Frieden. Wohlstand. Die Überwindung nationalistischer Rivalitäten. Mit diesen Floskeln wird die Entstehung des europäischen Projekts bis heute fast reflexhaft beschrieben – in Reden zum Europatag am 9. Juni, in Schulbüchern, auf der eigenen Website der EU. Ein Blick auf die Schuman-Erklärung von 1950, das Gründungsdokument für das, was später zur EU werden sollte, ernennt ausdrücklich die “Entwicklung des afrikanischen Erdteils” als eines ihrer zentralen Ziele. Die Vereinigung Europas und die Fortsetzung kolonialer Herrschaftsbedingungen waren also von Beginn an eng miteinander verwoben. Dieser kommt in der öffentlichen Erinnerung jedoch kaum vor.
Paneuropa und Eurafrika
Der Begriff Eurafrika geht auf die 1930er Jahre zurück und wurde maßgeblich von Richard Coudenhove-Kalergi geprägt, einem Vordenker, dem die Geschichtsschreibung lange einen Ehrenplatz als Gründervater der europäischen Einigung eingeräumt hat, während sein koloniales und rassistisches Denken dabei meist ausgeblendet wurde. Der zentrale Gedanke dahinter war, dass ein Europa nur mit zentralen Weltmächten wie der Sowjetunion und den USA konkurrieren könne, wenn es zusätzlich zu seiner eigenen Industriekraft auch über die Rohstoffe und Absatzmärkte seiner Kolonien verfügte. Die Rohstoffe des afrikanischen Kontinents sowie die Arbeitskraft galten dabei als eine Art Mitgift (dowry), die die Kolonialmächte in das gemeinsame europäische Projekt einbringen sollten. Es handelte sich also nicht um eine Randnotiz, sondern um eine tragende ökonomische Kalkulation der europäischen Integration.
Wenn also paneuropäische Vordenker wie Coudenhove-Kalergi europäische Einigung und koloniale Herrschaft über afrikanische Staaten als zusammengehöriges Projekt bewarben, dann war das kein Betriebsunfall am Rande einer ansonsten fortschrittlichen Idee, sondern ihr integraler Bestandteil.
1957: Formelle Assoziierung der Kolonien
Als die sechs Gründungsstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1957 die Römischen Verträge unterzeichneten, wurden die Kolonien der Mitgliedstaaten formell mit der neuen Gemeinschaft assoziiert – darunter der belgische Kongo und Ruanda-Urundi, Niederländisch-Neuguinea, das italienische Treuhandgebiet Somalia sowie Französisch-West- und Äquatorialafrika. Algerien, zu dieser Zeit als integraler Bestandteil Frankreichs verwaltet, wurde sogar unmittelbar und vollständig in die EWG eingegliedert.
Die europäische Integration war damit von Anfang an auch ein Versuch, koloniale Wirtschaftsräume gemeinsam zu verwalten und gegen die aufkommende Dekolonisierungsbewegung abzusichern. Kwame Nkrumah, der erste Präsident des unabhängigen Ghana, zog dazu einen Vergleich, der schwer wiegt: Die Römischen Verträge stellten in vielerlei Hinsicht eine Fortsetzung der Berliner Kongo-Konferenz von 1884/85 dar: Während auf der Berliner Konferenz die koloniale Aufteilung Afrikas unter den europäischen Mächten institutionalisiert wurde, sei in Rom ein neues, neokoloniales Verhältnis zwischen Europa und Afrika geschaffen worden.
Kolonialer Ursprung und die vertraglichen Fortsetzungen
Politische Unabhängigkeit änderte an diesen wirtschaftlichen Strukturen zunächst wenig. Die Yaoundé-Abkommen (1963–1975) setzten die Handelsbeziehungen zwischen der EWG und den frisch unabhängigen ehemaligen französischen und belgischen Kolonien in Afrika fort, meist zu Bedingungen, die den alten kolonialen Handelsmustern glichen: Rohstoffexport aus Afrika, Industriegüterexport aus Europa. Mit dem britischen EG-Beitritt 1973 kamen weitere ehemalige Kolonien hinzu, und die Lomé-Abkommen (1975–2000) weiteten das Modell aus. Sie brachten einseitige Handelspräferenzen und mit STABEX einen Fonds zur Stabilisierung von Exporterlösen. Der Fond war zwar ein Fortschritt gegenüber früheren Regelungen, veränderte aber die grundlegenden ausbeutenden Verhältnisse nicht.
Eine Banknote der Zentralbank von Westafrika (BCEAO). Foto: Wikimedia Commons | Zenman | CC BY-SA 3.0
Der CFA Franc
Wie dauerhaft diese kolonialen Kontinuitäten waren, zeigt sich besonders am Beispiel des CFA-Francs. Kaum ein Symbol steht so sehr für die Fortdauer wirtschaftlicher Abhängigkeit wie die gemeinsame Währung west- und zentralafrikanischer Staaten. Im Jahr 1945 eingeführt, war sie zunächst fest an den französischen Franc gebunden, heute an den Euro. Bei seiner Einführung legte die französische Regierung einen außergewöhnlich hohen Wechselkurs fest, der die französischen Kolonien eng an die Wirtschafts- und Währungspolitik der Metropole band. Auch nach der Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien blieb diese Struktur weitgehend bestehen: Über Jahrzehnte mussten die Mitgliedstaaten der CFA-Franc-Zonen einen Teil ihrer Devisenreserven bei der Banque de France hinterlegen und verfügen dadurch nur über eine eingeschränkte geldpolitische Souveränität. Zwar wurden einzelne Elemente des Systems seit 2019 reformiert, doch die Bindung an den Euro und die Debatte über die eingeschränkte geldpolitische Souveränität bestehen bis heute fort.
Gegenwart: Die grüne Neuauflage alter Muster
Ähnliche Muster lassen sich heute im Rahmen der Energiewende beobachten. Mit dem Critical Raw Materials Act verfolgt die EU das Ziel, sich den Zugang zu Rohstoffen wie Kobalt, Lithium und Kupfer zu sichern, die für Batterien und erneuerbare Energien benötigt werden. Rohstoffpartnerschaften mit afrikanischen Staaten, etwa der Demokratischen Republik Kongo, dem größten Kobaltförderer der Welt, bieten oft Infrastrukturinvestitionen im Austausch für Rohstoffzugang, ohne dass in nennenswertem Umfang lokale Weiterverarbeitung entsteht. Die nigerianische Umweltaktivistin Nnimmo Bassey weist darauf hin, dass sich an der grundlegenden Logik Rohstoffexport ohne Wertschöpfung vor Ort wenig geändert hat, auch wenn die EU sich gerne als verantwortungsvollere Alternative zu China darstellt.
Von der Idee eines Eurafrika in der Nachkriegszeit bis zu den heutigen Rohstoffpartnerschaften lässt sich eine bemerkenswerte Kontinuität nachzeichnen: Europäischer Wohlstand und afrikanische Rohstoffe bleiben strukturell miteinander verflochten. Die EU ist kein Produkt, das den Kolonialismus überwunden hat; sie ist eines seiner Nachfolgeprojekte, das ihn europäisierte und in Neokolonialismus überführte, statt ihn zu beenden. Die Tatsache, dass diese Geschichte bis heute kaum zur europäischen Selbstbeschreibung gehört, ist Teil des Problems.


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