,,Europa als Garten”: Von Unwissen, Unverständnis und neuen Perspektiven

, von  Justus Jansen

,,Europa als Garten”: Von Unwissen, Unverständnis und neuen Perspektiven
Ein Garten in der Nähe des Comer Sees, Italien Foto: Unsplash / Shalev Cohen / Unsplash Lizenz

Justus Jansen analysiert die Analogie der Aussage des EU-Außenbeauftragten Borrell, Europa sei ein „Garten“. Was als Randbemerkung daherkomme, gäbe bei näherer Betrachtung Auskunft über das Welt- und Europabild des europäischen Spitzendiplomaten.

Was sagt Borell?

„Europe is a garden. We have built a garden. Everything works. [...] The rest of the world [...] is not exactly a garden. Most of the rest of the world is a jungle, and the jungle could invade the garden.“

So äußerte sich Josep Borrell, der Hohe Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, bei einer Veranstaltung des College of Europe im Oktober. Was als Randbemerkung daherkommt, gibt bei näherer Betrachtung Auskunft über das Welt- und Europabild des europäischen Spitzendiplomaten, der seit dem 1. Dezember 2019 Außenbeauftragter der EU ist und qua Amt die außenpolitischen Belange der EU vertritt.

Josep Borrell Fontelles, Vize-Präsident der EU-Kommission und Hoher Beauftragter der EU für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik am 13 Oktober 2022 am College of Europe in Brügge (Foto: European Union, 2022 / Christophe Licoppe / Copyright)

Hintergründe und Weltbilder der Garten-Analogie

1.) ,,Europe is a garden‘‘

Europa ist nach Borell ein Garten. Sofort kommen uns hier positive Assoziationen in den Sinn: der Garten Eden, ein Schlossgarten – vielleicht von Sanssoucis oder Muskau? - oder wenigstens der gut gepflegte Garten eines kleinbürgerlichen Reihenhauses. Präzise gemähter Rasen, gerade Hecken, ein Schotterweg und zur Eingrenzung ein Zaun drumherum. Besonders was den Zaun betrifft mag Borell Recht haben, blickt man auf das Gebaren der EU an ihren Außengrenzen. Doch mit dem erwähnten Vergleich tut Borell der EU eigentlich Unrecht. Weder ist die kulturelle und politische Vielfalt Europas, diese unbeschreibliche Diversität zwischen Porto und Paderborn, noch die politischen Gegebenheiten innerhalb der EU, die immer wieder abseits von Plänen und geraden Wegen funktionieren, hinreichend mit diesem Vergleich abgebildet.

2.) ,,We have built a garden‘‘

Zweitens ist dieser Garten laut Borell ganz eigenständig errichtet worden. Auch das ist eine sehr einseitige Sicht auf die Dinge. Offenbar hat Borell‘ gänzlich vergessen, dass es die wirtschaftliche Hilfe der Westalliierten war, die wesentlich dazu beigetragen hat Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufzurichten und so den Grundstein für die europäische Integration nebst wirtschaftlichen Erfolg der folgenden Jahrzehnte gelegt hat. Ebenso lässt Borell‘ außer Acht, dass der kontemporäre wirtschaftliche Erfolg Europas ganz wesentlich auf dem - zuweilen ausbeuterischen - Handel mit der gesamten Welt – als auch mit dem ,,Dschungel‘‘ – basiert, sodass die Aussage, nach der ,,wir‘‘ den ,,Garten Europa‘‘ selbst gebaut haben sehr einseitig daherkommt. Auch die Annahme der ,,Bau‘‘ Europas sei abgeschlossen (,,wir haben gebaut‘‘) stimmt nicht, schließlich bleibt Europa ein dynamisches Projekt, das fortwährender Entwicklung unterliegt.

3.) ,,Everything works‘‘

Drittens ist dieser angeblich selbst-errichtete Garten angeblich auch noch ein Ort, an dem alles funktioniere. Wenngleich eine verlockende Vorstellung, handelt es sich hierbei um eine ausgewachsene Hybris. Wo funktioniert schon alles? Borell scheint vollends vergessen zu haben, vor welchen Herausforderungen Europa steht und dass sich Europa – folgt man dem ehemaligen Kommissionspräsidenten Juncker – in einer Zeit der ,,Polykrisen‘‘ befindet. Wenngleich im Europa unserer Tage viele Schritte in richtige Richtungen gemacht werden und wenngleich vieles gut läuft, ist es – das macht die vorgebrachte Aufzählung deutlich – in jederlei Hinsicht angezeigt in Bezug auf die Funktionsfähigkeit der EU ein wenig selbstkritischer und demütiger zu argumentieren.

Das Bild des Dschungels

Wie bereits erwähnt, kontrastiert Borrell den angeblich selbstgebauten, funktionierenden Garten Europa mit ,,dem großen Teil der restlichen Welt‘‘, den er als ,,Dschungel‘‘ bezeichnet. Setzt man diese beiden Zuschreibungen in Verbindung, dann liegt der Verdacht nahe, Borell könnte mit seiner Aussage vor allem die Länder des sog. Globalen Südens meinen. Offenbar verkennt Borell dabei vollständig die Gesellschaftsrealitäten in den Ländern des sog. Globalen Südens, denen hier durch den Vergleich mit einem ,,Dschungel‘‘ Attribute wie ,,unstrukturiert‘‘, ,,wild‘‘ und ,,exotisch‘‘ zugeordnet werden. Diese Zuschreibungen sind allerdings nicht nur rassistisch, weil sie koloniale Narrative von ,,den Wilden‘‘, die es angeblich zu ,,zivilisieren‘‘ gelte, wiederholen, sondern sie verkennen auch die Realität in diesen Ländern. Kaum ein Land ist tatsächlich ein ,,Dschungel‘‘ und ,,undurchdringbar‘‘ oder ,,wild‘‘. Allein, es gelten hier und da andere Gebräuche, andere kulturelle Gegebenheiten und andere Mentalitäten. Diese werden erst ,,wild‘‘ oder ,,exotisch‘‘, wenn wir sie in Relation zu den uns bekannten Gegebenheiten setzen und unsere eigenen Gegebenheiten als ,,geordnet‘‘ und ,,normal‘‘ verstehen. Genau das tut Borell.

Und selbst wenn man eine mögliche Verteidigung Borrells‘ vorwegnimmt, die darauf abstellen könnte, er habe den ,,Dschungel‘‘ überhaupt nicht negativ konnotieren wollen, bleibt es hier doch bei einem Europabild, das auf Abgrenzung zweier verschiedener Vegetationszustände baut.

Viel erschreckender als der Dschungel-Vergleich ist der Hinweis darauf, dass diese Form der ,,Vegetation‘‘ womöglich invasiv auf den ,,Garten Europas‘‘ einwirken könnte. Borell schürt hier eine vom politisch rechten Lager immer wieder vorgebrachte Angst vor ,,Kultur- und Identitätsverlust‘‘ durch Einwanderung, von der aber in der Realität aber keine Rede sein kann.

Borrells Welt- und Europabild: Ein Europa der Abgrenzung

Josep Borell ist bei alledem jedenfalls nicht der Vorwurf zu machen, er hätte jenes verengte Europabild eigenhändig konstruiert. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass europäische Selbstbilder in vielen Fällen auch zugleich Abgrenzungsbilder waren. ,,Der Europäer‘‘ und ,,Europa‘‘ wurden immer wieder durch Abgrenzung zu etwas ,,Anderem‘‘ definiert. Um diese These zu verifizieren genügt ein Blick in die Geschichte: Eine der ersten Erwähnungen von ,,Europäern‘‘ ist im Jahre 754 in der Mozarabischen Chronik zu finden, wo mit ,,Europenses‘‘ die Franken, Langobarden, Sachsen und Friesen auf ihrer Mission die Expansion der Araber zu stoppen gemeint sind. Später war ,,Europa‘‘ wahlweise ein Abgrenzungsbegriff gegen das Byzantinische Reich, gegen die Ostkirchen, im 15. Jahrhundert gegen die ,,Türkengefahr‘‘, in der frühen Neuzeit, als der Handel mit China blühte, gegen ,,die Asiaten‘‘ und in der Kolonialzeit gegen ,,die Wilden‘‘, womit die afrikanischen Hochkulturen gemeint waren. Immer wieder gerne ins Feld geführt wird dabei die angeblich christliche Prägung Europas, das gern gewählte Attribut des ,,vernunftgeleiteten‘‘ Europas und schließlich das Abheben auf die Errungenschaften des Römischen Reiches.

Alternative: Ein ganzheitlicher Europabegriff

Doch weil wir uns dem Anspruch der konstruktiven Kritik verpflichtet fühlen, möchten wir diesen Artikel nutzen, um eine Alternative zu dem auf Distinktion und Abgrenzung beruhenden Europabildes zu präsentieren. Dafür ist besonders die Abkehr von der Vorstellung notwendig, Europa müsse sich abgrenzen. Schon eine geografische Eingrenzung Europas ist kaum vorzunehmen, denn bei umfassender Betrachtung wird man europäische Spurenelemente bis weit hinter den Ural und in viele Länder Nordafrikas verfolgen können. Für eine Abgrenzung wären Maßstäbe anzulegen, die aber in nahezu keinem Falle wirklich treffend und allumfassend sind – allerhöchstens ließe sich ein nordafrikanisch-eurasischer Kulturraum definieren, der aber weit über das hinausgeht, was wir heute unter ,,Europa‘‘ verstehen wollen.

Auch die Konzeption eines ,,Europas der drei Hügel‘‘ verkennt einige Wesentlichkeiten der Geschichte. Hier wird nämlich besonders auf Gottglauben (Hügel Golgatha), Vernunftdenken (Hügel Akropolis) und Rechtsdenken (Hügel Kapitol) abgestellt. Völlig vergessen bleibt aber, dass weder Gottglauben, noch Vernunftdenken, noch Rechtsdenken in Form ausgefeilter Rechtssysteme genuin europäisch sind. Schon in den alten Hochkulturen Lateinamerikas, im alten China oder im alten Indien haben ähnliche Systeme bestanden. Auch philosophische Ideen, die wir heute ganz reflexartig der griechischen Antike zuordnen würden, wurden in vielen Fällen schon Jahrhunderte vorher an anderen Orten der Welt erdacht und konzipiert. Allein – sie waren und sind uns nicht hinreichend bekannt. Unsere interkulturelle Unwissenheit steht Pate für ein verengtes Europabild.

Doch es ist nicht nur der Blick auf uns selbst, in unserer Rolle als Europäer*innen, der sich ändern sollte. Auch unser Blick auf den Rest der Welt im Allgemeinen und den sog. Globalen Süden im Besonderen muss ein anderer sein, als der von einem ,,Garten‘‘ auf einen ,,Dschungel‘‘. Vielmehr als bisher muss sich die europäische Politik und Wissenschaft – bei gleichbleibend kritisch-konstruktiver Auseinandersetzung mit der ,,westlichen Welt‘‘ – den Ländern des globalen Südens zuwenden. Dabei geht es vor allem darum, in eine interkulturelle Konversation zu treten, die auf Augenhöhe und geprägt von beiderseitigem Respekt für die jeweiligen kulturellen Gegebenheiten stattfindet. Nur ein gegenseitiges Verstehen und eine Gewöhnung an den jeweils anderen, kann dazu führen, dass auch die politische und geostrategische Zusammenarbeit auf Augenhöhe funktionieren können. Wir müssen wissen, wie die Binnendynamiken in den Ländern des sog. Globalen Südens funktionieren, wir müssen ein Verständnis entwickeln für Unterschiede und Gemeinsamkeiten und lernen, dass wir uns in unserer Qualität als Menschen ähnlicher sind als man gemeinhin anzunehmen vermag. Jedem*r Spitzenpolitiker*in, der*die sich mit Außenpolitik und Entwicklungszusammenarbeit befasst, wäre also ein mehrmonatiger Studienaufenthalt in einem Land des sog. Globalen Südens durchaus zu empfehlen. Uns vorher ,,fremde‘‘ Kulturen sollten uns nämlich nicht pauschal verängstigen, sondern wir sollten sie als Bereicherung und nicht als Invasion verstehen sollten.

Ein bedeutungsvoller Satz

Josep Borell hat sich mit seiner Äußerung in die lange Reihe der auf Abgrenzung beruhenden Europabilder eingereiht. Dabei ist weder die Einordnung Europas als selbstgebauter, funktionierender Garten, noch die Einordnung der restlichen Welt als ,,invasiver Dschungel‘‘ treffend. Eine trennscharfe Abgrenzung Europas zu anderen Teilen der Welt ist veraltet und verkennt die Realität. Eine Alternative zu veralteten und verengten Europabildern stellt eine historisch und soziologisch informierte, ganzheitliche Perspektive dar, die erkennt, dass weder eine geographische noch eine kulturelle Eingrenzung von Europa einheitlich vorzunehmen ist. Was wir Europa nennen ist vielmehr ein nordafrikanisch-eurasischer Kulturraum. Auch ein ,,Europa der drei Hügel‘‘ verkennt die kulturellen und philosophischen Errungenschaften anderer Erdteile. Doch nicht nur die Art und Weise wie ,,Europäer*innen‘‘ ,,Europa‘‘ sehen, sondern auch der ,,europäische‘‘ Blick auf die ,,restliche Welt‘‘ insb. auf den sog. Globalen Süden muss sich ändern. An Stelle des argwöhnischen und exotisierenden Blickes (,,Dschungel‘‘) muss eine neue Perspektive treten, die an Verständnis des Gegenübers, an Gespräch und an gegenseitiger Gewöhnung interessiert ist.

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