Der Konflikt um die Ukraine hat die außenpolitische Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Union erheblich beschleunigt. Europa spricht in diesen Tagen mit einer Stimme - gegenüber Wladimir Putin, aber auch Falken in den Vereinigten Staaten. Die gemeinsame Außenpolitik könnte in dieser Krisenzeit eine neue Qualität erreichen. Doch dafür muss die EU ihre Rolle als machtpolitischer Akteur akzeptieren. Ein Kommentar

Nicht lange ist es her, dass Kommentatoren die Europäische Union zum Zaungast auf internationalem Parkett erklärten. Geschwächt durch die Staatsschuldenkrise sei Europa unfähig zur Geschlossenheit oder gar einer gemeinsamen außenpolitischen Strategie. Doch in diesen Tagen, in denen uns Bilder der Eskalation, Bilder der Gewalt, Bilder der Anarchie aus der Ukraine erreichen, vollzieht sich eine bemerkenswerte Wandlung. Im Gegensatz zu vergangenen Konflikten zieht die Europäische Union außenpolitisch an einem Strang: Druck und Dialog ist die unangefochtene Linie gegenüber Russland. Eine militärische Option ist und bleibt kategorisch ausgeschlossen.

Druck und Dialog

Statt der unterschiedlichen Interessen der Mitgliedsstaaten stehen nun gemeinsame Lösungsansätze im Vordergrund. Die gemeinsamen Sanktionen sind beschlossen, die Türen für Diplomatie damit jedoch keineswegs geschlossen. Der Vorschlag einer Energieunion des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk schafft zudem eine langfristige Perspektive, um durch eine stärkere europäische Kooperation Abhängigkeiten in den Außenbeziehungen zu vermindern.

Es brauchte für diesen Wandel zunächst bittere Erkenntnisse. Einerseits die Hilflosigkeit des Westens angesichts der eskalierenden Gewalt in der Ukraine. Andererseits einen undurchsichtigen russischen Präsidenten, der das europäische Leitbild der Stärke des Rechts auf der Krim konterkarierte. Wieder einmal zeigt sich: Europa ist aus der Krise geboren. Und Europa wird in der Krise zusammenwachsen.

Konsequenzen aus der Krise

In einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe der ZEIT beschreibt Luuk van Middelaar, Autor des Buches „How a Continent Became a Union“ und Redenschreiber des Präsidenten des Europäischen Rates Herman Van Rompuy, ein Wiederaufleben der politischen Einheit Europas. In Bezug auf die Außenpolitik Europas folgert van Middelaar:

„Im Fall der Ukraine hat Europas Erweiterungs- und Nachbarschaftspolitik ihre Grenzen erreicht – sowohl geografisch als auch konzeptionell. Europa will eine Kraft sein, die auf seine Nachbarn normativ anziehend wirkt – und sieht nicht, dass es dadurch seinerseits Macht ausübt. Diese Selbstverleugnung wird nun unhaltbar. […] Ob sie es wollen oder nicht, die Staaten Europas müssen sich der Einsicht stellen, dass sie gemeinsam ein machtpolitischer Akteur sind.“

Aus dieser Einsicht erwächst Verantwortungsbewusstsein. Ein Verantwortungsbewusstsein, das in den Verhandlungen um das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine womöglich zu kurz kam. Es ist eine Lektion für die Zukunft, dass die Erweiterung der Europäischen Union nicht nur einen Export von Werten und Normen, sondern eine geopolitische Dimension darstellt. Dies gilt sowohl in der eigenen Wahrnehmung als auch der Fremdwahrnehmung der europäischen Gemeinschaft.

Darüber hinaus unterstreicht die Erkenntnis der eigenen machtpolitischen Bedeutung das Bedürfnis nach einer gemeinsamen strategischen Außenpolitik. Europa braucht mehr als Werte und Normen, um als politische Einheit nach außen zu wirken. Eine Außenpolitik aus einem Guss verfolgt konkrete Ziele in der internationalen Klimapolitik, der Ausgestaltung von strategischen Partnerschaften und in der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Aller Gewissheit nach wird es schwierig, diese Interessen unter den 28 Mitgliedsstaaten auszutarieren. Doch im Grundsatz muss gelten: Gemeinsame Interessen und daraus folgend Strategien sollten in Zukunft dafür sorgen, dass Europa enger zusammenrückt. Nicht das gemeinsame „Feindbild“ Wladimir Putin.

Die europäische Antwort auf die Ukraine-Krise - ein Rückfall in Scharmützel des vergangenen Jahrhunderts - sollte eine gemeinsame Außenpolitik für das 21. Jahrhundert sein.