprachen schlicht präsenter sind als andere und bedeutungsvoller. Zum Beispiel steht das Bretonische auf einer Vielzahl von Verkehrsschildern und ist Teil der Volkskultur. Dennoch wird diese Sprache historisch gesehen nur im Westen der Bretagne gesprochen, während im Osten „Gallo“ gesprochen wird, was wiederum keine Begeisterung hervorruft.

Dieses Phänomen ist mit der historischen Identität mancher Regionen in Verbindung zu setzen, wie in der Bretagne und dem Baskenland. Es scheint auch so, als hinge es mit den Sprachen selbst zusammen. Die Regionalsprachen, die noch am stärksten präsent und geschützt sind, sind diese die einer anderen Sprachgruppe zuzuordnen sind (wie beispielsweise Bretonisch und Baskisch) oder die mit einer anderen Standardsprache verbunden sind (Korsisch, das ans Italienische angelehnt ist), während vor allem die Sprachen der „Langue d’Oil“ (Gesamtheit nordfrz. Dialekte) am wenigstens gesprochen und verteidigt worden sind, zu der auch Französisch gehört. Es war für die Verfechter der Frankophonie einfacher die Menschen, die Pikardisch, Burgundisch oder die Sprache aus der Region Champagne sprachen, davon zu überzeugen, sich in einem schlechten Französisch auszudrücken als die Sprecher komplett andere Sprachen. Daher kommt die negative Konnotation des Begriffs „Mundart“.

Und in Übersee?

Die Situation in den Überseedepartements ist nochmal zu differenzieren. In Guadeloupe, Martinique, Guyane und La Réunion spricht man Kreolisch auf der lexikalischen Grundlage des Französischen. In diesen Territorien hat sich das Französische nicht auf die gleiche Art und Weise Anklang durchgesetzt. Für viele stand seit dem 19. Jahrhundert Französisch als Synonym für sozialen Aufstieg, also sich die Sprache der kolonialen Elite anzueignen und damit die Verbindung mit der Republik zu akzeptieren. Aber vor allem handelte es sich durch die Aufgabe des Kreolischen um eine Art die schmerzliche Zeit der Sklaverei hinter sich zu lassen.

Nichtsdestotrotz, aufgrund der geographischen Entfernung der Territorien zu Frankreich und ihrer besonderen Geschichte, hat das Phänomen des „Französisch sprechen, um es nach oben zu schaffen“ nicht den gleichen Umfang, was den Kreolen dazu verhalf fortzubestehen und sich mit der Zeit zu wichtigen konstitutiven Elementen der lokalen Kulturen zu entwickeln. In Mayotte, Neukaledonien, im französischen Polynesien und in der Wallis-et-Futuna (frz. Territorium auf den Fidschiinseln) koexistieren Französisch und die Sprachen, die vor der französischen Präsenz gesprochen wurden. In diesen Territorien, aus dem zweiten französisch Kolonialreich stammend, in denen die Einwohner*innen die französische Staatsbürgerschaft in der Nachkriegszeit erhielten hat das Französieren von der gesamten Bevölkerung viel später eingesetzt und die lokalen Sprachen werden weiterhin häufig und auf alltägliche Weise neben Französisch in der Öffentlichkeit, sowie in manchen Verwaltungen benutzt.

Dieser Artikel wurde ursprünglich bei Eurosorbonne veröffentlicht.

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