Ein Kommentar von Leon Sieverding

Wir werden angegriffen. Das war im Sommer 2017 die Hauptbotschaft eines älteren Herrn in der ukrainischen Siedlung Solotwyno an der Grenze zu Rumänien. Gerichtet war sie an eine Gruppe in Westrumänien tätiger Deutschlehrkräfte. Diese hatten das Gebiet der Europäischen Union und der NATO verlassen, um in der Ukraine zu Abend zu essen. Obwohl der Donbass über eintausend Kilometer entfernt liegt, wies der Ukrainer die Unterstellung zurück, dass die Gefechte dort kaum Auswirkungen auf seine Lebensrealität hätten: Die gesamte Ukraine sei im Krieg.

Diese Szene erlebte ich am Ende meines Freiwilligendienstes, den ich über das Programm “kulturweit” an einem deutschsprachigen Gymnasium im westrumänischen Arad absolviert habe. Nach meinem Abitur war ich ein Jahr lang in der auswärtigen Kultur- und Bildungsarbeit aktiv. Dabei habe ich unter anderem rumänische Jugendliche auf das Deutsche Sprachdiplom vorbereitet, Veranstaltungen zur Berufs- und Studienorientierung organisiert sowie Texte für die Zeitung der deutschen Minderheit geschrieben. Im Zuge der laufenden Haushaltsberatungen hat das Auswärtige Amt mitgeteilt, dass dieser Freiwilligendienst im kommenden Jahr eingestellt wird. Diese Entscheidung der deutschen Bundesregierung ist ein strategischer Fehler, der sinnbildlich für die Defizite bei der zukunftsorientierten Absicherung der europäischen Idee steht.

Der Blick von Osten nach Westen

Während meiner Zeit an den südöstlichen Rändern der Europäischen Union waren politische, ökonomische und kulturelle Disparitäten im Alltäglichen erfahrbar. Ich habe rumänische Lehrer kennengelernt, die in ihren Sommerferien in Deutschland in der Landwirtschaft arbeiteten, deutsche Expats, deren relativer Lebensstandard erheblich über dem lag, den ihr Einkommen in Westeuropa hätte finanzieren können, sowie rumänische Teenager, die sich fließend in vier Sprachen verständigen konnten, um für die Suche nach attraktiven Studien- und Arbeitsplätzen in ganz Europa gerüstet zu sein. Im Laufe meines Freiwilligendienstes begann ich zu begreifen, was der jugoslawische Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić einst wie folgt ausgedrückt hat: „Ich verstehe alles, was in Paris, London, Wien geschrieben und gedacht wird. Aber sie verstehen mich dort nicht.

Für einen Großteil der politisch Verantwortlichen in Europa steht inzwischen fest, dass der russische Angriffskrieg nicht nur der Ukraine, sondern dem gesamten Westen gilt. Bis zum 24. Februar 2022 haben osteuropäische Warnungen vor Moskaus neo-imperialen Bestrebungen jedoch kaum Gehör in Westeuropa gefunden. Zudem ist Anfang vergangenen Jahres der Gedanke ins Weiße Haus eingezogen, dass die russischen Aggressionen die Interessen der USA unberührt ließen. Und so begab sich der US-Präsident gegen die Einwände Europas auf bilaterale Lösungssuche mit Wladimir Putin, die bis heute erfolglos geblieben ist. Auch deshalb denken sich immer mehr Menschen auf der östlichen Seite des Atlantiks: Wir verfolgen alles, was in Washington, New York und San Francisco geschieht. Aber verstehen sie uns dort noch?

Sparen ohne geostrategische Weitsicht

Die Bundesregierung muss nun Reformen nachholen und vor allem in die eigene Verteidigungsfähigkeit investieren. Von den 525 Milliarden Euro im regulären Bundeshaushalt 2026 sind 83 Milliarden Euro für das Verteidigungsministerium vorgesehen. Dies ist der größte Einzelplan nach dem des Ministeriums für Arbeit und Soziales. Aus dem 6 Milliarden Euro umfassenden Etat des Auswärtigen Amts fließt weniger als ein Promille, 5 Millionen Euro, in den seit 2009 bestehenden Freiwilligendienst “kulturweit”. Deutschsprachige Schulen und Kulturinstitutionen im Ausland erhalten dafür über 300 junge Vollzeitkräfte, die insbesondere in Osteuropa Vertrauen in Deutschlands wiederaufgebaute Reputation für „Einigkeit und Recht und Freiheit“ schaffen. Sie bilden damit auch eine zivilgesellschaftliche Versicherung, dass Deutschlands militärische Aufrüstung nicht national, sondern europäisch gedacht wird.

Vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen unterstütze ich ausdrücklich die Fokussierung des Bundeshaushalts auf Investitionen in die Wehrhaftigkeit, Resilienz und Zukunftsfähigkeit. Ich begrüße es, wenn im Zuge der Planungen für ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr die Einbindung junger Menschen in deutsche Institutionen im Ausland neu gedacht wird. Aus denselben Erfahrungen heraus halte ich die ersatzlose Einstellung des Freiwilligendienstes “kulturweit” jedoch für einen strategischen Fehler. Dieses Programm regt junge Menschen dazu an, freiwillig den Umgang mit einer veränderten Lebensrealität zu üben. Um auch für künftige schmerzhafte Veränderungen gerüstet zu sein, sollte nicht an Kleinstmitteln gespart werden, durch die junge Menschen mit jenen in den Austausch treten, die zuerst vor den drohenden Angriffen gewarnt haben.