Zukunftsszenario: Die Nordatlantikpakt-Organisation (NATO) befindet sich ohne die Unterstützung Amerikas bis mindestens 2030 in einem Fenster der Verwundbarkeit. Sie braucht eine verbesserte Infrastruktur. Eine solche Neuaufstellung dauert. Umsetzen lässt sie sich frühestens Anfang der 2030er-Jahre – wenn nicht sogar erst 2035. Angenommen, Russlands Präsident Wladimir Putin nutzt in der Zwischenzeit seine Chance und greift Litauen an. Er testet damit, ob US-Präsident Donald Trump militärisch einschreitet. Wenn er das nicht macht: Wie verteidigungsfähig wäre Europa? Darüber haben wir mit den Politikwissenschaftlern Sven Bernhard Gareis und Frank Sauer gesprochen.
NATO-Mitglieder bereiten sich auf Ernstfall vor
Grundsätzlich sind die europäischen Streitkräfte besser ausgestattet und ausgebildet als die russischen. Im Ukraine-Krieg hat Russland jedoch mit Blick auf moderne Gefechtsführung dazugelernt. Ein Beispiel ist die spezialisierte Drohneneinheit Rubikon. In diesem Bereich habe Europa derzeit kaum vergleichbare Kenntnisse, sagt Frank Sauer. Trotz der Herausforderungen bereiten sich die NATO-Mitglieder auf einen solchen Ernstfall vor: Deutschland stellt 5000 Soldaten für die Brigade bereit – ein Großverband der Bundeswehr, der dauerhaft in Litauen stationiert wird, um die Ostflanke der NATO zu schützen.
Die Strategie der NATO hat sich laut Sauer in den vergangenen Jahren verändert. Früher habe man im Ernstfall Feinde zunächst in das Land einmarschieren lassen, um sie dann vor Ort zu bekämpfen. Das sei heute anders. Der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz sagte: „Wir sind bereit, jeden Quadratzentimeter NATO-Fläche zu verteidigen.“ Mögliche Angreifer sollen gar nicht erst in die Staaten gelangen – und falls doch, möglichst schnell wieder verdrängt werden. „Wie gut die NATO-Staaten auf einen Angriff Russlands vorbereitet sind, hängt davon ab, wie schnell und effizient sie reagieren können“, sagt Sauer. Der Sicherheitsexperte hofft jedoch, dass es nicht so weit kommt. „In allem, was wir tun, müssen wir unsere Fähigkeiten so erweitern, dass wir abschreckend genug sind“, betont er.
Frank Sauer forscht und publiziert zu Fragen der internationalen Politik. Er beschäftigt sich vor allem mit dem Verhältnis zwischen Technologie und Sicherheit. Foto: Wikimedia Commons | C.Stadler/Bwag | CC BY-SA 4.0
Ohne Amerika massive Probleme bei der Abschreckung
Doch ohne die Unterstützung Amerikas hätten die Europäer bei der Abschreckung massive Probleme, so Sauer. „Schnelle Verlegefähigkeit, Betankungsfähigkeit, sichere Führungs- und Kommunikationssysteme, Luftverteidigung integriert mit ausreichend Munition: All das sind Dinge, bei denen wir uns in den vergangenen Jahrzehnten vollumfänglich auf die Amerikaner verlassen haben.“
Durch die Aufgabenteilung innerhalb der NATO sparten die Mitglieder Kosten, sagt auch Politikwissenschaftler Gareis. Was in der Kooperation vereinbart werde, sei berechenbarer. Den größten Teil der Verteidigungsausgaben des Bündnisses tragen nach wie vor die Amerikaner. Das zeigen NATO-Schätzungen aus den Jahren 2024 und 2025. Halten sich die Vereinigten Staaten finanziell zurück, müssten die anderen NATO-Staaten diese Lücke ausgleichen. Deutschland strebt deshalb an, 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2029 für Verteidigung auszugeben, wie aus einer Pressemitteilung des Bundesministeriums der Verteidigung hervorgeht.
Laut Sicherheitsexperte Sauer sind solche zusätzlichen Investitionen für die Infrastruktur der NATO dringend notwendig. Finanziert werden solle das Vorhaben durch Steuermittel, Schulden in den nationalen Haushalten und private Investoren. Trotzdem sei es schwer, die wegfallenden Mittel der USA zu kompensieren. „Im Vergleich zu dem, was die USA machen, sind diese Gelder Peanuts“, betont Sauer.
Amerikaner profitieren von Allianz mit Europa
Die finanzielle Dimension ist jedoch nur ein Teil des Problems. Noch schwerer wiegt für Europa die militärische Abhängigkeit von den USA. „Die Vereinigten Staaten von Amerika garantieren den Schutzschirm der NATO, besonders im nuklearen Bereich“, sagt Politikwissenschaftler Gareis. Russlands nukleares Dispositiv geht laut Gareis inzwischen über das der Vereinigten Staaten hinaus. Die entscheidende Frage sei, wie es Europa gelinge, den möglichen Wegfall des nuklearen Schutzschirms einer Supermacht wie den Vereinigten Staaten auszugleichen. „Offen gesagt glaube ich nicht, dass man ihn ersetzen kann.“
Allerdings sei das seiner Ansicht nach auch gar nicht notwendig. „Dieses Szenario, dass die Vereinigten Staaten einfach verschwinden und nicht mehr in der NATO sind, sehe ich nicht auf uns zukommen“, sagt Gareis. Die Vereinigten Staaten hätten weiterhin ein Interesse daran, eine europäische Macht zu bleiben. Die Allianz mit Europa bringe den Amerikanern viele Vorteile.
Enge Zusammenarbeit mit europäischen Verbündeten
Für einen Austritt aus der NATO bräuchte Trump ohnehin die Zustimmung des US-Kongresses. Laut Gareis steht die Mehrheit der amerikanischen Regierung weiterhin hinter der Allianz. Gareis zitiert den US-amerikanischen Politikwissenschaftler Joseph Nye: „Das Paradox der amerikanischen Macht besteht darin, dass sie diese Macht nicht allein ausüben kann, sondern für die Ausübung zwingend auf Verbündete angewiesen ist.“
Dieser Ausspruch beschreibe bis heute die transatlantische Beziehung zwischen den USA und Europa. Die Vereinigten Staaten arbeiteten weiter eng mit ihren regionalen Verbündeten in der EU zusammen. Zahlreiche große US-Militärstützpunkte sind seit Jahrzehnten in Europa stationiert. Dort befinden sich amerikanische Waffen, Truppen, Flugzeuge und Schiffe. Allein in Deutschland sind rund 36.000 US-Soldaten stationiert. Auch das amerikanische Afrika-Kommando sitzt in der Bundesrepublik. Ohne ihre regionalen Partner könnten die Amerikaner ihre Macht über die räumliche Distanz hinweg nur schwer präsentieren.
Sven Bernhard Gareis war im NATO-Hauptquartier in Brüssel in der Abteilung Politische Angelegenheiten und Sicherheitspolitik beschäftigt. Foto: privat/Gareis
Amerikaner könnten ihre Mitgliedschaft ruhen lassen
Trump hatte vor Kurzem gedroht, 5000 US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen, nachdem sich Bundeskanzler Friedrich Merz kritisch über die US-Offensive gegen den Iran geäußert hatte. Innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate sollen die Soldaten Deutschland verlassen, wie US-Verteidigungsminister Pete Hegseth angeordnet hatte. Ein Großteil der in Deutschland stationierten US-Truppen bleibt jedoch. Trumps Verhalten sei laut Gareis eher ein Beweis dafür, dass die Amerikaner weiterhin auf die Unterstützung ihrer Alliierten angewiesen seien. Zuletzt habe Trump im Iran-Konflikt immer wieder Hilfe aus Europa eingefordert – etwa bei der Sicherung der Straße von Hormus.
Auch Sicherheitsexperte Sauer hält einen Austritt Amerikas aus der NATO für unwahrscheinlich. Um die NATO zu schwächen, sei dieser Schritt gar nicht notwendig, sagt er. Die Amerikaner könnten ihre Mitgliedschaft faktisch ruhen lassen – also weniger investieren und weniger Waffen, Truppen und Flugzeuge bereitstellen. Bei einem Angriff Russlands auf einen NATO-Mitgliedstaat könnte sich Trump weitgehend heraushalten. Selbst Artikel 5 des Nordatlantikvertrags könnte den US-Präsidenten in einem solchen Fall nicht dazu zwingen, militärisch einzugreifen.
„Trump selbst war nie so richtig in der NATO drin“
Der Artikel besagt, dass ein Angriff auf einen oder mehrere Bündnispartner als Angriff auf alle gewertet wird. Politikwissenschaftler Gareis erklärt: „Das schreckt Angreifer ab, die nicht nur einen kleinen Staat attackieren könnten, sondern sich mit der gesamten Allianz anlegen müssen." Vorgeschrieben werde jedoch nicht, wie diese Unterstützung auszusehen habe. Sie müsse nicht zwingend militärisch erfolgen – auch finanzielle Hilfen seien möglich. Bei einem russischen Angriff wäre die NATO jedoch vor allem auf die militärische Unterstützung Amerikas angewiesen. Sauer hält ein solches Verhalten der Amerikaner für realistisch. „Trump selbst war nie so richtig in der NATO drin“, sagt er. „Er hat mehrfach zu verstehen gegeben, dass er mit dem Bündnis nichts anfangen kann – und es im Grunde ablehnt.“
Donald Trump hat sich in der Vergangenheit mehrfach kritisch zur NATO geäußert. Foto: Wikimedia Commons | Ministerie van Buitenlandse Zaken | CC BY-SA 4.0
Würde sich Trump von den Europäern abwenden, wäre das zwar laut Gareis ein harter Schlag für die NATO. In gewisser Weise sei das Bündnis aber vorbereitet. „Wir sind weiterhin an den transatlantischen Beziehungen und an diesem Bündnis interessiert“, betont Gareis. Gleichzeitig hätten die Europäer erkannt, dass die Zeiten vorbei seien, in denen die Vereinigten Staaten einen Großteil der Verteidigungslasten und -ausgaben tragen. „Wenn wir wollen, dass die Amerikaner in der ultimativen Frage des nuklearen Schirmes an unserer Seite bleiben, müssen wir attraktive Partner für sie sein.“
Europäer wollen sich im Ernstfall aufeinander verlassen können
Besonders Staaten an der Ostflanke der NATO drängen seit Jahren auf eine stärkere militärische Präsenz Europas und höhere Verteidigungsausgaben. Was in den vergangenen Jahrzehnten als Friedensdividende erhalten geblieben sei, müsse nun so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden. Gareis fasst zusammen: „Egal, in welche Richtung wir jetzt denken: Die Notwendigkeit ist für die Europäer da, stärker für ihre eigene Sicherheit einzutreten – bevorzugt an der Seite der Amerikaner.“
Das steigende Misstrauen gegenüber Trump sorgt für eine engere Zusammenarbeit innerhalb Europas. „Wir machen ganz erstaunliche Dinge“, sagt Sicherheitsexperte Sauer. In gemeinsamen Übungen wollen die NATO-Staaten weiter zusammenrücken, voneinander lernen und sich im Ernstfall aufeinander verlassen können. Beispiele dafür sind die alle zwei Jahre stattfindende „Arctic Challenge Exercise“ und das NATO-Großmanöver „Baltic Operations“ in der Ostsee im Juni 2025.
Die Verteidigungsfähigkeit weiter zu garantieren, bleibt die Kernaufgabe des NATO-Bündnisses. Das Ziel erreichen die Mitglieder nur gemeinsam. Foto: Wikimedia Commons | Saeima | CC BY-SA 2.0
Vereinheitlichung als Kernaufgabe
Trotzdem bleibt die To-do-Liste der Europäer in Verteidigungsfragen lang. Bei vielen Aufgaben geht es vor allem um eines: Vereinheitlichung. Laut Gareis verfügten die Europäer über zahlreiche unterschiedliche Großwaffensysteme – mit verschiedener Munition sowie jeweils eigenen Wartungs-, Instandhaltungs- und Reparaturanforderungen. „Ein Albtraum für jede Logistik, wenn an der Front so unterschiedliche Waffensysteme stehen“, sagt Gareis. Europa brauche deshalb eine gemeinsame industrielle Basis für die Verteidigung.
Die NATO ist seit mehr als 70 Jahren ein sicherheitspolitischer Pfeiler Europas und der transatlantischen Beziehungen. Die Unsicherheit über dem amerikanischen Schutzschirm befeuert eine Debatte, die in Europa seit Jahren geführt wird: Die Frage nach strategischer Eigenständigkeit. Staaten wie Frankreich drängen seit Langem auf mehr europäische Unabhängigkeit in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Dass Europa mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit übernehmen muss, darüber herrscht in weiten Teilen der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik Einigkeit. Die Frage ist, wie schnell die europäischen Länder die nötigen Fähigkeiten entwickeln. Denn sollte Washington im Ernstfall zögern, bliebe für langwierige Debatten keine Zeit.
Wie auch immer die Zukunft mit Amerika aussehen mag – entscheidend bleibt laut Gareis, die gemeinsame Stärke der NATO zu erhalten. „Die NATO bleibt eine Gemeinschaft von Staaten, die sich gegenseitig etwas versprochen haben. Alle Staaten fahren am besten, wenn sie sich an dieses Versprechen halten.“




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